Katastrophentourismus: Ukraine will Tschernobyl für Besucher öffnen

Abenteuerurlaub am Unglücksreaktor: Die Ukraine will ab 2011 Reisen nach Tschernobyl anbieten. Angeblich ohne Gefahr sollen Besucher dann das Gelände der Atomkatastrophe besichtigen können - die Regierung hofft auf eine Million Besucher pro Jahr.

Tschernobyl: Urlaub am Reaktor Fotos
DPA

Die Ukraine will ein neues Tourismusfeld erschließen. Ab dem kommenden Jahr sollen Besucher die Zone um den Unglücksreaktor in Tschernobyl besichtigen können. Sie sollen auf diese Weise mehr über die schwerste nukleare Katastrophe der Geschichte lernen. Am 21. Dezember will Katastrophenschutzministerium einen detaillierten Plan vorlegen.

"Touren nach Tschernobyl sind Extremtourismus", sagte Anatoliy Pakhlya, der Leiter der staatlichen Tourismusgesellschaft, nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti. "Ich denke, das Format für solche Touren kann ausgeweitet werden. Wenn wir mit dem Ministerium für Katastrophenschutz zusammenarbeiten, kann die Zahl der Touristen erhöht werden."

Im Moment sei die Zahl derer, die zu dem Reaktor wollten, zwar noch gering, aber es gäbe viele neugierige Menschen, die nach Abenteuern suchten. Der ukrainische Tourismusdelegierte Dmytro Zaruba rechnet mit einem wahren Ansturm: Er hält bis zu eine Million Besucher pro Jahr für möglich.

Im Atomkraftwerk Tschernobyl hatte es am 26. April 1986 eine Explosion in einem Reaktor gegeben, radioaktive Strahlung verteilte sich über einen großen Teil Nordeuropas. Hundertausende mussten aus den verseuchten Gebieten in der Ukraine, Weißrussland und Russland umgesiedelt werden. Noch heute leiden viele unter den gesundheitlichen Folgen der Katastrophe.

Die stark verseuchte Zone in einem Radius von 48 Kilometern um den Reaktor wurde evakuiert und abgesperrt. Besucher durften das Sperrgebiet nicht betreten. Heute erhalten etwa 2500 Personen die Reste des geschlossenen Atomkraftwerks. Sie arbeiten in Schichten, um das Risiko durch die Strahlung zu mindern. Einige hundert umgesiedelte Bewohner sind in ihre Dörfer zurückgekehrt - trotz des Verbots durch die Regierung.

Illegale Anbieter buhlen schon jetzt um Touristen

Das US-Magazin Forbes hat die Region um den Reaktor bereits als eines der interessantesten Touristenziele weltweit bezeichnet. Schon jetzt bieten einige Firmen Touren zu den gesperrten Gebieten an. Nach Angaben der Regierung sind diese Ausflüge jedoch illegal, die Sicherheit sei nicht garantiert.

Eine Sprecherin des Ministeriums für Katastrophenschutz sagte, Experten würden nun Routen entwickeln, die den wirklich gefährlichen Punkten nicht zu nah kämen und sowohl sowohl medizinisch unbedenklich als auch informativ seien. Sie sagte jedoch nicht, wann die Touren starten sollen. Ohne Begleitung herumlaufen sollen die Touristen jedoch nicht. "Es gibt viel zu sehen, wenn man der offiziellen Route folgt und sich nicht von der Gruppe entfernt", so die Sprecherin.

Die Chefin des Uno-Entwicklungsprogramms, Helen Clark, besuchte das Kraftwerk in Tschernobyl am Sonntag zusammen mit Wiktor Baloha, dem ukrainischen Minister für Katastrophenschutz. Sie sagte, sie unterstütze das Projekt, weil es helfen könne, Geld zu sammeln und eine wichtige Lektion über Atomsicherheit zu erteilen.

Aus dem Ministerium für Katastrophenschutz hieß es am Montag, man hoffe, dass der neue Stahl-Sarkophag für den Unglücksreaktor bis 2015 fertig ist. Die riesige Schutzhülle soll die Strahlung an der Unglücksstelle eindämmen und wird 150 Meter hoch, 260 Meter breit und 150 Meter lang sein. Das ist groß genug, um die Pariser Kathedrale Notre-Dame zu beherbergen. Sie wiegt 20.000 Tonnen und wird über den bisherigen Sarkophag gestülpt.

fro/AP

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Einfallsreich
Sternencolonel 14.12.2010
Eines muss man den Osteuropäern lassen, einfallsreich sind sie, wer würde bei uns auf die Idee kommen Tschernobyl zur Touristen Attraktion zu machen ? Bleibt nur zu hoffen das die Touren wirklich unter Berücksichtigung der Gefährlichkeit ausgearbeitet werden und das die Tourguides nicht für ein paar Dollar/Euro auch nen Abstecher machen.
2. was
Dunkeltroll 14.12.2010
soll daran neu sein? für hiesige angehörige ausländischer vertretungen werden touren nach tschernobyl seit jahren angeboten. wers braucht, bitte.
3. .
frubi 14.12.2010
Zitat von sysopAbenteuerurlaub am Unglücksreaktor: Die Ukraine will ab 2011 Reisen nach Tschernobyl anbieten. Angeblich ohne Gefahr sollen Besucher dann das Gelände der größten Atomkatastrophe alles Zeiten besichtigen können - die Regierung hofft auf eine Million Besucher pro Jahr. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,734521,00.html
Dann spenden wir Steuerzahlern den MdB´s, die für die Laufzeitverlängerung gestimmt haben, einen Erholungsurlaub in der schönen ukrainischen Landschaft. Als Highlight darf dann jeder MdB`s ein 2-köpfiges Wildschwein erschießen. Angie sperren wir einfach im Betonkäfig, zusammen mit Großmann und Co., ein.
4. Wetten?
Olaf 14.12.2010
Zitat von sysopAbenteuerurlaub am Unglücksreaktor: Die Ukraine will ab 2011 Reisen nach Tschernobyl anbieten. Angeblich ohne Gefahr sollen Besucher dann das Gelände der größten Atomkatastrophe alles Zeiten besichtigen können - die Regierung hofft auf eine Million Besucher pro Jahr.
Und der größte Teil davon wird aus Deutschland kommen
5. Und sie kommen alle strahlend zurück!
graubärtchen 14.12.2010
Zitat von frubiDann spenden wir Steuerzahlern den MdB´s, die für die Laufzeitverlängerung gestimmt haben, einen Erholungsurlaub in der schönen ukrainischen Landschaft. Als Highlight darf dann jeder MdB`s ein 2-köpfiges Wildschwein erschießen. Angie sperren wir einfach im Betonkäfig, zusammen mit Großmann und Co., ein.
Und dann strahlen alle: Unsere "sachkundige" Staatssekretärin Katharina Reiche kann nun vor Ort studieren, wovon sie immer schwafelt. Vielleicht kommt sie bei ihrem Besuch auf neue Ideen: Ein Endlager muss nicht unbedingt unterirdisch sein: eine Art Kathedrale tut's auch, passt sogar besser zum C im Parteinamen. So gewinnt das Ganze eine Note, die nachfolgende Generationen daran erinnert, wer es verbockt hat.
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