Katamaransegeln bei Rügen: Auf schnellen Kufen um die Insel

Es rauscht, es weht, es spritzt: Die schlanken Rümpfe des Katamarans schneiden durchs Wasser, die Segler hängen fast waagerecht im Trapez - auch die Ostsee kann schwieriges Segler-Revier sein. Autor Nick Vogler umrundete in vier Tagen die Insel Rügen.

Kentern gehört zum Katamaran fahren wie die Kreidefelsen zu Rügen. Richtig umkippen will gelernt sein – behutsam zwischen dem sich neigenden Segel und den zwei Bootsrümpfen ins Wasser gleiten, dabei das Sportschiff möglichst nicht loslassen: Es könnte schneller davontreiben, als es der beste Schwimmer einholen würde.

Leute, die es lieben, auf den schnellen Katamaranen zu segeln, wissen das natürlich. Aber zwischen Theorie und Praxis gibt es Unterschiede, außerdem startet die Umrundung Deutschlands größter Insel genau am Rügendamm, unter dem die rund zehn Meter hohen Masten einfach nicht durchpassen wollen. Also: Einmal kentern bitte!

Brav hebt sich der Rumpf, der aus zwei Kufen mit einem dazwischen gespannten Netz besteht, aus dem Wasser. Das Segel klatscht auf die Wellen – geschafft. Vom Schlauchboot gezogen, geht’s ein Stück an Stralsunds Stadtkulisse mit gotischen Giebeln und großen Kirchen vorbei und unter der Brücke hindurch.

Hinter dem Rügendamm erheben sich die Masten wieder in Richtung Himmel, die Segel werden in den Wind gestellt: Der Törn kann beginnen. Vier Tage sind für die rund 220 Kilometer Strecke geplant, der Wind kommt von vorn, es wird viel gekreuzt. Am Ende werden die Segler rund 350 Kilometer bewältigt, dreimal am Strand gezeltet und – etliche Male die Boote wieder aufgerichtet haben.

Der Wind auf dem Greifswalder Bodden frischt auf. "Nicht zu dicht ans Ufer", hat Tour-Guide Tom Hausch, 29, gewarnt. Der Seebär kommt aus Rostock, verkaufte nach der Wende Eis an den Stränden von Fischland, Darß und Zingst und lebt jetzt auf Rügen fast wie damals: im Sommer arbeiten, im Winter geht’s ruhiger zu.

Ohne Führer zu gefährlich

Tom kennt die Gefahrenstellen der Route, weiß, wo Untiefen und versteckte Steine oder hinderliche Seegraswiesen lauern und sogar denkt daran, bei verspäteter Ankunft am Zeltplatz in der Kneipe anzurufen: "Sagt dem zweiten Koch Bescheid, er möchte warten." Ohne Führung und Begleitboot wäre so eine Tour viel zu gefährlich, sagt Volker Riede aus Berlin, mit 64 Jahren ältester Tourteilnehmer. Er traut sich einiges zu, denn er hat die Segelreviere der Welt durchprobiert. Ob türkische Ägäis, Mittelmeer in Tunesien, Rotes Meer in Ägypten – so ein Tourangebot wie das Rügener habe er noch nirgends gefunden: "Sonst hätte ich es längst gemacht."

Flott gleiten die schlanken Rümpfe durchs Wasser. Zu zweit werden die Katamarane gesegelt, einer ist für Großsegel und Steuer verantwortlich, der andere bedient das Vorsegel und hilft, das Boot zu trimmen. Das heißt, er verbringt bei rasanter Fahrt die meiste Zeit außerhalb des Bootes, in einem Gurt an die Wanten gehängt, mit den Füßen am Schwimmkörper abgestützt. Fast waagerecht hängt man im Trapez, oben der Himmel, unten die Wellen. Es rauscht, es weht, es spritzt. "Eine gute Sache, um den Kopf frei zu bekommen", sagt Christian Schwendy, 36, Software-Unternehmer aus München. Ihn hat das Segelvirus vor anderthalb Jahren infiziert, er hat zu Hause sogar einen eigenen Kat. "Aber was ist der Ammersee im Vergleich zur Ostsee", sagt Christian, zieht tief die salzige Luft in die Lungen und schaut auf die Küste Rügens. "Das hier, das ist einmalig."

