Kulturprojekt in Litauen Psychoterror im Sowjetbunker

Willensbrechung, Erniedrigung und Demütigung - der Besuch des Bunker-Projekts "1984. Back in the USSR" nahe Vilnius ist kein Spaß. Anlässlich des kommenden Kulturhauptstadtjahres lassen die Litauer den Schrecken der Sowjetzeit wieder auferstehen.


Vilnius - Im Jahr 2009 wird Litauens Hauptstadt Vilnius gemeinsam mit Linz in Österreich den Titel "Europäische Kulturhauptstadt" tragen. Ein erstes Projekt läuft bereits seit Januar unter dem Namen "1984. Back in the USSR". Es bietet die Möglichkeit, Ideologie und Brutalität des kommunistischen Regimes während der fast 50 Jahre dauernden Herrschaft der Sowjetunion in der baltischen Republik hautnah zu spüren: in einem rund 4000 Quadratmeter großen Sowjetbunker, mehr als fünf Meter unter der Erde.

"1984. Back in the USSR": Erleichterung - das Stahltor öffnet sich wieder.
GMS

"1984. Back in the USSR": Erleichterung - das Stahltor öffnet sich wieder.

"Ras, dwa, ras, dwa, dawaj, dawaj, ras, dwa" ("Eins, zwei, eins, zwei, schnell, schnell, eins, zwei") hallt es zackig durch die Wälder 25 Kilometer nördlich von Vilnius. Etwa 30 vorwiegend junge Menschen in schwarzen und blauen Arbeitsjacken versuchen, im gebrüllten Rhythmus des Sowjet-Kommandanten zu marschieren und beim Aufziehen der roten Flagge sofort strammzustehen. Keiner wischt sich die Regentropfen aus dem Gesicht. Der Marschbefehl in Richtung des Bunkers quittieren die 30 Stimmen mit einem lautstarken "Jawohl!". An die reizenden Moskauer Mädels des "Back in the USSR"-Hits der Beatles denkt in den nächsten zweieinhalb Stunden wohl niemand von ihnen.

Der Bunker ist in den achtziger Jahren als geheime Fernsehsendeanlage erbaut worden. Von hier starteten während des Loslösung Litauens von der Sowjetunion im Januar 1991 sowjetische Truppen einen Angriff auf den Fernsehturm von Vilnius, der 13 Todesopfer und mehr als 1000 Verletzte forderte. In dem seit damals ungenutzten Bunkerlabyrinth hat der litauische Regisseur Jonas Vaitkus nun die Basis für ein "Überlebensdrama" mit realistischen Szenen aus der Sowjetzeit geschaffen - mit Schauspielern in den Rollen der Systemvertreter und maximal 40 Besuchern in den Rollen der "Bürger der Sozialistischen Sowjetrepublik Litauen". Eine entsprechende "Bürgerschaftserklärung" ist beim Betreten des Bunkerareals zu unterzeichnen, ebenso, wie sich die Besucher den Anweisungen widerspruchslos zu fügen haben.

Das Denken ist einzustellen

Grinsend und mit einem Glas Gerstenkaffee in der Hand, zwängen sich die "UdSSR-Bürger" in abgetragene Sowjetarbeitsjacken. Sie geben Taschen, Mobiltelefone und Kameras ab. Laut Befehl ist das Denken einzustellen, das übernimmt die Partei. Nach der Leibesvisitation folgt der Abmarsch zur Flaggenzeremonie ins Freie - bei jedem Wetter: "Ras, dwa, ras, dwa, dawaj, dawaj". Wer hier lacht, wird zu Kniebeugen mit ausgestreckten Armen oder zu Liegestützen verdonnert.

Durch eine harmlos aussehende Tür geht es eine steile Treppe abwärts in den Bunker. Zunächst werden die Teilnehmer im Laufschritt durch die schmalen, modrig-kalten und mehr oder weniger dunklen Gänge kommandiert, dann bekommen sie im Lehrraum unter dem gestrengen Auge Lenins die kommunistische Ideologie eingetrichtert - bis das "Jawohl" der "Bürger" euphorisch genug klingt. Mit dem Gesicht zur Wand müssen die Besucher Schulter an Schulter stehen, jeder Blick nach rechts oder links wird sofort unterbunden. Keiner kichert. Hinter dem Rücken ist das gierige Hecheln des Schäferhundes zu hören - und zu spüren.

Stillgestanden: Schauspieler demonstrieren Besuchern die Härte des Sowjetdrills.
GMS

Stillgestanden: Schauspieler demonstrieren Besuchern die Härte des Sowjetdrills.

Schimmelfeucht ist der Geruch in der Gasmaskenkammer. Beim Überziehen der Maske ist das erste laute Würgen einer "Bürgerin" zu hören. Alle anderen ignorieren die Gänsehaut und unterdrücken den Ekel, denn des Kommandanten Wunsch ist den "Bürgern" Befehl. In der medizinischen Abteilung flößt die kaltäugige Ärztin wenig Vertrauen ein. In barschem Stakkatoton nimmt sie sich die "Patienten" einzeln vor. Mit im Nacken verschränkten Händen kriegt ein des Verrates bezichtigter Mann vom "KGB-Verhörer" eins mit dem Ledergürtel übergezogen. Ein blasser "Bürger" wird noch blasser in Handschellen abgeführt und in Dunkelhaft genommen. Eine zarte "Bürgerin" wird zum Tippen eines Geständnisses ihrer Untaten gezwungen.

Zur Entspannung ein Dosenessen mit Wodka

Plötzlich ist der dunkle Raum total finster. Die Frau wird auf einen Stuhl gedrückt, der grelle Lichtstrahl einer Tischlampe zielt direkt ins Gesicht. Beim Marschieren im Kreis verliert sich schnell jedes Zeitgefühl: Sind es zwei Minuten, fünf oder 30? Es wären nicht Litauer, würden sie hier und jetzt nicht singen. Ab und zu ist auch ein fast hysterisches Lachen der Hilflosigkeit zu hören. Und weiter wird durch den Bunker Stiegen hoch und Stiegen hinunter gehetzt. Zur "Entspannung" folgen ein Besuch im Sowjetladen, wo es Geschenke gibt, und zum Abschluss ein Sowjet-Dosenessen mit Wodka.

War dem KGB-Terror einst keine Grenze gesetzt, so wird in dieser Vergangenheitserkundung der theatralischen Art zwar niemand absichtlich körperlich verletzt. Doch Willensbrechung, Erniedrigung und Demütigung sind beabsichtigt. Diese Demonstration will spürbar machen, wie es sich damals unter der Besatzungsherrschaft lebte.

"Stalin-World", Gulag-Tourismus, Themenpark oder Ausflug in die Vergangenheit - egal welches Etikett diesen zweieinhalb Stunden im Bunker aufgedrückt wird: Sie liegen wohl näher bei einer Therapie als bei einem "Abenteuerpark". Sie sind ein Heilungsansatz für vielerlei Leiden, und sei es "nur" alltäglicher Snobismus. Das Öffnen des hohen Stahltores am Ende löst ein tiefes Gefühl der Erleichterung aus. Die Teilnehmer sind einem überwachten, kontrollierten Leben entkommen, auch wenn das Erlebte noch Tage nachwirkt - physisch und psychisch.

Von Judith Lewonig, dpa

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