Aragonien in Spanien: Der Koch und seine Krippe

Von Maik Brandenburg

Sobald das Lichterfest naht, dreht sich bei José Maria Turmo alles um seine Krippe. Dann wird aus dem kleinen Koch im spanischen Aragonien wieder ein Kind: Steine für sein Kunstwerk holt er aus dem Fluss, Häuser macht er aus Flaschenkork - und vor allem darf das "Scheißerchen" nicht fehlen.

Spanische Pyrenäen: Ein Koch und seine Krippe Fotos
Maik Brandenburg

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Am Abend blickt José María Turmo über sein Werk und sieht, dass es gut ist: Klein Jesus liegt in der Krippe, angestrahlt vom Licht versteckter Lämpchen. Maria und Josef stehen um die Wiege, Ochs und Esel schauen beseligt aufs Baby. Nur der Engel, der den ums Feuer versammelten Hirten die Frohe Botschaft verkündete, fällt aus dem Rahmen: Immer wieder kippt er in den Sand. José Maria nimmt ihn behutsam hoch, klebt etwas Leim unter die Füße, seitdem steht der Gottesbote fest und sicher.

Alle Jahre wieder bastelt der 62-jährige Turmo aus dem Örtchen Serraduy in der spanischen Region Aragonien an seiner ganz eigenen Schöpfung - einer Weihnachtskrippe. In vielen Teilen Spaniens, vor allem aber in Aragonien und der benachbarten Region Katalonien, stehen ab dem 13. Dezember solche selbst gefertigten oder gekauften Krippen. Der Tag ist der Heiligen Luzia gewidmet.

Wie ihr sinnbildlicher Lichterkranz erhellen die Kerzen der Krippen ab sofort die winterliche Dunkelheit, sei es in Wohnzimmerecken, in Schaufenstern oder in den Buden der Weihnachtsmärkte. Auf Letzteren agieren oft auch lebendige Figuren. Zwischen Ständen mit Churros und Bratäpfeln spielen zumeist Laien die Weihnachtsgeschichte nach. Manche Krippen sind alte Familienerbstücke, einige zählen über hundert Jahre.

José Maria Turmo dagegen ist gerade erst fertig geworden. Und sicher ist seine Weihnachtskrippe die größte am Fuße der spanischen Pyrenäen. Am Morgen hat er begonnen, am Abend setzt er den letzten Farbklecks. Zwischendurch holte ihn ein Mitarbeiter immer mal wieder mit sanftem Nachdruck zurück in die Küche. Denn José ist auch Besitzer der Casa Peix, eines Hotels in Serraduy.

"Wie im Rausch"

Das 40-Seelen-Örtchen im Tal von Isebena ist über Uraltpflaster und eine mittelalterliche Steinbrücke zu erreichen, unter der die Angler ihre Fliegen nach Forellen werfen. Gleich hinter der Kirche weitet sich der Blick auf Weinberge und kleine Landgüter. José ist zugleich Chefkoch der Casa Peix. "Wenn ich jedoch an der Krippe bastele, bin ich wie im Rausch. Ich kriege nicht mal mit, wenn Gäste reinkommen", sagt er.

Er stellte drei Tische zusammen, setzte Ziegelsteine darauf, eine große Platte darüber und dachte über die Gestaltung nach. Dann legte er los. Auf knapp vier Quadratmetern tummelt sich schließlich allerlei Volk, es gibt Schmiede, Händler, Müller. José stört es nicht, dass - historisch gesehen - einiges bedenklich ist. Jener Bauer etwa, mit der typischen roten Zipfelmütze des Katalanen, ihn wird es wohl kaum zu Zeiten des frisch geborenen Messias gegeben haben. Auch der Priester in der langen schwarzen Soutane dürfte erst ein paar Jahrhunderte später auf der Bildfläche erscheinen.

Und schließlich ist auch der Ort, an dem das Jesulein geboren wird, kein Stall zu Betlehem. Bei José liegt er in einer Höhle - so, wie man sie in den Apokryphen findet. José ist allerdings kein Anhänger der "versteckten Bücher der Bibel". Nicht einmal gläubig sei er. "Ich mache das, weil es was Besonderes ist zum Fest. Wer weiß schon, wie sich alles in Wirklichkeit zugetragen hat?"

