Abenteuer Kaukasus: Schotterpiste zum Zockerparadies

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Orthodoxe Heiligtümer, abenteuerliche Serpentinen - und erste Oasen des Tourismus: Die Georgische Heerstraße windet sich durch den Hohen Kaukasus, verbindet Tiflis mit Russland. Über allem thront der Kasbek - ein Paradies für Wanderer und Bergsteiger.

Kaukasus: Auf der Georgischen Heerstraße Fotos
Georgia National Tourism

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Der orthodoxe Geistliche ist aufgebracht und gestikuliert wild mit den Armen. Widerwillig hatte er seine Zustimmung gegeben für ein Foto in der Gergetis Sameba, der am Fuß des 5033 Meter hohen Bergriesen Kasbek gelegenen Dreifaltigkeitskirche. Dass der Tourist nun gleich mehrmals auf den Auslöser drückt, um sein Motiv einzufangen, geht dem Georgier zu weit. Vehement drängt der Mönch den in Ungnade Gefallenen zum Aufbruch und schickt ihm einige Verwünschungen hinterher, als er die Eisentür zuknallt.

In der Geschichte des Hohen Kaukasus haben Eindringlinge schon oft für Ärger gesorgt. Kriege, Handel, Völkerwanderungen: Es ist eine bewegte Geschichte, die über Jahrtausende Georgien formt, den multiethnisch geprägten Staat an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien. Der Georgischen Heerstraße, die Tiflis mit der südrussischen Agrarmetropole Wladikawkas verbindet, kam dabei herausragende Bedeutung zu, war sie doch für Jahrhunderte der einzige Handelsweg durch den Hohen Kaukasus.

Heute bietet sich entlang der Trasse Gelegenheit, den Charakter Georgiens als Land zwischen West und Ost, zwischen Tradition und Moderne zu erfahren. Letztere hat im Wintersportzentrum Gudauri Einzug gehalten, das man, von Tiflis kommend, über 18 steile Serpentinen erreicht. Hier oben, auf knapp 2000 Metern Höhe, ist Wato Asatashvili als Berater für Tourismusunternehmen tätig. Wato, ein Sunnyboy mit bunter Ray Ban auf der Nase, spricht perfekt Deutsch. "Ich habe in Wien Geschichte studiert", sagt er.

Hinter Gudauri fängt das Abenteuer an

Wato berichtet davon, wie Gudauri bereits zu Glasnost-Zeiten behutsam für Investoren und Fachleute aus dem Westen geöffnet wurde. Hotels entstanden, erste Lifte wurden gebaut. In den wilden neunziger Jahren kam dann der wirtschaftliche Absturz. Erst unter dem Präsidenten Micheil Saakaschwili sei ab 2003 wieder in Gudauri investiert worden. Tatsächlich sind in der mitunter trostlos wirkenden Streusiedlung einige neue Hotels und Pensionen auszumachen. Glanzstück ist aber das Skigebiet, das von einer brandneuen Gondelbahn erschlossen wird und mittlerweile europäischen Standards entspricht.

Hinter Gudauri fängt das Abenteuer an: Jäh weicht die asphaltierte Straße am Ortsausgang einer Schotterpiste. Wohl dem, der wie wir über einen Jeep verfügt. Der Fahrer, der Österreicher Wolfgang Gratzel, kennt sich auf dieser Straße bestens aus. Er bereiste das Land schon viele Male.

Versehen mit armenischen, aserbaidschanischen oder russischen Nummernschildern, quälen sich überwiegend betagte Mittelklassekarossen über das Gebirge. Der Jeep passiert ein bombastisches Denkmal, das zu Sowjetzeiten das brüderliche Verhältnis zwischen Russen und Georgiern symbolisieren sollte. Das riesige Fresko ist mittlerweile verblichen, Risse ziehen sich durchs Mauerwerk. Damit ist das Monument ebenso erodiert wie die Beziehungen zwischen Russen und Georgiern.

Gefährlicher Stillstand im Tunnel

Hinter dem nächsten Bergkamm liegt die Region Südossetien, um die die beiden Länder im Jahr 2009 einen kurzen, aber erbitterten Krieg führten. Nun ist Südossetien Teil der russischen Machtsphäre am Kaukasus, ohne jedoch völkerrechtlich als Staat anerkannt zu sein.

Auf der Nordrampe windet sich die Heerstraße in Serpentinen zu Tal, führt durch baufällige, unbeleuchtete Tunnel. Plötzlich stoppt der Verkehr. Ein uralter Lkw ist am Ausgang einer Röhre liegengeblieben. Der Fahrer eines Reisebusses versucht, den schmalen Korridor neben dem Havaristen zum Überholen zu nutzen. Scheiben knacken, Metall kreischt auf Metall, als sich der Bus schließlich vorbeischiebt.

