Mysteriöse Katakomben Die Höhlen-Stadt unter Neapel

Neapel unterirdisch: 40 Meter unter der Stadt ist im Lauf der Jahrtausende eine faszinierende Welt entstanden - wo Menschen hausten, ihren Schrott verklappten, Könige geheime Fluchtrouten anlegten.

Vittorio Sciosia

Am Anfang war das Wasser, dann kamen die Bomben, am Ende der Müll. Neapels Unterwelt wurde begraben und vergessen. Bis es im Juni 1979 unter den Gradoni di Chiaia, mitten im alten Zentrum, brannte.

Sägespäne und Müll sorgten für ein Höllenfeuer, das sich tagelang ausbreitete. Häuser wurden evakuiert. Die Feuerwehr war macht- und ratlos, sie fand einfach keinen Zugang zum unterirdischen Brandherd.

Dann kam Michele Quaranta und führte die Löschtrupps zu einer Mauer. Die wurde aufgebrochen und dahinter fand sich eine lange Treppe, die, wie Quaranta aus Kindertagen wusste, steil in die Tiefe führte. Genau dahin, wo es brannte.

Die Feuerwehr löschte den Brand und Quaranta hatte eine Aufgabe fürs Leben gefunden: Höhlen, Treppen und Gänge zwischen riesigen Wasserspeichern wieder freizulegen und für die Neapolitaner und ihre fast eine Million jährlichen Besucher eine neue, geheimnisvolle Welt zu erschließen.

"Mit Michele hat das hier alles angefangen", sagt Alessandra. Sie ist Studentin, war ein Jahr in Berlin, spricht prima Deutsch und übernimmt es deshalb, deutschsprachige Touristen durch Teile des Labyrinths zu führen. Inzwischen gibt es sogar mehrere Vereine, deren Mitglieder sich in verschiedenen Zonen Meter für Meter weiter vor arbeiten. Viele Tonnen Trümmer, Bauschutt und Müll haben sie in mühseliger Arbeit in die Oberwelt zurückgebracht.

Vespa-Friedhof und Königskeller

Als Quaranta im vorigen Jahr starb, war es ein so großes Areal geworden, mit Eingängen an vielen Stellen, dass die Besucher sich entscheiden müssen, wo sie sich durch die faszinierende Unterwelt Neapels führen lassen wollen. Alessandra geht in den "Tunnel borbonico".

Der ist im 19. Jahrhundert auf Befehl des Bourbonen-Königs Ferdinand II. gegraben worden. Der ungeliebte, despotische Monarch wollte in unsicheren Zeiten einen sicheren Weg vom Königspalast zur Kaserne am Meer und damit zu seinen Schiffen haben. Sein Architekt hat die königliche Straße quer durch die Wasserspeicher geführt, Brücken gebaut, Durchgänge verbreitert, alles tief unter der Erde natürlich - und das alles gleich zweimal. Unter der Straße für den Herrscher liegt eine für Frau Gemahlin samt Gefolge.

Das Königspaar selbst hat dort kaum Spuren hinterlassen. Umso größer ist das Erbe der vermutlich letzten Nutzer des gewaltigen Untertage-Bezirks, der italienischen Justizbehörden. In langer Reihe, mehrfach übereinander, türmen sich Autos aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, ergraut von Staub und Alter, das Blech hauchdünn gerostet. Dazwischen, davor und dahinter stehen, liegen, stapeln sich die typischen italienischen Motorroller. Vespa-Friedhof wird dieser Abschnitt des Tunnels deshalb genannt.

Als weite Teile des unterirdischen Neapels schon zugemauert, zugeschüttet, zugemüllt und vergessen waren, stellte die Justiz hier noch ihre Beute ab. "Alles beschlagnahmt und dann auf dem unendlichen Rechtsweg verrottet", sagt Alessandra und führt zu den Überresten einer anderen Besiedlungsphase.

Fräulein Filomena empfängt auch im Untergrund

Am Rand des wohl 30 Meter hohen, von Menschenhand geschaffenen Hohlraums finden sich primitivste Toiletten - Löcher im Boden, dünne Holzwände dazwischen, vorne offen. An den Wänden sind brüchige Stromkabel verlegt, die zu ein paar Glühlampen führen, an einer Ecke hängt eine Sirene, die per Hand betrieben wird. Hinten im Raum liegen Möbelreste, Teile von Betten, ein paar Hocker, kaputtes Spielzeug.

Tausende Menschen haben in dieser Kaverne im Zweiten Weltkrieg Schutz vor den Bomben gesucht. Weil der Auf- und Abstieg über schmale, gefährlich-glatte Treppen extrem beschwerlich war, sind viele nach dem Alarm nicht mehr in ihre Häuser zurückgekehrt, sondern haben es sich dort halbwegs erträglich gemacht. Und als immer mehr Bomben den Großteil der gesamten Innenstadt in Schutt und Asche legten, hausten immer mehr Menschen tief unten. Am Ende waren es einige Zehntausend. Nicht wenige von ihnen blieben auch nach dem Krieg noch etliche Jahre. Denn oben gab es für sie keine Wohnung.

