Kreuzfahrt per Frachtschiff "Alles klaaa" auf der Container-Carla

Mit klassischer Seefahrtsromantik hat eine Fahrt auf einem Containerschiff nichts zu tun. Dafür viel mit der Faszination an Technik und Terminals. Auf einer Tour über Ost- und Nordsee erhält Passagier Bernd Ellerbrock Einblick in die harte Realität an Bord - und erlebt pure Entspannung.

Bernd Ellerbrock

Das Deck müssen wir nicht schrubben, auch nicht laschen, Festmachertaue fieren oder die Gangway rauf und runter holen. Wir haben nicht als Seeleute angeheuert. Trotzdem gibt uns der erste Offizier Amamyan Samvel in Hamburg von der ersten Minute an das Gefühl, dass wir dazugehören. "Unsere Crew besteht aus elf Mann", sagt er zur Begrüßung, "aber jetzt sind wir 13!" Das Abenteuer Containerschiffreise kann beginnen.

So eine Fahrt auf einem Frachter hat nur eins mit einer normalen Kreuzfahrt gemein: Man befindet sich auf einem Schiff. Ansonsten ist hier alles anders. Sind wir doch auf einem Arbeitsschiff, das 700 Container geladen hat und im Verlauf der neuntägigen Fahrt durch Nord- und Ostsee sechs Terminals anlaufen wird - ab Hamburg über Nord-Ostsee-Kanal und Ostsee nach Gdynia und Danzig und über die Nordsee zurück gen Rotterdam, den größten Hafen der Welt.

Rund 5000 solche Riesenfrachter befahren gegenwärtig die Weltmeere und transportieren 27 Millionen genormte Stahlboxen nonstop hin und her. Nichts macht die Globalisierung der modernen Wirtschaft so augenfällig wie der Container. Mit Seefahrtsromantik hat die genormte Containerwelt nichts mehr zu tun. Aber jeder Technikbegeisterte, der Seefahrt im 21. Jahrhundert hautnah erleben möchte, ist auf der "Carla" richtig.

Kaum an Bord, werden wir über die Sicherheitsbestimmungen informiert. Uns wird gezeigt, wo wir uns einzufinden haben, wenn siebenmal lang und einmal kurz Alarmsignal gegeben wird. "And then we'll discuss what to do", lautet die kryptische Ansage. Wir müssen unsere Pässe abgeben, besichtigen unsere Kammern und die winzige aus Tisch, Eckbänken, Kühlschrank und DVD-Player bestehende "Offiziersmesse", in der gegessen wird.

Im Hafen hat die Crew alle Hände voll zu tun. Container werden abgeladen, andere schweben heran. Die Verladebrücke fährt mit laut warnendem Fiepen vor und zurück, ein Kleintransporter liefert Proviant aller Art, der an Bord gehievt wird. Das Terminal Hamburg-Tollerort ist inzwischen grell erleuchtet, ebenso die gegenüberliegenden Docks von Blohm & Voss. Um 3 Uhr morgens legt das Schiff endlich ab. Es wird ruhig an Bord. Das ewig tönende Brummen der Dieselmotoren wiegt uns Elbe abwärts in den Schlaf.

Mikrokosmos zwischen A- und F-Deck

Allein der Name ist an der "Carla" noch deutsch, obwohl das 121 Meter lange und 18 Meter breite Schiff vor 13 Jahren in der Hamburger Sietas-Werft gebaut wurde. Die Reederei gehört einem Iraner, Kapitän Buzanov Valeriy und seine Offiziere sind Russen und Ukrainer, und die Matrosen samt Koch Carlos stammen von den Philippinen. Ihre Personalvermittlungsagentur wiederum sitzt in Limassol in Zypern. Das Schiff selbst wurde ausgeflaggt nach Antigua und Barbuda, und die Bordsprache ist Englisch. Internationaler geht's kaum.

Wir beiden Deutschen werden freundlich aufgenommen, dürfen fast immer auf die Brücke und besuchen den Maschinenraum. Bereitwillig wird erklärt, nach was wir uns erkundigen. Denn wir Passagiere sind willkommene Abwechslung für eine Crew, die außer ihrem Schiff, Meer und Containerterminals monatelang nichts anderes zu sehen bekommt - und sich mit einem Mikrokosmos arrangieren muss.

Hier findet alles auf engstem Raum zwischen A-Deck und F-Deck statt, in den Kabinen - mit Doppelstockkoje, Kleiderschrank, Sitzecke - kann man sich so eben um die eigene Achse drehen. Und wenn zu sechst gegessen wird, ist die Messe voll. Weite bietet nur das offene Meer. Unser Lieblingsort ist das obere Stockwerk des Deckhauses mit der Brücke und den beiden seitlichen Auslegern, "Nocks" genannt. Von hier oben kann man das Meer an sich vorbeiziehen lassen, in die Gischt gucken und entspannt seinen Gedanken nachhängen.

