Insel Kos Auf zum Griechen

Kos war eine Urlaubstrauminsel - dann kamen die Flüchtlinge, und die Touristen blieben weg. Johanna Leuschen will wissen: Kann, darf, muss man nicht gerade jetzt hinfahren?

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Das eine Bild in meinem Kopf ist Kos, die Urlaubsinsel. Ein Ferienparadies. Ich war hier mit einer Freundin, nach dem Abi. Wir lagen am Strand, gingen feiern und badeten am Sunny Beach, einer Bucht mit weißem Sand und seichtem Wasser.

Das andere Bild von Kos ist das Bild einer Flüchtlingsinsel.

Es sind solche Traumstrände auf der griechischen Insel, an denen in den vergangenen Monaten Zehntausende erschöpfte Menschen landeten. Nach einer qualvollen Überfahrt schleppten sie sich ans Ufer, ließen sich erschöpft in Wärmedecken wickeln. Sie riskierten ihr Leben für den Traum, von der türkischen Küste nach Kos, nach Europa zu gelangen. Flüchtlinge und Touristen trafen im vergangenen Jahr unfreiwillig auf Kos aufeinander. Zwei Arten von Reisenden: Die einen hoffen auf ein besseres Leben, die anderen auf eine entspannende Auszeit.

Jetzt, zu Beginn der Urlaubssaison, fliege ich nach Kos, weil ich wissen möchte, wie das zusammenpasst. Ob das zusammenpasst. Denn kann man, ja, "darf" man auf einer Insel Urlaub machen, vor deren Küste Hunderte Menschen ertrunken sind und die das Ziel so vieler verzweifelter Menschen ist?

Hoteliers fürchten um ihre Existenz

Als ich zusammen mit meiner Kollegin spätabends in der neonröhrenlichtdurchfluteten Eingangshalle des Hotels einchecke, sind wir die einzigen Gäste. Wir, die Fernsehjournalistinnen, belegen zwei Zimmer von 45. "Die Feriensaison läuft sehr schlecht an in diesem Jahr", sagt Leanne Kokalakis, als sie die Schlüsselkarten auf den Tresen legt. Viele Gäste würden sich bei ihr erkundigen, ob man nach Kos kommen könne, sie hätten die Fernsehbilder gesehen. "Hier sind keine Flüchtlinge mehr", sage sie dann immer: "Kommt her und seht selbst: alles sauber."

Als sie "sauber" sagt, zucke ich unweigerlich zusammen. Es ist ein seltsames Wort, wenn es um Menschen geht. Es soll potenziellen Touristen die Angst nehmen. Die Angst, am Strand erschöpfte Flüchtlinge und weggeworfene Schwimmwesten vorzufinden.

Das Hotel ist ein Familienunternehmen, Leanne betreibt es zusammen mit ihrem Mann Mike. Wie sie leben fast alle Einheimischen direkt oder indirekt vom Tourismus. Wenn es - wie jetzt - nicht gut läuft, wird Personal entlassen, und die Familienmitglieder springen ein.

Viele auf der Insel sind in den vergangenen Jahren, auch wegen der Wirtschaftskrise, wieder zu Selbstversorgern geworden. Das erzählt Babis Peros in seinem Restaurant Syrtaki: "Wir züchten wieder Ziegen und Kühe und Schweine." Der sonnengegerbte Mann lacht, als er das erzählt, aber da schwingt Galgenhumor mit. "Jamas!", sagt er, "Prost!" Das Lachen bleibt mir im Hals stecken, ich spüle es mit Ouzo herunter.

Peros war einer derjenigen, die Anfang des Jahres gegen den Bau des "Hotspots" demonstrierten, eines Registrierzentrums für Flüchtlinge. Zu der Zeit waren auf den anderen Ägäis-Inseln Leros, Chios und Samos die Hotspots im Bau, der auf Lesbos bereits in Betrieb. Als ich von den Protesten auf Kos las, habe ich die demonstrierenden Griechen für unmenschlich gehalten. "Wir wollen keinen Hotspot!", heißt ja auch: "Wir wollen keine Flüchtlinge!"