Fotos an den Stollenwänden zeigen das karge Leben jener Jahre. Dabei war es den Bewohnern bald so normal geworden, wie zuvor ihr Leben in Armut mit Tageslicht. Es wurde gestorben, geheiratet, Kinder wurden geboren. Und in einer anderen Wohnkaverne kann man heute noch den eindeutigen Hinweis einer jungen Neapolitanerin lesen: "Fräulein Filomena empfängt auch hier unten". In den Tuffstein geritzt, wie manche positive Urteile ihrer Kunden gleich daneben.

Wegenetz von 80 Kilometer Länge

Schon 470 vor Christus haben Griechen hier Regenwasserspeicher angelegt. Die Römer machten so weiter. Der Tuffstein, der dafür ausgegraben wurde, war oben im Sonnenlicht als Baustoff hoch begehrt. Der Putz zum Härten lag gleich dabei. Neapel wurde mit dem Gestein "aus dem eigenen Unterleib gebaut", sagt man hier. Und en passant entstand so eine zweite Stadt, mit einem Wegenetz von 80 Kilometern oder noch mehr, sagt Alessandra.

Das Ende der Unterstadt begann nach dem Krieg. Die Stadt lag in Trümmern. Fahrzeuge, um diese abzutransportieren, gab es nicht. So wurden sie in die Schächte geschüttet und füllten die einstigen Wasserspeicher. Manche Teile der Unterwelt wurden noch eine Weile genutzt. Wenn nicht von der Justiz, dann von der Mafia - als Lagerräume für Waffen und Rauschgift oder als Verstecke. Aber am Ende deckte der Müll fast alles zu.

Es war ja auch so bequem. Unter vielen Häusern in der Altstadt gab es die engen Schächte, durch die einst die Pozzari sich in die Tiefe hangelten. Die hielten die Wasserspeicher sauber und hatten nebenbei noch Zeit für manches andere. Kriminelle Geschäfte mitunter, aber auch galante Abenteuer mit den Damen in den Häusern, zu denen sie einen ganz eigenen Zugang hatten - den von unten.

Den nutzten die braveren Hausfrauen in Gegenrichtung: Sie warfen ihren Müll hinein. "Irgendwann war praktisch alles voll", sagt Alessandra, "bis es brannte und Michele Quaranta mit dem Aufräumen begann."

Führungen in Neapels Unterwelt
Geführte Touren zum Tunnel Borbonico
Standard Tour: Freitag, Samstag, Sonntag, jeweils um 10, 12, 15.30, 17.30 Uhr, ohne Anmeldung, 10 Euro für Erwachsene

Adventure Tour und Speleo Tour, 15 bzw. 30 Euro, nur nach Anmeldung;
Weitere Informationen: http://www.tunnelborbonico.info/en/home/
Einstieg zur Unterwelt unter der Piazza San Gaetano
Ohne Anmeldung: italienischsprachige Touren stündlich, täglich, ganzjährig; englischsprachige Touren zweistündlich; deutschsprachige Touren nach Absprache.

Weitere Informationen: http://www.napolisotterranea.org
Einstieg bei der Piazza Trieste e Trento
Samstag, Sonntag, Feiertage 10, 12, 16.30, 18 Uhr; Sprachen und Zeiten für Gruppen nach Absprache

Weitere Informationen: laes@lanapolisotterranea.it

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
udlinger 21.10.2015
1. Faszinierend
...die ersten beiden Bilder erinnern mich an Aufnahmen aus Gängen und Grabkammern der alten ägyptischen Pyramiden.
MrWitzig 21.10.2015
2. schon wieder....
so....verhuntzte durch 20 Filter gezogene Pseudo/HDR/HDI/Tiefen/Lichter/Sättigung/Körnung-Aufnahmen. Würde mir bei solchen "Dokubildern" mehr Neutralität wünschen wie bei "Tunnel Borbonico". Dem Herrn Sciosia sollte man Photoshop-Verbot erteilen!
c.PAF 21.10.2015
3.
Mysteriöse Katakomben? Ich kann hier nichts mysteriöses erkennen. Aber mystisch finde ich die Katakomben schon irgendwie...
Rao 21.10.2015
4. Ich frage mich...
ob es nicht nützlich wäre, diese Tunnel zu reinigen und erhalten, für den Fall eines erneuten Ausbruchs des Vesuv oder der Phlegräischen Felder. Neapel liegt ja dicht neben dem Berg und nicht weit von der vulkanischen Zone der Phlegräischen Felder weg, und eine schnelle Evakuierung der Millionenstadt mit ihren engen Gassen hat sich bei Tests als praktisch unmögliche Aufgabe erwiesen. Sollte also ein Ausbruch ohne nennenswerte Vorwarnzeit stattfinden (mindestens Monate im Voraus!) wären die Tunnel eine mögliche Zuflucht für Tausende, die in der Stadt festsäßen.
themistokles 21.10.2015
5.
Zitat von MrWitzigso....verhuntzte durch 20 Filter gezogene Pseudo/HDR/HDI/Tiefen/Lichter/Sättigung/Körnung-Aufnahmen. Würde mir bei solchen "Dokubildern" mehr Neutralität wünschen wie bei "Tunnel Borbonico". Dem Herrn Sciosia sollte man Photoshop-Verbot erteilen!
Hui wie schlimm... die ersten Bilder wurden auf hübsch "getrimmt". Sie haben vielleicht Probleme... Schauen Sie sich doch einfach die zweite Hälfte der Fotostrecke an. Da finden Sie ihre "normalen" Bilder....
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