Galerie-Bummel in Luxemburg Kulturputsch in der Puppenstube

Erst kam der Stahl, dann die Banken. Und jetzt? Die Kunst. In Luxemburg dreht sich zurzeit alles um Design und Fotografie. Ein Ausflug zu Kunstmuseen und Galerien.

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Von Thomas Heinloth


Bevor Lorenzo Palmeri in Luxemburg ausstellen durfte, wusste der italienische Architekt und Designer aus Mailand noch nicht einmal, wo diese Stadt überhaupt liegt. "Dabei ist das für Designer hier gerade der Mittelpunkt der Welt", sagt er jetzt. Für seine Klangobjekte-Ausstellung in der Galerie Simonciniin der Rue Notre Dame baut er hölzerne Rasseln und Resonanzröhren aus Carrara-Marmor auf. Für Furore sorgte vor einigen Jahren seine E-Gitarre mit Aluminiumkörper, "Paraffina" nennt Palmeri sie.

"Paraffina ist viel mehr als eine Gitarre", sagt der Italiener, "wer sie spielt, wird ihr Gefährte." Lou Reed war einer der Ersten, der Palmeris berühmtestes Stück bestellte. "Er hat sie bis zu seinem Tod gespielt", sagt der Designer. Dann greift er selbst in die Saiten und schlägt ein paar Akkorde auf dem Ur-Modell der "Paraffina" an.

Am Abend steht Palmeri mit einem Glas Mosel-Crémant im Mudam, dem Museé d'Art Moderne Grand-Duc Jean, bei der Eröffnung des "Design City"-Festivals. Dann schlendert er durch die weiten Hallen des Gebäudes, das wie ein Raumschiff über dem Luxemburger Kirchberg thront. Gebaut von Ieoh Ming Pei und 2006 eröffnet, ist das Mudam mittlerweile zum Mutterschiff der Kunst- und Kulturszene im Land geworden, richtet Events wie das "Design-City"-Festival aus (bis 18. November) und sorgt mit temporären Ausstellungen für Aufsehen.

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Luxemburg: Von Mudam bis Düdelingen

Viele Besucher kommen von weither, um etwa Fotografien von Jeff Wall zu sehen, 27 großformatige Bilder, die der kanadische Künstler in schrankwandgroßen Lichtboxen noch bis Januar 2019 präsentiert: perfekt inszenierte scheinbare Alltagseinblicke, mal verstörend und mal amüsant, darunter viele Werke, die das erste Mal in Europa zu sehen sind.

New Yorker Schenkung für Düdelingen

"Die Wall-Ausstellung ist ein echter Coup", sagt Paul Lesch. Als Direktor des Centre National de l'Audiovisuel regiert er einen beträchtlichen Teil von Luxemburgs Kulturschatz, etwa 400.000 Dokumente, vor allem Fotografien, die meisten davon im Depot von Düdelingen, etwa 20 Kilometer entfernt von der Hauptstadt. "Man glaubt gar nicht, wo Luxemburg in der Kulturszene überall mitmischt", sagt Lesch.

Die fotografische Abteilung des Museum of Modern Art in New York (MoMA) etwa leitete in den Fünfziger- und Sechzigerjahren der aus Luxemburg stammende Edward Steichen, der dort eine der wichtigsten Ausstellungen der Fotogeschichte kuratierte: "The bitter years", eine Sammlung dokumentarischer Bilder aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise.

Fotos, die der Depression Gesichter geben, einige mit leerem Blick, andere überraschend hoffnungsfroh. "Eine erstaunliche Ausstellung", sagt Lesch, "aber noch erstaunlicher ist, dass Steichen das MoMA überreden konnte, sie Luxemburg zu schenken." Jetzt also hängen die Bilder aus den "bitter years" im Wahrzeichen von Düdelingen, dem alten Wasserturm.

Wie ein Betonphallus ragt der Turm aus den Kühlbecken der ehemaligen Walzwerke. Erst Ikone der städtischen Industriegeschichte, dann baufällige Altlast und seit sechs Jahren restauriert als Ausstellungsort. "Der Turm steht auch für den Wandel Luxemburgs: Erst kam der Stahl, dann die Banken, jetzt die Kunst", sagt Lesch.

Nur eine halbe Autostunde von Düdelingen entfernt liegt das "Land der roten Erde", die Eisenerzlager, die Luxemburg einst reich machten. Dort, auf der 120 Fußballfelder großen ehemaligen Montanbrache in Belval, entsteht seit 2014 ein gewaltiger Campus für Wissenschaft und Kultur. Immer am ersten Juni-Wochenende feiern sie das "Blast furnace festival" rund um die stillgelegten Öfen. "Das ist kein Strukturwandel", sagt Lesch, "sondern eine kleine Kulturrevolution."

Video-Installationen statt Schinken

Marita Ruiter kennt die Zeit, als es im Land nach Stahl und Kohle roch. Mit ein paar ausgeliehenen Bildern von Klimt, Schiele und Kokoschka im Gepäck kam die Sammlerin in den Siebzigern von Wien nach Luxemburg, um in der schmucken Altstadt der Hauptstadt eine Galerie zu eröffnen.

"Viel zu früh", sagt sie, "mit Kunst war da kein Geschäft zu machen." Statt mit Verkaufen beschäftigte sich die Galeristin also mehr mit ihrer Leidenschaft, der Fotografie. Derzeit zeigt sie in der Galerie Clairefontaine Schwarzweiß-Porträts von Prostituierten in Billigbordells der Grenzstädte Mexikos: beklemmende dokumentarische Arbeiten, schonungslos und direkt, keine leichte Kost, vor allem aber Kontrastprogramm zur hübschen, besenrein gefegten Altstadt-Puppenstube hinter der Galerie. "Vielleicht sind die Bilder ja genau deshalb so gefragt", sagt Ruiter. In diesen Tagen jedenfalls kann man von Kunst gut leben hier, "Luxemburg hat einen Lauf."

Der historische Kern der Stadt hinter der Corniche war lange reserviert für Banken und Delikatessgeschäfte, jetzt aber hat dort ein gutes Dutzend Galerien, Ateliers und Kunst-Cafés eröffnet. In den Schaufenstern locken statt Ardennenschinken und der traditionellen "Rieslingspaschtéit" (Schweinefleischpasteten) Video-Installationen und Skulpturen. Im Kaale Kaffi in der Rue de la Boucherie trifft sich die Kulturszene zwischen Vintage-Sofas und Ölgemälden an der Wand.

Eine Gruppe Gaststudenten aus Aserbeidschan feiert mit einer Flasche "Extra brut": Einer von ihnen hat gerade den zweiten Platz bei einem Fotowettbewerb der Stadt gewonnen. Eigentlich hatten sie sich ja für ein Stipendium nach Paris beworben, erzählen sie. "Was für ein Glück, dass sie uns da nicht wollten." Und dann haben sie es plötzlich eilig: Im "Mudam" ist am Abend eine Vernissage.

Thomas Heinloth ist freier Autor bei SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt von Visit Luxemburg.

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