Kreuzfahrt auf dem Douro: Balsam für die Nerven

Von Helge Sobik

Abschalten auf einem stillen Strom an Europas Westflanke: Für Flusskreuzfahrer ist der Rio Douro in Portugal eine Neuentdeckung. Eile ist hier noch nicht erfunden, der Alltag weit weg, und die Passagiere können ungestört einem besonderen Hobby frönen - dem Portwein-Shopping.

Kreuzfahrt auf dem Douro: Alles im Fluss Fotos
Helge Sobik

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Manchmal schaut zum Nachtisch einen Moment lang ein Ruderer vorbei, blickt anderthalb Sekunden aus einem Meter Entfernung auf das Vanilleeis mit Portweinglasur in Augenhöhe, auf das Tässchen Café Galão und den Weinkühler neben dem Tisch. Manchmal winkt er kurz, und meistens ist er abgehängt, ehe sich der Gruß erwidern lässt.

Auf dem Flusskreuzfahrtschiff "Vasco da Gama" wird in Ruderboot-Perspektive gegessen. Die Unterkante der Panoramafenster des Bordrestaurants auf Deck eins befindet sich ungefähr auf Wasserlinie des Rio Douro. Anfangs erschrecken sich die Passagiere kurz, denen plötzlich von der falschen Seite auf den Teller geguckt wird. Vom zweiten Tag an ist das normal.

Als Revier für Kreuzfahrten ist der Douro erst spät entdeckt worden. "Die Portugiesen zieht's traditionell eher aufs Salzwasser", erzählt Kapitän Pierre Ackermann, der aus Straßburg stammt und seit 20 Jahren auf Europas Flüssen fährt. Inzwischen sind alles in allem rund 20 Ausflugsboote auf dem Douro unterwegs - sechs davon auf mehrtägigen Touren mit Kabinenunterbringung ab und bis Porto.

Schiffbar ist der Fluss durchs Herz des portugiesischen Weinbaugebiets bis 14 Kilometer weit über die portugiesisch-spanische Grenze hinweg, wo ein 60 Meter hohes Wasserkraftwerk ohne Schleuse die Weiterfahrt verhindert.

Reise in die falsche Richtung

Früher war dieser Fluss ein Draufgänger, hatte Stromschnellen, schoss stellenweise mit dem Temperament eines Wildbachs durchs Land und hat es den Männern mit den Portweinfässern auf ihren Barcos Rabelos oft schwer gemacht. Die Herren sind inzwischen auf Lastwagen umgestiegen, und wer hier heute Boot fährt, tut es zum Spaß. Der Douro ist inzwischen durch Schleusen und Staudämme reguliert. Und seekrank ist Kapitän Pierre Ackermann noch nie jemand an Bord seines 75 Meter langen und vier Decks hohen Schiffes geworden.

Der historische Vasco da Gama unterdessen, im 16. Jahrhundert Entdecker des Seewegs nach Indien, würde sich wahrscheinlich im Grab umdrehen, bekäme er mit, dass ausgerechnet ein Binnenschiff nach ihm benannt ist und die Reise obendrein in die falsche Richtung beginnt: 209 Kilometer weit in die iberische Halbinsel hinein.

Schnell wird der Douro schmaler, das Ufer felsiger. Der Fluss ist so etwas wie die jahrhundertealte Straße durch das Gebirge, durch das Land der terrassierten Hänge voller genügsamer Weinstöcke auf kargen Schieferböden. Und schon zwei, drei Fahrtstunden östlich von Porto gibt es keine Uferstraße mehr, noch keine Schienen, keinen sichtbaren Wanderweg manchmal nicht mal Stromleitungen, dafür Pinien, Kiefern, Felsen.

Wer hier an den Ufern siedelte, störte sich nicht daran, dass es im Tal während des August 45 Grad heiß und im Winter für portugiesische Verhältnisse bitterkalt werden kann. Und er zog her, weil er Wein anbauen wollte.

Portwein-Probierphase dauert Jahre

Die heißen Sommer hier sind es, die den Trauben den besonderen Geschmack verleihen, die besondere Süße. Als Portwein sind sie weltberühmt. Manche Passagiere halten es nicht mal bis zuhause aus, entkorken ihre Beute vom Portwein-Shopping während des Landgangs in Régua anschließend an Deck mit dem Taschenmesser-Korkenzieher, probieren, vergleichen, schwärmen - und müssen schnell noch mal von Bord und Nachschub kaufen, wenn jemand im Weinkeller den besseren Einkauf gemacht hat.

