Kiiking-Weltrekordler "Schaukeln macht süchtig"

"Kiiking" ist Extremsport auf Estnisch: Festgebunden an überdimensionierten 3000-Euro-Schaukeln, überschlagen sich die Athleten in bis zu sieben Meter Höhe. SPIEGEL ONLINE spricht mit Weltmeister Andrus Aasamäe über Adrenalin, Schmerz, Schwerkraft und flatternde Innereien.


SPIEGEL ONLINE: Herr Aasamäe, wie wird man Weltrekordhalter im Schaukeln?

Aasamäe: Indem man sich auf eine Schaukel stellt, die Hände und Füße festbindet, Schwung holt und einmal überschlägt.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt wie Zirkus und auch etwas lebensmüde.

Aasamäe: Etwas Mut gehört dazu, und es sieht sicher auch spektakulär aus. In Estland ist "Kiiking" eine Sportart, die zwar noch sehr jung und noch nicht so verbreitet ist, aber sehr ernst genommen wird und gewiss nichts mit Zirkus zu tun hat. Zurzeit gibt es rund hundert Aktive in fünf Clubs. 1996 wurde die erste Kiik aus Metall entwickelt, mit Teleskoparmen, die man von drei bis auf acht Meter ausfahren kann. "Kiik" ist Estnisch und bedeutet Schaukel.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert Kiiking?

Aasamäe: Mit einer Mischung aus Kraft und Technik. Das Prinzip ist einfach: Wenn die Schaukel sich nach oben bewegt, streckst du dich. Wenn die Schaukel sich nach unten bewegt, gehst du in die Hocke. Wenn du dem Boden am nächsten bist, musst du möglichst tief in der Hocke sein und dich dann explosionsartig strecken, um den größten Schwung mitzunehmen. Dann sind die Kräfte, die an dir zerren, aber auch am gewaltigsten.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt sich das an?

Aasamäe: Das sind unglaubliche Schmerzen. Alles rutscht nach unten. Dein Magen beginnt zu flattern, und du musst dich mit Kraft aus den Beinen wieder rausstemmen.

SPIEGEL ONLINE: Das scheint nicht ganz ungefährlich zu sein!

Aasamäe: Ja, aber nur wenn die Hände und Füße nicht richtig mit Gurten und Schlaufen befestigt sind. In zwölf Jahren habe ich von keinem schwerwiegenden Unfall gehört. Einmal hat sich jemand das Handgelenk gebrochen, der war aber auch betrunken.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird die Höhe festgelegt?

Aasamäe: Gemessen wird der Abstand vom Brett bis zur Achse der Schaukel. Je länger dieser Abstand ist, desto schwieriger wird der Überschlag. Wie beim Hochsprung kannst du deine Höhe selber bestimmen, du hast aber nur einen Versuch. Schaffst du es nicht, bist du ausgeschieden. Mehr als vier oder fünf Höhen pro Wettbewerb sind aber nicht möglich, da es viel zu anstrengend ist. Du musst also pokern und sehr genau darauf achten, wie fit du dich fühlst.

SPIEGEL ONLINE: Warum machen Sie das?

Aasamäe: Kiiking macht süchtig. "Ohne Drogen im Himmel" ist das Motto unserer Sportart. Geschwindigkeit und Höhe wirken wie eine Adrenalinbombe, vergleichbar mit Bungeejumping. Du bewegst dich rasend schnell auf und ab.

SPIEGEL ONLINE: Wie behalten Sie da die Übersicht?

Aasamäe: Wenn man kopfüber in der Luft steht, ist das nicht ganz einfach. Du brauchst also immer jemanden, der dir mit Zurufen hilft. Manchmal fehlen nur wenige Zentimeter bis zum Überschlag - dennoch musst du den Versuch abbrechen, wenn die Kraft nicht mehr langt. Länger als zwei Minuten schafft das kaum jemand.

SPIEGEL ONLINE: Warum gibt es diesen Sport nur in Estland?

Aasamäe: Das Schaukeln hat bei uns eine jahrhundertealte Tradition, in der Mitte jedes Dorfes steht eine große Holzschaukel. Meist können vier bis zehn Menschen darauf im Stehen gemeinsam schaukeln. Jedes Wochenende im Sommer kommt man zusammen, feiert und schaukelt. Das Fliegen war schon immer ein Traum des Menschen. Und Schaukeln macht einfach glücklich. Man ist den Sternen näher.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie das erste Mal auf einer Sportschaukel gestanden?

Aasamäe: Das war 1996 auf einem Sommerfest am Strand. Man musste 25 Kronen für einen Versuch zahlen und sollte 50 zurückbekommen, wenn man den Überschlag in einer Höhe von fünf Metern geschafft hatte. Ich sah mir an, wie die anderen es versuchten. Und gleich mein erster Versuch gelang.

SPIEGEL ONLINE: Wie trainieren Sie?

Aasamäe: Ich bin einer der wenigen, die eine eigene Kiik haben. Die Schaukeln sind nicht ganz billig, 3000 Euro aufwärts – dafür bekommt man auch ein Auto. Ich habe damals eine gebrauchte Kiik für 1000 Euro gekauft. Als ich sie im Garten aufstellte, mussten meine Nachbarn sich zunächst daran gewöhnen, dass ich nun problemlos in ihre Schlafzimmer im ersten Stockwerk gucken konnte.

SPIEGEL ONLINE: Bis heute sind Sie der Einzige, der die Sieben-Meter-Marke geschafft hat.

Aasamäe: Vor acht Jahren war das – 7,01 Meter. Dann dauerte es bis 2004, um den Rekord um einen weiteren Zentimeter zu steigern. Einen Zentimeter in vier Jahren – das ist sehr harte Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegt die Grenze des menschlich Möglichen?

Aasamäe: Vielleicht sind eines Tages 7,20 Meter oder 7,30 Meter erreichbar. Mehr wird kaum möglich sein, da die Kräfte, die auf den Körper wirken, einfach zu groß sind. Aber erst wenn sich Sportschaukler aus der ganzen Welt miteinander messen können, sind auch größere Höhen machbar. Noch ist Kiiking zu unbekannt, aber wer weiß - es gibt ja überall verrückte Menschen auf der Welt.

Das Interview führte Oliver Lück.



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