Kintyre-Region in Schottland Die Fahrt zum Leuchtturm

Schlösser, Felsklippen, atemberaubende Natur: Kintyre hat alles, was Schottland-Besucher lieben, wird aber von vielen vernachlässigt. Eine Reise führt zu liebenswerten Menschen - und lohnt sich speziell für Fans von Paul McCartney.

Von Sarah Paulus

Rolf G. Wackenberg / wackenberg.com

Schottlandbesucher schwärmen von Edinburgh und St. Andrews. Von Lochs und Lowlands, Ben Nevis und den nördlichen Highlands. Die Halbinsel Kintyre in der westschottischen Grafschaft Argyll hingegen wird gerne links liegen gelassen.

Zu Unrecht, wie ihre Einwohner finden. Zumal der markante Finger, der zwischen Atlantischem Ozean und Firth of Clyde in die See ragt, weltbekannt ist, zumindest bei Fans von Paul McCartney: Der Ex-Beatle hat hier gelebt und den Song "Mull of Kintyre" über die Region geschrieben. Oder präziser: über einen besonderen Ort an seinem südlichen Zipfel, an dem ein einsamer Leuchtturm steht.

Zeit für eine Nahaufnahme, bei der es gilt, sich von den Menschen vor Ort leiten zu lassen, um dem Mythos von Kintyre näherzukommen - und sich auf die Spuren des berühmten Musikers zu machen.

Ort: Tarbert – das Tor zu Kintyre. Eine Bucht, in der sich bunte Häuserfassaden spiegeln. In den Restaurants am Quai stehen Muscheln, Hummer und Krabben auf der Karte.

Treffen mit: Michael, 73, und Wilma Watts, 67, die seit 15 Jahren auf der Halbinsel leben.

Warum hat es Sie hierher verschlagen? Wegen der wundervollen Landschaft. Abseits der wenigen Straßen ist sie wild und unberührt, man hat immer neue Ausblicke auf die umliegenden Inseln.

Eben haben wir gesehen, wie ein Wikingerschiff durch die Hauptstraße gezogen wurde – was hat es damit auf sich? Das ist ein alter Brauch, der jedes Jahr im Sommer während unseres Wikingerfests zelebriert wird. Sprechen Sie mit Ian Macintyre, dem Souvenirverkäufer, der kann Ihnen mehr erzählen.

Was sollte man sich noch anschauen? Den Hauptort Campbeltown. Die Strände der Westküste. Nicht zu vergessen die Ruine von Skipness Castle aus dem 13. Jahrhundert.

Ort: Noch einmal Tarbert. Das Ehepaar Watts bringt uns zu einem Einheimischen, der seine Wurzeln sogar im Namen trägt: Ian Macintyre, 82, Historiker und seit 45 Jahren Betreiber eines Souvenirladens am Pier.

Warum wird hier einmal im Jahr ein Schiff durch den Ort gezogen? Ein alter Brauch, der auf Norwegerkönig Magnus zurückgeht. Schottlands König Malcolm hatte ihm versprochen, er könne jene Inseln seinem Reich zuschlagen, die er eigenhändig umschifft. Da Kintyre eine Halbinsel ist, ließ Magnus sein Schiff hier über die Landenge ziehen.

Wir sind große Paul-McCartney-Fans. Hat sein Song "Mull of Kintyre" eine Bedeutung für Sie? Klar. "Far have I travelled..." Ich bin früher selbst viel gereist. Bis Hongkong sogar. Und war immer glücklich, heim zu kommen.

Ort: Clachan, eine der ältesten Ansiedelungen von Kintyre. Ein Minidorf mit Tankstelle, Gemeindehaus, einer Busverbindung nach Glasgow, zwei Kirchen, einigen B&Bs sowie dem imposanten Balinakill Country House.

Treffen mit: Jeffrey Parkhouse, 67, der früher Fischer war und nun Schafe züchtet. Einige werden gerade gewaschen und verladen.

Was ist das Schöne an Kintyre? Die Vielfalt. West- und Ostseite sind sehr unterschiedlich. Der Norden ist eher bergig, der Süden flacher.

Welche kulinarischen Spezialitäten sollten wir probieren? Fisch und Meeresfrüchte. Natürlich auch Scottish Beef und Kintyre Cheese. Dazu Loch Fyne Ale und im Anschluss ein Glas Springbank Whiskey.

Paul McCartney soll hier gelebt haben... Ja, auf einer Art Landsitz weiter im Süden. Dort hat er "Mull of Kintyre" geschrieben.

