Das Kidlington-Rätsel Warum ein englisches Dorf von Chinesen überrannt wird

Anfang des Jahres begannen Gruppen chinesischer Touristen fotografierend durch Kidlington bei Oxford zu ziehen. Was machte einen Ort, an dem absolut nichts ungewöhnlich ist, zum internationalen Tourismusziel?

Church Street, Kidlington: Alles total normal?
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Church Street, Kidlington: Alles total normal?


Viele Menschen beginnen die Vorbereitung für eine Reise an einen ihnen unbekannten Ort heute auf Seiten wie Tripadvisor. Der kennt nicht nur Hotels und Restaurants, sondern hält auch Freizeittipps bereit. Außer für das englische Kidlington, denn laut Tripadvisor gibt es dort nur zwei nennenswerte Aktivitäten: Kanufahren und Camping. Aber der örtliche Zeltplatz, war da zuletzt zu lesen, tauge nichts.

Ansonsten: Tabula rasa.
Nichts.
Was laut Gemeindeverwaltung nicht stimme: Kindlington hat 50 Geschäfte, eine alte Kirche, eine Dorfhalle. Mitte Dezember tagen dort die Vogelfreunde Oxford. Außerdem habe man rund 13.700 Einwohner, weshalb Kidlington als zweitgrößtes Dorf Englands gilt. Einen Regionalflughafen nahebei gibt's auch noch und einen Friseursalon namens Übüntü. Und die rege Durchgangsstraße natürlich, die auch die andauernde Existenz des Dorfes weitgehend erklärt.

Nicht aber die chinesischer Touristen.

Das letzte Mal machte Kidlington am 8. August 1963 nationale Schlagzeilen. Passiert war dort zwar nichts, aber zumindest wurde in Kidlington darüber geredet: Die Polizei des Thames Valley stellte ihre ersten Ermittlungserkenntnisse über den legendären Postzugraub in Kidlington der Öffentlichkeit vor.
Seitdem herrschte Ruhe.

Bis die Chinesen kamen. Zuerst berichteten lokale Medien im Frühsommer über Busse, die jeweils Gruppen von 40 Chinesen in Kidlington absetzten und nach einer Weile wieder einsammelten. Die exotischen Besucher nutzten ihren Aufenthalt, Privathäuser zu fotografieren, Spielgeräte in Vorgärten auszuprobieren und, offen gesagt, die Bewohner zunehmend zu irritieren.

Was wollten die hier? Die Kirche interessierte sie nicht. Das galt auch für alle anderen Sehenswürdigkeiten: Die Kreisfeuerwehr zum Beispiel oder das regionale Polizeihauptquartier (siehe oben: Postraub und so weiter). Dort häuften sich nun allerdings besorgte Anfragen und Beschwerden.

Anwohner fragten sich: Warum fotografieren die mein Haus? Meinen Garten? Warum hüpfen die auf meinem Trampolin? Vielleicht, mutmaßten manche, hatte der chinesische Tourveranstalter denen ja fälschlicherweise erzählt, "Harry Potter" sei dort gedreht worden?

Was ist interessant an Kidlington?

Tatsächlich, zeigte sich nun bei Facebook und in Internetforen, war es selbst Einwohnern des Großdorfes komplett rätselhaft, was irgendwer dort wollen könnte.

Da konnte es natürlich nicht lange dauern, bis die ersten Medienleute auftauchten. Sie warteten, mit großen Kameras mit schicken, cremefarbenen Teleobjektiven bewaffnet, auf den nächsten Bus. Und obwohl der zuverlässig frische Chinesen brachte, kam man der Lösung des Rätsels nicht näher. Schon im Juli nahm der "Daily Mirror" Kidlington in seine Liste der absurdesten Touristenattraktionen der Welt auf - neben Tschernobyl, dem Bang-Kwang-Gefängnis in Bangkok und der Ruhmeshalle der Küchenschaben in Plano, Texas.