Hauptsache, sagt er, die Krippe sei schön und die wichtigsten Figuren der Bibel vertreten. So verkauft denn an einem kleinen Stand der Fischer Petrus seinen Fang. Nicht weit davon schreitet Apostel Jakob weit aus, in der Hand Stecken und Beutel. Und auch der "Caganer", das Scheißerchen, gehört in die Szenerie jeder spanischen Krippe

Letzterer findet sich allerdings nicht mal in den Apokryphen. Wahrscheinlich wurde er erstmals im frühen 17. Jahrhundert in die Krippe gestellt. Meist hockt er in einer verborgenen Ecke, die Hosen heruntergelassen, wo er sich, nun ja, auf seine sehr direkte Art erleichtert. Vor allem Kindern ist es stets ein Spaß, das Männlein in den Krippen zu entdecken. "Iss gut, scheiße kräftig und fürchte dich nicht vor dem Tod!", sagt man im Land.

Auerhähne, Schneehühner und Hermeline

Das Scheißerchen symbolisiert wohl die Verbundenheit mit dem Leben, den ewigen Kreislauf der Natur. Seit einigen Jahren steht ihm der "Pixaner" zur Seite, der, Verzeihung, "Pisser". Und immer öfter tragen beide die Züge Prominenter. Am beliebtesten zu jeder Zeit: Maradona und der Papst. Aber auch Frau Merkel, sagt José, sehe man jetzt mit verkniffenem Gesicht und ganzer Hingabe ans große Geschäft.

Dieses Jahr baut José erstmalig aufsteigende Berge ein. Die entstehen aus zerknüllten Zeitungen und Gips. Die Mühle ist aus dem Holz, in dem der Käse für seine Küche angeliefert wird. Die Häuser sind aus dem Kork geleerter Weinflaschen gefertigt. Am Fuße der Krippe ist ein kleiner See, dessen Grund und Ufer José mit Kieseln belegte. Die Steinchen holte er aus dem nahen Fluss, der berühmt für seine Sauberkeit und die großen Forellen ist. Das liegt am Stausee "El Grado" weiter oben und der, meint José, reinigenden Nähe der Pyrenäen.

Nicht weit von seinem Hotel erstreckt sich das Tal von Benasques. Hier liegt der Parque Natural Posets-Maladeta mit seinen rund hundert Seen, deren beeindruckendster Teil die Salzwasser-Lagunen sind. Der Umkreis des Städtchens Benasque punktet mit der höchsten Dichte an Dreitausendern in den Pyrenäen, auf den Hochgebirgsgletschern geben sich Auerhähne, Schneehühner oder Hermeline die Ehre. Zudem viele aus Frankreich eingewanderte Wildschweine oder aus Kroatien importierte Bären. Im kleinen, aber feinen Cerler-Skigebiet rasen die Touristen zu Tale. Ansonsten blieb dieses wunderbare Naturrefugium bislang verschont von allzu viel menschlichem Auflauf.

Die Forellen angelte schon Josés französischer Großvater, der um 1915 nach Serraduy kam. "Sein Traum war immer, eine eigene Krippe zu haben. Aber er blieb als Maurer immer zu arm dafür", sagt José Turmo. Auch bei José dauerte es bis 1968. Da, sagt er, hatte er endlich so viel Geld über, um sich die ersten Figuren zu kaufen. Er nimmt eine Figur hoch, einen Hirten mit einem Schaf über der Schulter. Plötzlich wird aus dem kleinen runzligen Mann mit Halbglatze und großer Brille wieder ein strahlendes Kind. Die Figuren waren seinerzeit noch aus Ton, heute sind sie vorwiegend aus Plastik.

Das Ende naht im neuen Jahr

Jedes Jahr stockte José sein biblisches Zwergenvolk auf, es wurden immer mehr, obwohl einige auf Nimmerwiedersehen verschwanden. "Wahrscheinlich", sagt José, "haben sie einigen Gästen zu sehr gefallen". Er nimmt es mit Gleichmut, wenn sie ihm nur das Jesus-Baby lassen. "Das ist meine Lieblingsfigur. Er sieht so unschuldig aus. Außerdem ist er schon über zehn Jahre bei mir."

Die Gäste, sagt José Maria Turmo, säßen anders zu Tische, wenn die Krippe aufgebaut sei. Irgendwie entspannter. Sie sei die größte Attraktion des Restaurants, größer als seine berühmte Wildschweinwurst beispielsweise. Allerdings nicht lange. Schon am 7. Januar, dem Tag nach der spanischen Bescherung, wird sie wieder abgebaut. Die Figuren kommen in die Kiste, die Landschaft wird geschreddert. "Aber das muss ein anderer machen", sagt José. "Ich ertrag das nicht."

Danach steht er wieder ein Jahr lang in seiner Küche und träumt von der "ultimativen Krippe": mit einer Mühle, deren Flügel sich tatsächlich drehen, mit Licht in den Häusern und mit fließendem Wasser im Fluss. "Ich weiß, wie Gott sich fühlte, als er die Welt erschuf", sagt José lächelnd und knipst das Lämpchen über dem kleinen Heiland an.

