Kreativstadt Gent Zu viele DJs, zu viele Konzerte

Betörende Beats, billiges Bier - was das Nachtleben angeht, kann es Gent locker mit deutlich größeren Städten aufnehmen. Seit die Band Soulwax weltweite Erfolge feiert, spricht sich herum, dass die Stadt viel mehr zu bieten hat als ein paar mittelalterliche Baukunst-Perlen: Gent rockt.

Corbis

Von Sebastian Brück


Eine Stadt, über die international keine Klischees kursieren, muss entweder total langweilig sein - oder ein echter Geheimtipp. Wer in Deutschland auf die größeren Städte im Nachbarland Belgien schaut, hat wahrscheinlich Bilder wie die folgenden im Kopf: Das Verwaltungszentrum Brüssel trägt Business-Outfit, die Modemetropole Antwerpen schmeißt sich in Designer-Klamotten, das Open-Air-Museum Brügge ist zu Hollywood-Ehren gekommen und hat schöne Kanäle.

Und was ist mit Gent? Noch fehlen die Klischees, doch langweilig ist Gent ganz sicher nicht. Für die Zukunft bestückt man seinen Klischeebaukasten am besten mit Adjektiven wie "jung", "alternativ", "kreativ" und "unprätentiös" und packt Schlagworte wie "Altstadt" und "Mittelalter" dazu. Bildlich gesagt: Gent schlendert mit "Egal, was andere über mich denken"-Attitüde über Kopfsteinpflaster - und meistens trägt es dabei Chucks und Röhrenjeans und ist auf dem Weg zu einem Konzert.

Wendy Vercauteren ist ständig auf irgendwelchen Konzerten, das gehört zu ihrem Job. Sie sitzt an einem der Hochtische des Sphinx Café im mittelalterlichen Stadtzentrum und trinkt Koffie Verkeerd, so heißt Milchkaffee auf Flämisch. Wendy ist Chefredakteurin des Szene-Faltblatts Week Up, das in Lokalen und Shops ausliegt. Weil sich ihr Büro im selben Gebäude befindet, ist das Café mit den hohen Decken ihr zweites Wohnzimmer.

Ganz schön was los hier

Allein für den heutigen Donnerstag sind in Week Up 26 Veranstaltungen aufgeführt: Theatervorstellungen, Lesungen - und vor allem Konzerte. "Wir haben zwar nur rund 250.000 Einwohner, aber unsere Kultur- und Musikszene kann durchaus mit doppelt so großen Städten mithalten", sagt Wendy. Man merkt, wie stolz sie darauf ist. Schnell fallen Namen von Bands wie Das Pop, Soulwax und Absynthe Minded, die sich auch außerhalb Belgiens einen Namen gemacht haben. Die jungen Nachfolger sitzen schon in den Startlöchern. Viele der 300 Bars und Kneipen haben eine kleine Konzertbühne. Ideal, um sich vor Publikum auszuprobieren. Zwischenfazit: Gent ist definitiv eine Musikstadt. Aber ist Gent auch eine Mode- und Einkaufsstadt?

"Klar sind wir nicht Antwerpen", sagt Wendy, "aber zu entdecken gibt es genug." Ein paar Minuten später zeigt sie in der Gegend der Veldstraat, was sie damit meint. Ständig fahren Straßenbahnen vorbei, und die restaurierten Gebäude und das Kopfsteinpflaster verleihen selbst dieser H&M-Pimkie-Benetton-Fußgängerzone ein gewisses Flair.

Wendys Tipp liegt auf der anderen Seite des Kanals. Während ein Ausflugsboot mit Touristen vorbeituckert, überquert sie eine der vielen Brücken und biegt in eine schmale Straße namens Onderbergen ab. Eine Tempo-30-Zone mit Jugendstilhäusern, einige in strahlenden Farben angestrichen, andere grau und mit Graffiti beschmiert.

Auf dem Gehweg steht alle paar Meter ein abgeschlossenes Fahrrad. Abgerockte Beschaulichkeit. "Hier haben in den vergangenen Jahren nicht nur gute Restaurants, sondern auch individuelle Geschäfte eröffnet." Etwa ein kleiner Sneakers-Spezialist mit riesiger Auswahl. Oder ein Laden mit ausgefallenen Designobjekten und Accessoires. Das Vorzeigegeschäft der Straße heißt Black Balloon. Die beiden Gründerinnen haben sich einen Namen mit trendiger Mode "Made in Gent" gemacht und bereits - da schließt sich der Bogen zum Thema Musik - David und Stephen Dewaele alias Soulwax mit einer eigenen Kollektion ausgestattet.

Großraumpartys im Culture Club

Apropos Soulwax: Gent hat nicht nur jede Menge aufstrebende Bands, sondern auch eine starke DJ-Fraktion. Jeder kennt jeden, Berührungsängste gibt es keine - die Dewaele-Brüder selbst sind das beste Beispiel dafür. Mit dem Club-Projekt 2 many DJs sind sie inzwischen bekannter als mit ihrer Band und rocken weltweit die Tanzflächen. "In Gent treten die beiden nur noch sehr selten auf, aber sie wohnen immer noch hier und richten gerade ein neues Studio ein." Der Mann, der das verrät, trägt eine braune Lederjacke über blau-weiß-kariertem Hemd und heißt Stijn D'Hont. Als DJ Neon gehört er zu den Protagonisten der belgischen Szene und wurde 2010 bei einem Radio-Voting unter die fünf besten DJs des Landes gewählt. Außerdem ist Stijn Manager des Culture Clubs - der größten Club-Location Gents.