Wer solche Szenen erlebt, dem wird klar, warum zu beiden Seiten der Anhöhe riesige Militärtrucks aus Sowjetzeiten parat stehen. Im Notfall schleppen die dunkelgrünen Ungetüme liegen gebliebene Lastwagen über den Berg - natürlich nicht, ohne dass ihre Fahrer dafür einen ordentlichen Obolus berechnen.

Kurz darauf ist das Tal des Terek erreicht. Drei Autostunden von Tiflis entfernt bestimmt Armut das ländliche Leben. Verfallene Häuser aus Sowjetzeiten dominieren in vielen Ortschaften das Bild, mürrisch dreinblickende Männer treiben Herden magerer Rinder quer über die Straße.

Wachen vorm Zockerparadies

Die atemberaubende Landschaft bietet aber auch eine Perspektive für den Tourismus. Zunehmend etabliert sich die Region um den Ort Stepantsminda am Fuß des Kasbek, des östlichsten Fünftausenders im Kaukasus, als Paradies für Bergsteiger und Bergwanderer. Wolfgang Gratzel hat den Berg sowohl im Winter als auch im Sommer bestiegen. "Es ist ein sehr leichter Fünftausender, vergleichbar mit einer hochalpinen Gletschertour in den Alpen", sagt er. "Lediglich kurz vor dem Gipfel gibt es eine 35 Grad steile Rampe, wo man Steigeisen benötigt."

Für Wanderer, so Gratzel, sei die Region attraktiv, da mit Steinhaufen markierte Pilgerpfade die umliegenden Täler erschließen, ohne dass eigens ausgeschilderte Wanderwege die Massen anlocken. Einer der Pilgerwege führt zur Dreifaltigkeitskirche. Auch im Hinblick auf die Unterkünfte tut sich etwas: Unweit der Kirche wurde im Dörfchen Gergeti kürzlich eine komfortable Berghütte errichtet, die als Basis für Trekker und Bergsteiger dient.

Das aufsehenerregendste Tourismusprojekt der Region ist in Stepantsminda zu bestaunen, auf der anderen Seite des Flusses: Millionenschwere Investoren von der Schwarzmeerküste ließen hier das Fünf-Sterne-Resort Rooms Hotel errichten. Im kubischen Stil gebaut und mit Holz verkleidet, könnte das Hotel auch in der Schweiz stehen - ganz im Gegensatz zu den grimmigem Figuren im Maßanzug, die die Einfahrt bewachen. Ihre Mission: die betuchte Klientel abzuschirmen, die vor allem aus Russland zum Zocken im hoteleigenen Kasino anreist.

Trotz des gespannten Verhältnisses zwischen Russen und Georgiern müssen sie akzeptieren, dass die selbstbewusst auftretenden russischen Touristen die Devisenbringer sind. Ändern dürfte sich das erst, wenn mehr Besucher aus dem Westen die Reize der Region für sich entdecken. Die sollten es jedoch vermeiden, beim Besuch der Dreifaltigkeitskirche zu oft auf den Auslöser zu drücken.

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1. Mönche in Gergeti
lyndhurst 30.05.2013
Wir waren letztes Jahr in Gergeti und haben lange mit dem Mönch geredet, der damals die Kirche hütete. Er war ein hochgebildeter Mann aus Südossetien, der bei der Invasion durch Russland viele Angehörige verloren hatte und selbst vertrieben wurde. In dem einsamen Kirchlein versuchte er, wieder Frieden mit Gott undden Menschen zu finden. Alle wurden herzlich begrüßt, auch die russischen Besucher. Ein zutiefst beeindruckender Mensch.
2.
yellowstone 30.05.2013
Das Rooms Hotel in Stepantsminda ist ein absoluter Geheimtipp an dieser Stelle...bei unserem Besuch gab es keine grimmigen Türsteher, sondern vom Ersten bis zum Letzten superfreundliches Personal, besten Service und sehr gute Küche. Der Ausblick aus den bergseitigen Zimmern ist spektakulär, das Design des Hotels mit Holz, schwarzem Schiefer und Stahl aussergewöhnlich...dass es sicher im ersten auf russische Wochenendbesucher abstellt, sollte Niemanden abhalten...der ideale Ausgangspunkt für Wanderungen zum Kazbek...die Fahrt ist jedoch, besonders bei schlechtem Wetter, nichts für schwache Nerven, knietiefe Spurrinnen, keine oder ausgebrochene Begrenzungen zur Schluchtseite und jede Menge furchterregender Überholmanöver, wie in Georgien üblich..wir nahmen ein "normales" Taxi von Tiflis, der Fahrer ertrug stoisch den ko zweier Stossdämpfer und kam trotzdem pünktlich, um uns wieder abzuholen....
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