Ort: Muasdale. Oder auch "das Tal der Mönche" mit einer winzigen Kirche aus dem Jahr 1787. Aus ihrem Inneren dringt Musik.

Treffen mit: Gustava, 76, Organistin. Ihr Akzent lässt deutsche Wurzeln erkennen.

Woher kommen Sie? Aus Eckernförde. Nach Kintyre kam ich 1966, der Liebe wegen. Mein Mann hatte ein Anwesen in Glenbarr. Mittlerweile bin ich geschieden, vor ein paar Jahren ist er gestorben.

Was ist das Besondere an diesem Ort? Hier soll der heilige Columban gestrandet sein, der das Christentum von Irland nach Schottland brachte. Ihm zu Ehren wurde die Kirche errichtet.

Was muss man hier sonst noch sehen? Die Machrihanish-Bucht mit ihrem kilometerlangen Strand. Und natürlich, gleich hinter der Kirche, den Cleit Beach. Dort hat man ein Kreuz gefunden, das 2000 Jahre alt sein soll. Ein sehr romantischer Ort.

Ort: Glenbarr. Ein winziges Dorf mit vielleicht 50 Einwohnern. Etwas abseits thront Glenbarr Abbey. Die Residenz wurde 1796 von Landbesitzer Matthew MacAlister erworben, dem Ersten Laird of Glenbarr. Seitdem befindet sie sich im Besitz des MacAlister-Clans.

Treffen mit: Jean MacAlister, 87, Ehefrau des 2007 verstorbenen Fünften Laird of Glenbarr, Angus MacAlister.

Glenbarr Abbey, das klingt nach Kloster... Das stimmt, aber eine religiöse Verbindung besteht nicht. Zu jener Zeit hatte es wohl einen gewissen Schick, sein Anwesen als Abbey, als Abtei, zu bezeichnen.

Kann es besichtigt werden? Klar, wir wohnen quasi in einem Museum. Als mein Mann noch lebte, hat er oft die Führungen gemacht. Er war ein Jahr im Internat in Salem und sprach ziemlich gut Deutsch.

Sind Sie auf Kintyre geboren? Nein, in Rhode Island in den USA. Ich habe allerdings schottische Vorfahren. Auf Glenbarr lebe ich seit 28 Jahren. Ich bin die zweite Frau des Fünften Liard. Seine erste war übrigens Deutsche und lebt im Nachbardorf Muasdale.

Heißt sie Gustava und spielt Orgel? Ja, das ist sie.

Wo sollten wir hier noch vorbeischauen? Im Hotel Argyll in Bellochantuy. Sehr nette Atmosphäre. Vom Restaurant hat man einen wundervollen Blick auf Strand und Meer.

Ort: Bellochantuy. Eine Siedlung mit etwa 30 Einwohnern. Zentraler Blickfang ist das Argyll Hotel, wo seit Ende des 18. Jahrhunderts Reisende beherbergt werden.

Treffen mit: Nick Fletcher, 48, früher Verwaltungsangestellter im Immobilienbereich, später Inhaber einer Hundebetreuungsfirma. Seit 2013 ist er Eigentümer und Betreiber des Hotels - gemeinsam mit Partner Ian.

Sind Sie ein echter Kintyrer? Nein, ich komme aus Newcastle, lebe aber seit mehr als 20 Jahren in Schottland.

Was hat Sie nach Kintyre verschlagen? Zunächst ein Urlaub vor sieben Jahren.

Und dann? Wir haben eine Location für ein Hotel gesucht. In diesem Ort war es Liebe auf den ersten Blick.

Welche Sehenswürdigkeiten empfehlen Sie auf Kintyre? Campbeltown und die Springbank-Destillerie, die letzte unabhängige Whisky-Brauerei in Schottland.

Und wo genau ist Paul McCartneys Ranch? Das Anwesen nennt sich High Park. Kurz vor Campbeltown gibt es eine Abzweigung nach links in Richtung Gobagrennan.

Ort: Gobagrennan. Etwa sieben Kilometer nördlich von Campbeltown. Interessant, was die Schotten als "Ort" bezeichnen. Dieser hier besticht mit dem idyllischen Lussa-Stausee nebst Bademöglichkeit und unendlich viel Platz zum Picknicken. In Blickweite: ein einsames Haus.

Treffen mit: Kathrin Strang, die per Fahrrad anrollt, um nach den Fremdlingen zu schauen. Vor lauter Plauderei wird bei den Strangs das Mittagessen kalt. Nun kommt auch Ehemann Alistair vorbei.

Entschuldigung, wo geht es denn hier zu Paul McCartney? Ihr müsst zurückfahren, über den Berg, wo der Steinbruch ist. Dort seht ihr rechts ein Haus mit rotem Dach.