Mittlerweile ist es früher Abend. Stijn sitzt auf der Terrasse seines Stammlokals Café Theatre im Gebäude des Opernhauses, grüßt vorbeigehende Bekannte und erzählt: "2 many DJs haben 1999 begonnen, alle möglichen Stile auf ein und derselben Party zusammenzumixen - das hatte auf die nachfolgende belgische DJ-Generation sehr starken Einfluss." Auch auf Stijn, der in seine elektronischen Sets gerne Funk- und Soulstücke einstreut. "Dieser eklektische Party-Sound ist genau das, was die Leute hier hören möchten", sagt er. Und fügt ironisch grinsend hinzu: "Gent ist eben unser eigenes kleines Ibiza!"

Drei Stunden später auf der Walpoortstraat im studentisch geprägten Süden der Stadt: Hier sind die Altbauten etwas jünger als im mittelalterlichen Zentrum, dafür steigt die ohnehin schon hohe Fahrrad- und Graffiti-Dichte. Mit rund 60.000 Studierenden gilt Gent neben Löwen als Belgiens wichtigste Unistadt. In den Straßen rund um das in einem prachtvollen alten Gebäude untergebracht Kulturzentrum Vooruit haben sich Second-Hand-Shops, kleine Mode-Boutiquen, Tattoo-Läden und Café-Bars angesiedelt.

Bier für einen Euro

Noch ein paar Blöcke weiter südlich liegt die Partymeile Overpoortstraat. Es ist halb elf, und weil Donnerstag ihr Haupt-Ausgehtag ist, tanzen die Studenten in einigen Läden schon jetzt auf den Tischen: Bis Mitternacht gültige "Ein Bier für einen Euro"-Aktionen treffen auf kommerzielle Musik von Rock bis Latin: Ballermann für Studierende.

Doch selbst hier, mitten im Partyzentrum der Stadt, gibt es subkulturelle Oasen. Zum Beispiel den Club Decadance, den Stijn empfohlen hat. An den Wochenendmorgen gilt das schlauchförmige Lokal als die After-Hour-Location. Momentan, typisch Gent, steht erstmal ein Gratiskonzert auf dem Plan: Ein Typ namens True Zebra spielt Gitarre, bedient Keyboard und Laptop und singt dazu. Die Ein-Mann-Band mischt, wieder typisch Gent, Rock- und Dance-Sounds. Dass True Zebra eigentlich aus dem benachbarten Antwerpen stammt, unterstreicht nur den Ruf Gents als Spielwiese für musikalische Talente.

Gut möglich also, dass in Genter Lokalen wie dem Vooruit, dem Decadance, dem Café Video oder dem Charlatan nächste Woche eine junge Band vor fünfzig Zuschauern spielt, die ein paar Monate später Europas Festivalbühnen entert.

Adressen in Gent auf einen Blick
Shopping
Onderbergen: Bei Dope (Nr. 74, www.dope-gent.be) gibt es Sneakers, bei Black Ballon Mode made in Gent (Nr. 39, www.blackballoon.be) und bei A.Puur.A (Nr. 56) ausgefallene Design-Objekte und Accessoires.

Hoogpoort: Suite (Nr. 59, www.suite-gent.be) ist Spezialist für Damenmode von belgischen Designern, Cream (Nr. 9, www.cream.be) verkauft Streetwear für Sie und Ihn.
Cafés und Restaurants
Simons Says: Sluizeken 8, www.simon-says.be: Unten szeniges Tagescafé, darüber stilvolle Bed&Breakfast-Zimmer.

Vooruit: Sint-Pietersnieuwstraat 23, www.vooruit.be: Kulturzentrum im Studenten-Viertel mit angeschlossenem Cafe sowie einem Theater- und einem Veranstaltungssaal.

Sphinx Café: Sint-Michielshelling 3, www.sphinx-cinema.be: An ein Programmkino angeschlossenes Lokal im Zentrum.

Barista: Hippoliet Lippensplein 25 / Meerseniersstraat 16, www.mybarista.be: Italienisch inspirierte Snacks, Suppen, Kaffees (zwei Filialen).

Brasserie De Tempelier: Meerseniersstraat 9, www.brasseriedetempelier.be: Liebenswertes kleines Lokal mit authentischem "Slow Food" auf der Basis von frischen Zutaten.

Café Theatre: Schouwburgstraat 5, www.cafetheatre.be: Loungiges Bar-Restaurant, das von einem Magazin als "Belgiens beste Brasserie" ausgezeichnet wurde (Hauptgerichte ab 17 Euro).
Nachtleben
Culture Club, Afrikalaan 180, www.cultureclub.be: Gents größter Club liegt in einem Industriegebiet. Hier begann die Weltkarriere von den Dewaele-Brüdern alias 2Many DJ's.

Overpoortstraat: In den 37 Bars dieser Straße pulsiert das studentische Nachtleben. Bester Laden: Decadance (Nr. 76, www.decadance.be).

Vlasmarkt: An diesem Platz im Norden des Zentrums feiern nicht nur Studis. Das Charlatan (Nr. 6, www.charlatan.be) bietet fast jeden Abend Konzerte, das Kinkystar nebenan (Nr. 9, www.kinkystar.com) hat sogar ein eigenes Plattenlabel.

Oude Beestenmarkt: Zwei Blöcke weiter befindet sich der hippe Club 69 (Nr. 5, www.club-69.be). Das benachbarte Café Video (Nr. 7, www.cafevideo.be) bringt auch mal aufstrebende deutsche Acts wie Hundreds oder Norman Palm auf die Bühne.



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