Kopfüber-Haus Verkehrte Welt auf Usedom

Über dem Kopf schweben Schreibtisch, Bett und Stuhl, sogar das Klo hängt von der Decke: Polnische Bauherren haben auf Usedom ein Kopfüber-Haus errichtet. Jeder kann vorbeischauen. Hier ist alles verkehrt herum und schräg - nur fließendes Wasser gibt es nicht.


Trassenheide - Schon der erste Schritt durch die Tür des Hauses stiftet Verwirrung. Kein Flur, keine Garderobe, sondern ein Kinderzimmer erwartet den Gast des "Kopfüber-Hauses" in Trassenheide auf Usedom. Hier steht das gesamte Mobiliar Kopf - selbst Puppen und Feuerwehrauto in der Spielecke hängen an der "Decke". Zwei Unternehmer aus Polen haben das absurde Gebäude auf der Ostsee-Insel gebaut. Von diesem Donnerstag an ist es zur Besichtigung freigegeben.

In dem liebevoll eingerichteten Heim herrscht nahezu komplett verkehrte Welt. Selbst die Toilette im Bad wurde verkehrt herum installiert. Nur die Treppen seien korrekt eingebaut worden, um den Gästen Zugang zum Erdgeschoss zu ermöglichen, sagt Bauherr Klausdiusz Golos. Weil aber das Haus auch noch schief gebaut wurde und ein Gefälle von sechs Prozent hat, erscheint dem um sein Gleichgewicht gebrachten Gast selbst der Gang über die waagerecht installierten Treppen abenteuerlich.

Mit Klebstoff gegen die Schwerkraft

"Unsere Handwerker haben ständig improvisieren müssen", sagt der 33-jährige Pole, der mit Geschäftspartner Sebastian Mikiciuk die Ausstellungsfirma Edutainment gründete und in dem Seebad für rund 300.000 Euro Deutschlands erstes Kopfüber-Haus errichten ließ. So habe man die handelsüblichen Küchenmöbel umbauen und zum Beispiel die Führungsschienen für die Schubfächer verändern müssen. Auch das Fliesen des Fußbodens kopfüber habe den Experten Schwierigkeiten bereitet. Die Möbel und sogar das Fernsehgerät seien mit Schrauben an der Decke angebracht worden. Mit Klebstoff wurde die Schwerkraft überwunden und Bilder, Blumenvasen und sogar Geschirr absturzgefährdet in Szene gesetzt. Bettzeug, Sofakissen und Handtücher mussten angenäht werden.

Wie andere Häuser verfügt auch der schräge Bau in Trassenheide über Stromanschluss, Heizung und Klimaanlage. Nur auf einen Wasseranschluss verzichteten die Bauherren. "Die Dachrinnen haben wir verkehrt herum am Dach anbringen, zugleich aber ein nicht sichtbares Entsorgungssystem für das Regenwasser installieren lassen", sagt Golos. Für den Besucher nicht erkennbar ist auch das in den Wänden versteckte Stahlgerüst, das dem auf einem Spitzdach stehenden Haus auch bei heftigem Sturm Stabilität geben soll.

Bauamt drückte beide Augen zu

Auf die ungewöhnliche Idee kamen Golos und Mikiciuk vor einem Jahr, als sie in Orlando (USA) ein vergleichbares Objekt besichtigt hatten. Weitere Anregungen lieferten illustre Architekturbauten in Polen, Neuseeland und Frankreich. Der Urlaubsort Trassenheide unterstützte schnell und unbürokratisch das Vorhaben, das schon vor seiner Eröffnung Heerscharen fotografierender Neugieriger anlockt. Die Bauherren erwarten pro Jahr 40.000 bis 50.000 Besucher.

Die Bauaufsicht verzichtete bei dem "Kopfüber-Haus" auf die übliche Abnahme. Das Bauwerk kann künftig zum Eintrittspreis von sechs Euro besichtigt werden. Kinder erhalten zum ermäßigten Preis Zugang. Im kommenden Jahr wollen die Initiatoren zu ganz speziellen Veranstaltungen in ihr Ausnahme-Haus einladen. "Wir denken da zum Beispiel an Hausbegehungen im Handstand oder an einen 'Kochkurs andersherum'", verrät Golos, der bereits den Bau weiterer Häuser in Deutschland plant.

Ralph Sommer, ddp

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