Rund 500 Menschen wohnen im Hotspot

Es war die Sorge um das Image der Insel als Urlaubsparadies und damit die Sorge um die eigene Existenz, die sie demonstrieren ließ. Jetzt stehen die Gebäude des Hotspots auf einem alten Militärgelände in der Nähe des Bergdorfes Pyli, rund 19 Kilometer von Kos-Stadt entfernt. Seit kurz vor Pfingsten ist er in Betrieb. Hier werden die Flüchtlinge untergebracht, die nach wie vor - wenn auch viel seltener und in viel geringerer Zahl - nachts mit den Booten von Bodrum in der Türkei aus übersetzen oder die aus überfüllten Unterkünften von den anderen Ägäis-Inseln nach Kos gebracht werden.

Mit ihnen sprechen darf ich nicht. Als ich zum Hotspot fahre, um mir ein Bild zu machen, wird mir sehr schnell, sehr bestimmt klargemacht, dass dort weder gedreht noch fotografiert werden darf. Knapp 500 Flüchtlinge sollen sich nach Angaben der Hilfsorganisation Flying Help derzeit dort aufhalten.

Und die Bewohner von Kos? Sie scheinen sich mit dem Flüchtlingsheim arrangiert zu haben. Mehr noch, sie sind froh, dass es da ist, wie der Hotelbesitzer Mike Kokalakis sagt. Denn dort seien die Flüchtlinge an einem Ort fernab der Touristenzentren untergebracht. So würden sie nicht gesehen, schreckten nicht ab.

Am Strand von Kos-Stadt sind nur vereinzelt Urlauber in den langen Reihen der Strandliegen zu sehen, die optimistische Strandbarbesitzer in großer Zahl aufgestellt und akkurat in Reihe gebracht haben.

"Ich habe kein Problem mit Flüchtlingen", sagt ein holländischer Tourist, der auf einem kleinen Campingstuhl sitzt und Bier trinkt: "Die Flüchtlinge sind im Hotspot, ich bin hier am Strand, und nach zwei Wochen fliege ich wieder nach Hause. Ende." Ein britischer Tourist ist weniger gleichmütig: "Niemand hat sie eingeladen! Die kommen einfach, fallen in Europa ein und denken nicht über die Konsequenzen nach." Welche Konsequenzen? "Schau' dich doch mal um. Hier will keiner mehr Urlaub machen."

Touristen als Helfer

Doch ist eine knapp 300 Quadratkilometer große Insel wirklich zu klein, um beide zu Gast zu haben, Touristen und Flüchtlinge?

Marita Jeworutzki, eine deutsche Rentnerin, hat diese Frage für sich klar verneint: Sie ist zusammen mit ihrem Mann Dieter für drei Wochen nach Kos gekommen, um zu helfen. Ich treffe sie in den Lagerräumen der lokalen Hilfsorganisation Kos Solidarity in einem Wohnviertel in Kos-Stadt, etwa zehn Minuten zu Fuß von den Restaurants, Bars und Shops der Touristenmeile. Die freiwilligen Helfer sammeln Spenden, schmieren Brote und sortieren gespendete Kleidungsstücke. Dieter beugt sich über einen großen Pappkarton, und Marita faltet die T-Shirts, die er ihr aus dem Karton anreicht. "Wir haben sechs gesunde Kinder, wir hatten sehr viel Glück", sagt sie. "Dafür bin ich dankbar. Jetzt möchte ich etwas zurückgeben."

Ein paar Meter weiter legen drei junge Franzosen Sommerkleider und Shorts zusammen. Sie machen Urlaub auf Kos und helfen nebenbei, für ein paar Stunden am Vormittag.

Die kleine Gruppe bei Kos Solidarity ist ein Beweis dafür, dass sich Urlauber und Flüchtlinge auf einer Insel wie Kos nicht ausschließen müssen. Fest steht zumindest: Den Griechen hilft jeder, der herkommt.

Programmhinweis:

Am Sonntag, den 5. Juni, läuft um 15.30 Uhr der Film "7 Tage ... Urlaub auf Kos" von Johanna Leuschen, Stefanie Gromes und David Hohndorf im NDR Fernsehen.

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