Ab und an ist ein anderes Schiff zu sehen, in der Ferne ziehen die Kreidefelsen von Rügen vorbei, schemenhaft sind die Offshore-Windanlage bei Fehmarn, eine Ölplattform oder Helgoland weit draußen zu erkennen. Wenn wir Land sehen, versuchen wir zu erraten, wo wir wohl gerade sind. Ein Blick auf die Seekarte im Kartenraum bestätigt uns - oder auch nicht. Glück hat, wer tagsüber den Nord-Ostsee-Kanal passiert. Auf diesem maritimen Highway ist immer viel los - rund 40.000 Schiffe jährlich mit über hundert Millionen Tonnen Fracht.

"Gladiator" auf Russisch

Für das leibliche Wohl sorgt Carlos, seit 15 Jahren als gelernter Schiffskoch auf Frachtschiffen unterwegs. Davor arbeitete er als Leichtmatrose, aber die Maloche wurde ihm zu schwer. Jetzt hat er geregelte Arbeitszeiten, immer gute Laune und kann ein paar Brocken Deutsch: "Alles klaaa!" Seine Gerichte sind gut gewürzt, deftig - und manchmal etwas eigenwillig in der Zusammenstellung. Statt Spiegeleiern, geschmorten Tomaten, Bratwurst mit Ketchup und Senf bevorzugen wir am Morgen Toast mit Marmelade. Mittags kocht Carlos drei Gänge und abends erneut warm. Er schreibt die Menüs auf eine Schultafel, so dass alle sich auf die kulinarischen Abwechslungen freuen können.

Frischer Salat und Obst, für die Filipinos Reis und für die Ukrainer Schmand stehen immer bereit. Heißes Wasser für Tee oder Kaffee gibt es rund um die Uhr, und der Kühlschrank ist gefüllt. Wir fühlen uns wie früher in der Wohngemeinschaft - und ein wenig sieht es hier auch so aus. Der einzige Unterschied zwischen Offiziersmesse und Mannschaftsmesse besteht darin, dass die Sitzbänke für die Crew nicht gepolstert sind - "Holzklasse" sozusagen. Ab und an läuft der DVD-Player, so dass wir beim Mittagessen "Gladiator" auf Russisch gucken. Die Crew macht so weiter wie immer. Wir passen uns ihrem Rhythmus an und fühlen uns bald dazugehörig.

Genau dies wollten wir als Passagiere ja auch erleben: eine Seefahrt zum Anfassen ohne touristisches Rundum-Sorglos-Paket. Hier gießt keiner drei Schluck Wasser nach, wenn man zwei getrunken hat. Die Kabinenkammer hält man selbst sauber und in Ordnung. Für Urlauber, die sich gerne verwöhnen lassen, ist so eine Reise daher weniger geeignet - und auch nicht für Städtetouristen. Denn entweder sind die Liegezeiten an den Terminals für Stippvisiten in den Städten zu kurz oder die Terminals liegen weit, weit draußen. Nur Gdynia schauen wir uns fünf Stunden lang an, ansonsten bleiben wir stets an Bord.

Langweilig wird uns auf der Fahrt trotzdem keine Minute. Auch wenn wir an den Terminals das Schiff aus Sicherheitsgründen nicht verlassen dürfen, können wir von Deck aus die logistische Präzisionsarbeit beim Verladen von Containern beobachten. Kilometerlange Kais, Schiffe mit über 10.000 Boxen an Bord, wie von Geisterhand bewegte Selbstfahrlafetten, riesige Verladebrücken, spinnenähnliche Gebilde auf Rädern ("Van Carrier") prägen das Bild dieser modernen Häfen. Und wir sind quasi mittendrin - ein Privileg. Denn Containerterminals sind hermetisch abgeriegelt und können bestenfalls mal bei einer Hafenrundfahrt vom Wasser aus eingesehen werden.