Und siehe: Es ward Licht!

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Alles katalanisch ...
hans-ingo_radatz 10.12.2012
Dies ist ein schöner Beitrag über die katalanische Krippentradition - nicht über die "spanische". Jedes einzelne der "spanischen" Wörter des Artikels ist in Wahrheit katalanisch. Der Ort, über den berichtet wird, liegt im katalanischsprachigen Streifen Aragoniens entlang der Grenze zu Katalonien, der Franja d'Aragó. Ist das alles wichtig? Vielleicht nicht. Das Problem ist, dass so ziemlich alle Äußerungen katalanischer Kultur in Deutschland als "spanisch" kategorisiert werden und katalanische Kultur damit so gut nicht stattfindet. Wenn nun die Katalanen nach 300 Jahren militärisch erzwungener (durch die Bourbonen & erneut im Bürgerkrieg) Zugehörigkeit zu Spanien mit demokratisch gewaltfreien Mitteln um ihre Unabhängikeit kämpfen, so klingt das auf dieser Informationsbasis selbst für gebildetete Menschen absurd. Katalanisch? Nie gehört. Sicher so eine unwichtige Spinnerei von einigen verblendeten Lokalpatrioten ... Kein Spanier würde die beschriebene Krippe (pessebre) als "spanisch" empfinden. Warum sollten die Spiegel-Leser?
2. Alles Katalanisch....
Lotte 10.12.2012
Endlich! Der Kommentar spricht mir aus der Seele. Es ist eine Sisiphusarbeit, immer wieder auf diese Dinge aufmerksam zu machen, das Katalonien (nicht Katalanien oder Katalonisch) eine eigene Sprache und Kultur hat, und der Caganer ist dafür ein typisches Beispiel. Leider wird in den meisten Medien fast alles, was auf der Iberischen Halbinsel passiert, in einen Topf geworfen. So hört man z. B. Flamencomusik als Hintergrund in einer Doku über die Balearen oder auch in Barcelona. Unendlich viele Beispiele könnte man anführen. Die Medien sollten da etwas sensibler recherchieren.
3.
mjsonia 10.12.2012
"Kein Spanier würde die beschriebene Krippe (pessebre) als "spanisch" empfinden" Ich doch! Meine ersten "pesebres" mit "Caganer" habe ich in Andalusien und Madrid vor vielen Jahren gesehen. Ich habe aber auch das Glück gehabt, die "pesebres" in Aragonien, Kastilien-Leon und Katalonien zu bewundern. Für mich die beschriebene Krippe ist doch auch spanisch ;-)
4.
jankogb 10.12.2012
Zitat von sysopSobald das Lichterfest naht, dreht sich bei José Maria Turmo alles um seine Krippe. Dann wird aus dem kleinen Koch i
Ja, alles sehr Spanisch hier. Allem voran auch die Uebersetzung des urig kastilischen Spruches "Menja bé, caga fort i no tinguis por a la mort!"... Ein wenig mehr Hintergrundwissen zur Lage waere wuenschenswert, zumindest ein paar Links auf die eigene Berichterstattung hier koennten durchaus helfen. 14N und 25N waren hierzulande brennende Themen, die selbst im Spiegel Beachtung fanden und somit Katalonien ein wenig mehr ins Interesse der Deutschen brachte. Zumindest einen kleinen Hinweis koennte man sich selbst in einem eher gemuetlichen Artikel erlauben. Auf der anderen Seite ist es wohl gut, dass die Katalanen nicht nur mit scheissenden Figuren und Baumstuempfen sowie Barça ins allgemeine Gedaechtnis eingehen ;)
5. ...
Newspeak 10.12.2012
Ach ja, die stolzen Kleinstvölker Europas. Als ob das so wichtig wäre. Wenn über Deutschland berichtet wird, wird auch nicht immer erwähnt, ob man über Bayern spricht oder über Sachsen oder wen auch immer. Ganz zu schweigen von den diversen Kleinstgemeinden, den Sorben o.ä. Es ist auch schön, daß es dadurch kulturelle Eigenheiten und Unterschiede gibt, noch schöner wäre es allerdings, wenn man mal davon wegkäme, sich deshalb ab- und auszugrenzen und gleich zu meinen, man bräuchte einen eigenen Staat. Gab es alles schon im Mittelalter und hat es irgendwas gebracht? Außer daß Europa jahrhundertelang im Krieg versunken ist. Mindestens einmal pro Generation.
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