Dann ruft er am Steuer: "Klar zur Wende", und der Vorschotmann kraxelt fürs Manöver ins Boot. Der neue Kurs ist noch schneller, oder hat der Wind zugenommen? Die Wogen werden kräftiger – "meterhoch", sagen die Segler hinterher stolz. In kurzer Folge schlagen die Wellen gegen die Sportler und ihre Geräte. Gischt spritzt, die Kufen heben sich und werden durchs Gewicht der weit draußen stehenden Segler wieder dorthin gepresst, wo sie hingehören: ins Wasser, denn nur dann ist das Boot das, was es sein soll – schnell.

Flaute vor Prora

Längst haben die Muskeln die kurze Pause am Palmer Ort, dem südlichsten Rügenzipfel, vergessen. Das Steuer zerrt an den Armen, die Schot reibt an der aufgeweichten Haut der Hände. Die Wellen tragen Schaumkronen, erste Anzeichen für Windstärke fünf. Jetzt ist das gemütliche Segeln vorbei, die Sportler genießen den Kampf mit den Naturgewalten. "Dit is’ dit, wo ick blitzende Augen krieje", berlinert Volker, der pensionierte Elektrotechniker, und wünscht sich ein Foto vom gewagten Surfen auf der Katamaran-Kufe.

Am Strand von Thiessow wartet aufgeregt der vierjährige Nils. Der kleine Urlauber aus Wolfenbüttel hat die fünf Katamarane schon von weitem gesehen, er beobachtet, wie die zwölf Segler, die in ihren schützenden Neopren-Anzügen wie Außerirdische wirken, erschöpft die Boote an Land ziehen. Sein Vater hat ihm einen Holz-Katamaran gebastelt, den trägt Nils bei sich und träumt davon, später auf einem echten zu fahren.

Aber das muss gar nicht immer ein wildes Erlebnis sein. Am zweiten Tag fällt der Wind fast komplett aus. Ganz beschaulich schaukeln sich die Boote im lauen Lüftchen vorwärts. Christian beginnt vom Geocaching, der Schatzsuche per Navigationssystem zu schwärmen. "Was das ist, erkläre ich, wenn’s auf dem Boot mal richtig langweilig wird", hat er bei Reisebeginn gesagt. Also erzählt er jetzt von Koordinaten und Internetseiten, während die Katamaran-Karawane um die Halbinsel Mönchgut schippert, später Prora passiert, das ehemalige Nazi-Erholungsbad. In Zeitlupe geht’s vorbei am Fährhafen Sassnitz, an den Kreidefelsen und an Lohme, wo ein Klinikgebäude nach Küstenabbrüchen im vergangenen Jahr bedrohlich dicht an der Steiluferkante steht.

"Dann liegste im Wasser"

Christian ist gedanklich immer noch auf Internetschatzsuche ("Drei Nächte lang haben wir im Wald mit Taschenlampen nach versteckten Reflektoren gesucht"), ein Seeadler schwebt in großer Höhe am Himmel, die sinkende Sonne taucht Rügen in warme Farben. Dann treibt eine kleine Brise die Boote zur Anlegestelle Glowe auf der Halbinsel Schaabe. Nach dem Essen in der Kneipe – der Koch hatte gewartet – erzählen die Segler Geschichten von Mast- und Schotbruch, und Volker hat das alles schon erlebt, sagt er: "Rumms, als wenn ein Blitz einschlägt – und dann liegste im Wasser."

Die Fischer in Glowe sind lange vor den Seglern auf den Beinen. Sie pulen die Flundern aus den Netzen, schimpfen auf Kormorane und Dorschquote, sagen aber guten Wind voraus. Der treibt die Rügenumsegler um die nördlichste Spitze der Insel, Kap Arkona mit dem Leuchtturm, den Baumeister Karl-Friedrich Schinkel 1826 gebaut hat. Zügig geht’s nach Hiddensee. "Fast besser als Skifahren", schwärmt die Österreicherin Ursula Schweighard, 33, und das wolle bei ihr etwas heißen.

Die letzte Nacht beginnt mit einem gemeinsamen Sonnenuntergangserlebnis und Bier am Strand. Am Horizont ist bereits die Stralsunder Volkswerft zu sehen, das letzte Stück ist am nächsten Tag schnell geschafft. "Wer einmal um Rügen gesegelt ist, möchte das immer wieder", sagt Knut Kuntoff, 37, Chef der Segelschule in Altefähr zufrieden. Nächstes Jahr will er die Katamaran-Flotte erweitern, die geführte Tour sei ein einträgliches Geschäft. Zum Abschied umarmen sich die Segler. "Bis bald", sagen viele. Und Ursula sagt, man sei doch jetzt eine große Familie.

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Katamaran-Segeln: Vorbei an Mönchgut und Kreidefelsen