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hgm1 27.05.2010
1. Frachterreise in die Karibik
Ich bin 2007 mit einem Bananenfrachter Richtung Karibik gefahren. Das Schiff startete in Hamburg, es war ein alter, rostiger Kahn mit muffeliger Besatzung, von denen praktisch keiner mit den wenigen Passagieren jemals ein Wort wechselte. Den Maschinenraum durfte man nicht betreten, man war als Passagier so eine Art Container auf Beinen. Das Essen wurde im Verlauf der Reise schlechter und schlechter. Gleich nach der Ausfahrt aus Le Havre musste die Maschine repariert werden (zwei Kolbenringe); nach 9 Stunden Dümpeln mit Landsicht ging es dann weiter. Danach 10 Tage nur Sturm und Orkan. Um Zeit aufzuholen, fiel der Stopp in Guadeloupe aus. In Cartagena bin ich dann wie geplant ausgestiegen und noch ein paar Tage in Kolumbien geblieben. Zurück dann per Flugzeug. Der alte Rostkahn (die Segovia Carrier) wird derzeit in Indien am Strand zersägt. Es war eine der herrlichsten Reisen in meinem Leben. Noch ist mir das Bild im Hafen von Martinique in Erinnerung, wo aus einem großen Kreuzfahrtschiff Passagiere päckchenweise hervorquollen, direkt in die klimatisierten Busse, für die gebuchte zweistündige Rundfahrt auf der Insel. Der Frachtschiffpassagier darf sich indes in den Gassen von Pointe-à-Pitre tummeln und muss nur aufpassen, dass der Dampfer nicht ohne ihn abfährt.
Sapientia 27.05.2010
2. Wie alt ist der Verfasser dieses Artikels?
Zitat von sysopMit klassischer Seefahrtsromantik hat eine Fahrt auf einem Containerschiff nichts zu tun. Dafür viel mit der Faszination an Technik und Terminals. Auf einer Tour über Ost- und Nordsee erhält Passagier Bernd Ellerbrock Einblick in die harte Realität an Bord - und erlebt pure Entspannung. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,695597,00.html
Entschuldigung, aber hier hat man den Eindruck, es habe sich ein redegewandter 12-jähriger zu Wort gemeldet. Was er getan hat und für berichterstattenswert hält, was es so sicherlich nicht ist, ist der Einblick in die Arbeit eines sog. Feeder-Dienstes, eines Verteilerdienstes, das was früher Kümos erledigten. ZB Haupthafen Hamburg, dort laden die großen Überseetransporte ab, die Kleinen bekommen davon jene Container für Häfen, welche von den Großen aus Tiefgangs- und Zeitgründen nicht angelaufen werden können. 11 Mann mit Hungerlöhnen für 8 Monate eingesperrt, damit sich der "Iraner", der vermutlich in der Schweiz lebt und der nicht mal den Namen Ahmadinedschad gehört hat, als Klein-Onassis in irgendwelchen keinkarierten Yuppie-Sammelbecken feiern lassen kann. Aber in diesem Artikel ging es ja wohl mehr darum, inhaltsleer die Seefahrt-Romantik des nichtsahnenden Lesers zu befriedigen.
jaguar16 27.05.2010
3. kleiner Fehler
kleine Anmerkung am Rande: der korrekte Genaralalarm wird auf Schiffen mit 7x kurzem und 1x langem Signal gegeben. War im Text genau umgekehrt genannt. (Aber im Erstfall zähl eh keiner mit, wenns nur laut genug klingelt.)
m.barufke 27.05.2010
4. schlecht gefrühstückt ?
Zitat von SapientiaEntschuldigung, aber hier hat man den Eindruck, es habe sich ein redegewandter 12-jähriger zu Wort gemeldet. Was er getan hat und für berichterstattenswert hält, was es so sicherlich nicht ist, ist der Einblick in die Arbeit eines sog. Feeder-Dienstes, eines Verteilerdienstes, das was früher Kümos erledigten. ZB Haupthafen Hamburg, dort laden die großen Überseetransporte ab, die Kleinen bekommen davon jene Container für Häfen, welche von den Großen aus Tiefgangs- und Zeitgründen nicht angelaufen werden können. 11 Mann mit Hungerlöhnen für 8 Monate eingesperrt, damit sich der "Iraner", der vermutlich in der Schweiz lebt und der nicht mal den Namen Ahmadinedschad gehört hat, als Klein-Onassis in irgendwelchen keinkarierten Yuppie-Sammelbecken feiern lassen kann. Aber in diesem Artikel ging es ja wohl mehr darum, inhaltsleer die Seefahrt-Romantik des nichtsahnenden Lesers zu befriedigen.
Haben sie schlecht gefrühstückt ? Diese ewigen Miesepeter und Großkotzigen Besserwisser gehen mir so dermaßen auf den Senkel. Der Autor hat doch geschrieben das er eine Landratte ist und lediglich seine Eindrücke beschrieben wie es ist als "Tourist" mit so einem Kahn mitzufahren. Hier ging es nicht um eine Reportage über das schutzige Gewerbe der Frachtschifffahrt. Ich für meinen Teil fand den Artickel sehr interessant und es macht Lust so eine spartanische Reise auch mal zu erleben. Da man als ladratte ja sonst nur mit Luxusdampfern in Berührung kommt.
threadneedle 27.05.2010
5. Immer gut
..das es mal einer aufschreibt. Seeleute haben keine Lobby, und die meisten Menschen an Land glauben ja immer noch das wir da draussen nur Knoten knoten und Shantys singen! Seefahrt heute? Danke.
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