Ach. Das. Ist ziemlich klein, oder? Es gibt mehrere Häuser. Insgesamt gehören ihm etwa 3000 Acres (gut 1200 Hektar). Er hat damals mehrere landwirtschaftliche Betriebe aufgekauft.

Kennen Sie ihn persönlich? Das letzte Mal war er wohl vor zehn Jahren hier. Mein Mann hat eine Zeitlang für ihn gearbeitet.

Als was denn, Alistair? Ich war früher Jäger. Jetzt haben wir 130 Schafe. Für Paul habe ich ganz normale Farmarbeiten gemacht.

Ort: Campbeltown. Einst Zentrum des schottischen Whiskys mit mehr als 34 Brauereien. Im Ort soll es so stark gerochen haben, dass die Fischer mit der Nase gen Heimat navigieren konnten. Heute gibt es nur noch drei Brennereien. Dazu einen Hafen, Einkaufsmöglichkeiten für die Halbinsulaner und ein Linda-McCartney- Denkmal.

Treffen mit: Michael Taylor, geboren in Edinburgh, arbeitete als Polizist in London. Seit seiner Pensionierung lebt er auf Kintyre – und bietet nun Bootstouren für Touristen zu den benachbarten Inseln und sogar bis Nordirland an.

Warum Kintyre? 2001 habe ich hier Urlaub gemacht. Seitdem mag ich die Natürlichkeit, das Ursprüngliche der Landschaft.

Was ist das Besondere der Bootstouren? Die Aussicht aufs Meer: Man kann Schweinswale, Zwergwale, Haie, Papageientaucher und Delfine beobachten.

Was muss man noch über Campbeltown wissen? Vor etwas mehr als hundert Jahren war das der reichste Ort Schottlands. Zumindest pro Einwohner betrachtet - es gab nicht allzu viele. Die jedoch haben viel Geld mit Whisky verdient. Viktorianische Villen im Ort zeugen vom einstigen Glanz.

Ort: Southend. Letzte Siedlung vor dem berühmten Mull of Kintyre. Neben einem Friedhof direkt am Meer sieht man Ruinen, die ein entkerntes Castle sein könnten. Etwas weiter am Strand entlang befindet sich eine Höhle mit Fußspuren davor, die der bereits erwähnte Heilige Columban hinterlassen haben soll.

Treffen mit: Frances Hill, 50, aus Campbeltown, die mit ihrem Mann Ian das Muneroy-Restaurant betreibt, eine Art Teestube mit angeschlossenem Ladengeschäft. Die Torten und Kuchen, die Frances zaubert, haben laut ihrer Werbung bereits Preise gewonnen.

Was mögen Besucher an Kintyre? Die Ruhe und Abgeschiedenheit jenseits der ausgefahrenen Touristenrouten. Jeder, der hierherkommt, liebt es.

Hat der McCartney-Song den Tourismus gefördert? Oh ja. Bis heute kommen die Leute wegen des Liedes, und dann muss ich sie aufklären.

Wieso? Viele denken, "Mull of Kintyre" sei die gesamte Halbinsel. Gemeint ist jedoch nur das Kap etwa sieben Meilen von hier.

(singt) "Mist rolling in front of the sea..." Oh ja, es gibt oft sehr starken Nebel am Mull. Vor einigen Jahren ist dort sogar ein Hubschrauber abgestürzt. McCartney hat das Video zum Lied übrigens nicht am Mull, sondern an der Ostküste gedreht.

Ort: Mull of Kintyre. Dorthin windet sich eine schmale Straße mit Haltebuchten für den Gegenverkehr. Unterwegs muss ein Gatter geöffnet werden, das die Piste versperrt. Zuweilen ist der Weg so steil, dass er in den Himmel zu führen scheint. Drumherum karge Mondlandschaft. Wasser rinnt rechts und links des brüchigen Asphalts. Einsame Strommasten führen ins Nirgendwo.

Am Ende der befahrbaren Straße ein Miniparkplatz für maximal zehn Autos, wenn überhaupt. Die Sicht ist klar, in der Ferne ist die Küste Nordirlands erkennbar. Vom Parkplatz führt ein Weg 20 Minuten bergab. Das Ziel: ein Leuchtturm auf einem Felsvorsprung – Mull of Kintyre. Anschlagen und zurück. 30 Minuten bergauf, nach Luft ringend. Glücksgefühle. Kindheitstraum erfüllt.

Treffen mit: Niemandem. Auch schön.

Schottland: Kintyre-Region

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