Im Juli war schließlich die BBC vor Ort und interviewte die Kidlings, wie sich die Bewohner des Großdorfes selbst nennen. Ein Witzbold sagte den Reportern: "Das sind Zeitreisende. Irgendetwas Schreckliches muss mit unserem Dorf passieren, wenn wir aus der EU austreten. Die wollen Kidlington vorher noch einmal sehen."

Als Erklärung war das nicht schlechter als jede andere bis dahin gefundene, nur witziger.

Was den TV-Reportern nicht gelang: Eine Busladung der rätselhaften Touristen zu stellen. Stattdessen verteilten sie einen ins Mandarin übersetzten Fragebogen an Anwohner. Doch monatelang geschah nichts.

Bis Oktober. Dann gelang es einem Kidlington-Einwohner, nicht einfach irgendeinen chinesischen Touristen zu stellen, sondern eine der Fremdenführerinnen!

Kidlington, erzählte die dem verblüfften Total-Normaldorf-Bewohner, wirke auf die Chinesen waaaahnsinnig idyllisch, weil es so sauber sei. Alle schmissen ihren Müll in bereitgestellte Tonnen, wie sich die Touristen bei ungezählten Stichproben gern vergewisserten. Und überhaupt biete das Dorf eine Umwelt mit viel Grün, die Otto Normalchinesen endlich mal wieder daran erinnere, wie es sein könnte, wenn die Dinge nur richtig gemacht würden. Mit gepflegten Vorgärten, in denen man sich deshalb so gern umsehe.

Chinesische Touristen (Symbolbild): Absolut alles ist es wert, fotografiert zu werden
Getty Images

Chinesische Touristen (Symbolbild): Absolut alles ist es wert, fotografiert zu werden

Echt jetzt? So ließe sich die vorherrschende Reaktion der regionalen Presse summieren. Das war ja eigentlich richtig nett! Viel besser als all die Theorien, Kidlington liege schlicht und ergreifend im perfekten Pinkelpausen-Timing zwischen zwei wirklich sehenswerten Orten. Wo auch immer.

Es mag sogar sein, dass die Chinesen Kidlington tatsächlich auch deshalb auswählten. Der eigentliche Grund, kam nun jedoch heraus, ist pekuniärer Natur: Es geht wie immer ums Geld.

Die "New York Times" kam der Sache schließlich auf den Grund: Exakt 6,2 Kilometer vom Zentrum von Kidlington entfernt liegt der Eingang zu Blenheim Palace, dem Stammsitz der Churchills und Ort der bekanntesten Ausstellung über deren berühmtesten Spross Winston. Blenheim ist Pflicht für Chinesen auf Tour, aber nicht jeder hat Lust, die zusätzlichen 68 Dollar, wie die "Times" aufrechnet, zu bezahlen, die der Tourveranstalter dafür verlange.

Diejenigen, die das Schloss nicht besichtigen wollten, hätte man früher einfach in der Nähe abgesetzt und später wieder eingesammelt. Bis die herausfanden, dass sie zum Schloss laufen, 24,90 Pfund Eintritt zahlen und das Schloss auf eigene Faust erkunden konnten. Und das, so die "Times", habe für Irritationen gesorgt, wenn im Schloss chinesische Wenig- auf düpierte Vielzahler trafen.

Der Tourveranstalter löste das stunkträchtige Problem, indem er zahlungsunwillige Chinesen fürderhin an einem Ort absetzte, von dem aus man mehr als eine Stunde brauchen würde, um nach Blenheim Palace zu laufen. Und so lang, man ahnt das, braucht keine chinesische Reisegruppe für ein Schlösschen von Blenheims bescheidenen Ausmaßen.

Kidlington, so sieht es aus, ist also eine Art Chinesen-Parkplatz oder, freundlicher gesagt, eine Wucherschutzzone. Und obendrein noch hübsch anzusehen.

pat

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