Kurische Nehrung Sand, Sand und Himmel

Man glaubt, in der Sahara zu sein, beschrieb schon Thomas Mann sein Sommerdomizil in Litauen. Die Hohe Düne auf der Kurischen Nehrung ist eine der größten Europas, die Halbinsel selber in ihrer Art einzigartig.


Kurisches Haff: "Italienblick"
Hilke Maunder

Kurisches Haff: "Italienblick"

Nida - Sand. Kilometerweit feiner Sand. Im Sommer flirrende Hitze in einer wüstenartigen Landschaft. Im Winter Schneeberge oder Wind, der tiefe Spuren im Sand hinterlässt. Bleibt man stehen und lässt die Stille auf sich wirken, ist die Illusion perfekt. Doch diese Landschaft liegt nicht Tausende Kilometer entfernt von daheim, sondern an der Ostseeküste. "Sie befinden sich in Litauens Sahara", sagt lächelnd Vita Styliute. Die junge Litauerin, die im Auftrag verschiedener Reiseveranstalter deutschen Touristen ihre Heimat zeigt, ist sichtbar stolz auf das Naturwunder, das sich da auf der schmalen Kurischen Nehrung im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat und das heute Touristen aus ganz Mitteleuropa anlockt.

"Der Landstreifen ist 96 Kilometer lang und so schmal, dass man ihn in 20 Minuten oder einer halben Stunde bequem vom Haff zur See überqueren kann", beschreibt Thomas Mann - einer der berühmtesten Feriengäste auf der Kurischen Nehrung - in seinem "Niddener Tagebuch" die im Ostseeraum in ihrer Art einzigartige Halbinsel. Drei Sommer verbrachte der Literatur-Nobelpreisträger Anfang der dreißiger Jahre im damaligen Nidden. Das nach seinen Vorstellungen gebaute hölzerne und reetgedeckte Ferienhaus auf dem "Schwiegermutterberg" am Ortsrand von Nida beherbergt ein kleines Museum. Jedes der sechs Kinder hatte ein eigenes Zimmer, besonders eindrucksvoll ist das ehemalige Arbeitszimmer des Dichters mit einem grandiosen Blick über das Kurische Haff. Mann nannte diesen Blick seinen "Italienblick".

Drei Elche in den Wäldern

Das "Niddener Tagebuch" und der Vortrag "Mein Sommerhaus", den Thomas Manns 1931 vor dem Rotary Club in München hielt, können noch heute gut als Reiseführer für Entdeckungen auf der Kurischen Nehrung dienen. Begeistert schreibt der Autor zum Beispiel über die Elche, deren imposanter Anblick ihn zu regelrechten Schwärmereien verleitete. Heute soll es immer noch drei der gewaltigen Tiere in den Wäldern der Nehrung geben. "Wer einen Elch sieht, sagt mir bitte sofort Bescheid und bekommt von mir einen Kaffee", schmunzelt Vita. Die scheuen Tiere wagen sich nur in den ganz frühen Morgenstunden aus dem Dickicht hervor.

Fischerhaus in Nida: Massentourismus wird schon durch die erschwerte Anreise geregelt
DDP

Fischerhaus in Nida: Massentourismus wird schon durch die erschwerte Anreise geregelt

Hauptattraktion von Nida ist natürlich die Hohe Düne, die zwischen dem Ort und der Grenze zum russischen Gebiet Kaliningrad (Königsberg) über 60 Meter hoch aufragt. Man darf sie - eine der höchsten Dünen Europas - betreten, muss jedoch auf den Hauptwegen bleiben. "Kennen Sie die Dünen von List auf Sylt?", fragt Thomas Mann. "Man muss sie sich verfünffacht denken, man glaubt, in der Sahara zu sein... Alles ist weglos, nur Sand, Sand und Himmel."

Diesen Eindruck hat man auch heute noch im Tal des Schweigens, einem weiten Tal zwischen zwei Dünen. Entstanden ist das Phänomen durch Menschenhand: Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde der ursprüngliche Wald aus Eichen, Linden, Birken und Fichten abgeholzt, und damit kam das ökologische Gleichgewicht ins Wanken. Die Dünen begannen zu wandern und begruben im Laufe der Zeit 14 Dörfer. Seit 200 Jahren ist man damit beschäftigt, die Dünen zu bepflanzen und festzulegen. Heute ist die große Düne von Nida gefährdet. Der Wind trägt den Sand ins Haff, und in den letzten 20 Jahren hat sie rund 15 Meter an Höhe verloren.

Blick von der Hohen Düne auf Nida: "Alles ist weglos, nur Sand, Sand und Himmel"
DDP

Blick von der Hohen Düne auf Nida: "Alles ist weglos, nur Sand, Sand und Himmel"

Vor Jahren plante zunächst die Sowjetunion und später die Republik Litauen ein Touristenzentrum auf der Kurischen Nehrung. Zum Glück erkannte man, dass der sensible Landstreifen einem Massenansturm nicht gewachsen ist. Schon 1976 wurde das Gebiet zum Landschaftsschutzgebiet erklärt, seit 1991 ist es Nationalpark. Massentourismus wird schon durch die erschwerte Anreise geregelt. Von litauischer Seite gelangt man nur durch eine Fährverbindung von Klaipeda (Memel) auf die Nehrung. Die Straße vom Nordzipfel bis nach Nida ist für Autofahrer nur noch gegen Bezahlung zu passieren. Somit sollte die Besucheranzahl eigentlich reguliert werden, in der Hochsaison werden die Bestimmungen allerdings nicht immer streng umgesetzt.

Wie Nida erstrahlen auch die Badeorte Smyltine (Sandkrug), Juodkranté (Schwarzort) und Pervalka (Perwelk) im neuen Glanz. Auf neu angelegten Strandpromenaden flanieren Urlauber und Tagesausflügler. Gebadet wird sowohl im ruhigen Haff, als auch in der wellenbewegten Ostsee. Der Weg zum Strand ist nirgendwo besonders weit.

Kulturinteressierte suchen Spuren der Niddener Künstlerkolonie, mit der Max Pechstein, Lovis Corinth, Karl Schmidt-Rotluff und andere ein Malerparadies schufen, bewundern Schmuckstücke aus Bernstein oder lassen sich die Geschichte von den Kurenkahnwimpeln erklären. Anhand dieser hölzernen Fahnen konnte man früher die gesamte Familiengeschichte der Fischer an ihren Booten erkennen.

Von Ditmar Hauer, ddp



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