Bordküchenchef Daniel George aus Colmar lächelt darüber. Die Probierphase hat er lange hinter sich: "Sie dauert Jahre, bringt dich in Berührung mit Hunderten von Weinen. Und am Ende landest du sowieso beim 40 Jahre alten 'Porto Branco' aus Régua - oder beim genialen weißen Porto der 'Quinta de Maroccos', wo die Flasche nur fünf Euro kostet."

An Bord kocht der Mann aus dem Elsass auf Augenhöhe mit den Reihern, die ihm durch die Scheibe auf den gedünsteten Rotbarsch schauen. Brötchen nimmt er unterwegs an Bord, das frische Obst und Gemüse kauft er in den Dörfern am Ufer: "Und in Barca d'Alva am Douro das Olivenöl. Es ist das beste der Welt."

Dann und wann kauert sich wieder ein Ort an den Fluss, liegt wie das Dorf Pinhão in einer Schleife zu Füßen der immer steileren Hänge. Still ist es hier: die Häuser alt, die wenigen Gassen schmal, der Bahnhof mit Fliesenbildern verziert, ein paar alte Frauen beim Einkaufen, sonst ist niemand in den Straßen. Mehr los ist nur während der Lese, wenn Erntehelfer aus dem ganzen Land an den steilen Hängen zwischen den Trauben herumklettern.

Eile ist hier noch nicht erfunden, der Alltag weit weg und von den über Kilometer straßenlosen Bergen ausgesperrt: als ob das Schiff nahezu lautlos durch einen 3-D-Film gleitet. Die Kulisse ist zeitlos. Welches Jahrhundert gerade läuft? Ob es schon Elektrizität gibt? Autos? Die Landschaft verrät es nicht, liefert kein Indiz.

"Douro ist Balsam für die Nerven"

Was Kapitän Ackermann am Douro so liebt? "Dass der Fluss so ruhig fließt, die Stille abfärbt. Der Douro ist Balsam für die Nerven. Gleichzeitig wird die Fahrt nie langweilig, weil die Landschaft sich hinter jeder zweiten Biegung komplett wandelt." Jetzt lacht er wieder: "Und es gibt tolle Angelmöglichkeiten!"

Die Referenz an den seligen Vasco da Gama und seine hochseefahrerischen Verdienste erweist Pierre Ackermann am letzten Fahrttag lange nach dem Wendemanöver vor dem unüberwindlichen spanischen Staudamm: In Porto schippert er zur Verwunderung seiner Passagiere am Anleger vorbei, fährt sechs Kilometer weiter bis zur Mündung in den Atlantik und sagt über Bordlautsprecher durch, er habe beschlossen, nun doch den Seeweg nach Indien zu suchen. Ein paar hundert Meter später dreht er wieder um. Und alle sind ein bisschen erleichtert - und vollends beruhigt, wenn sie wieder fest vertäut am Anleger in Porto dümpeln.

Kurz nach dem Abschluss-Abendessen können sie ihren Kapitän im Rettungsboot vor den Panoramascheiben entlang gleiten sehen. Ackermann fährt angeln. Letztes Mal hat er hier einen Seewolf aus den Fluten gezogen, Daniel George hat ihn zubereitet. Und als Digestif gab es einen 40 Jahre alten Portwein: zur Feier des Tages.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
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1. sehr schön beschrieben
sic tacuisses 17.06.2010
Zitat von sysopAbschalten auf einem stillen Strom an Europas Westflanke: Für Flusskreuzfahrer ist der Rio Douro in Portugal eine Neuentdeckung. Eile ist hier noch nicht erfunden, der Alltag weit weg, und die Passagiere können ungestört einem besonderen Hobby frönen - dem Portwein-Shopping. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,699273,00.html
einen Tip an Reisende hätte ich mir gewünscht: Portwein ob weiss oder rot nie in Porto einkaufen. Horrende Preise die im Landesinneren am Duoro erheb- lich günstiger sind. Bei mindestens gleichwertiger oft gar höherer Qualität.
2. ?
hajoschneider 17.06.2010
Zitat von sic tacuisseseinen Tip an Reisende hätte ich mir gewünscht: ...
Und ich hätte mir einen professionellen Fotografen dazu gewünscht. Was sollen diese Fotos vermitteln?
3. Kann ich nur empfehlen
natureworld 22.06.2010
Ich habe die Fahrt von Pinhao nach Porto gemacht. Eine herrliche abwechsungsreiche Landschaft. Wen es interessiert, hier sind die Bilder dazu als Youtube-Video: http://www.youtube.com/watch?v=2FkRvgMydT4
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