Kurztrip in die Ukraine: Die halbe Krim in hundert Stunden

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Hier rostet die Schwarzmeerflotte, hier drängeln Touristen an die Strände von Jalta: Die Krim im Sommer, das ist ein Traum für Wanderer, ein Studienziel für Geschichtsinteressierte - und für Badegäste ein Dauerkarneval. Kann man das alles an einem verlängerten Wochenende sehen? Man kann!

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Der Trip hat sich gelohnt, schon jetzt. Mein Graumarkttaxi rollt in die Altstadt von Bachtschissarai hinein, rechts ziehen zwei, drei Minarette vorbei, und natürlich hat mein Fahrer nicht die Spur einer Ahnung, wo sie denn liegt, die "Inselstraße". Ich krame das Handy hervor und rufe Dilara an, meine Wirtin und Gastgeberin.

"Fahrt zum Dorfplatz weiter, parkt vor dem Laden. Dann wartet."

Hier stehen wir also, drei Minuten, sieben schon, zehn. Dann kommt Dilaras Mann Riza zu Fuß die steile Straße heruntergeholpert, er ist um die 60 Jahre alt. Er steigt ins Taxi, lotst uns persönlich durch die Kurvengassen zum "Hotel" mit seinen vier Gästeräumen. Das Zimmer, der Talblick, dann tatarischer Kaffee! Vor 90 Minuten erst ist mein Flugzeug auf der Krim gelandet. Und schon fühle ich mich eingenommen von Gastfreundschaft.

"Die Krim", das ist ein Begriff mit hundert Bedeutungen. Der eine denkt an Sekt, der andere an Stalin. Vielen fällt der Dauerstreit um die Schwarzmeerflotte ein, manchen das Ostblock-Jugendlager Artek. Die Krim ist heute wieder Heimat für 260.000 Tataren, darunter meine Gastgeber im Örtchen Bachtschissarai. Und Hunderttausende Ukrainer und Russen suchen hier allsommerlich das, was Deutsche am Mittelmeer finden: Strand, Hitze, Party! Von Donnerstag bis Montag habe ich, um all dem hinterherzuspüren - verflixt wenig Zeit für 26.100 Quadratkilometer Land.

Aber dann lieber gar nicht fahren? Unsinn!

Die Überraschung der Reise heißt Sewastopol, meine zweite Station. Wer hätte das gedacht: Die größte Krim-Stadt, ein Hafen-und-Plattenbau-Moloch mit 380.000 Menschen, beherrscht die Leichtigkeit des Seins. An der Uferpromenade nahe des "Denkmals der versenkten Schiffe" spielen Livebands, Schüler skaten zwischen Touristen und Liebespärchen hindurch. Badende springen an allen möglichen und undenkbaren Orten vom Beton aus ins Wasser. Am Abend wird unter freiem Himmel Karaoke gesungen, meist russische Rührschlager. Nur ein alternder Herr krächzt politisch-bewegt in sein Mikro: "Vergesst nicht, vergesst nicht die Lager."

Per Taxi, Autobus und Minibus: Die Vier-Tage-vier-Städte-Route durch den Südwesten der Krim
SPIEGEL ONLINE

Per Taxi, Autobus und Minibus: Die Vier-Tage-vier-Städte-Route durch den Südwesten der Krim

Mehr als 500 Euro hat der Flug auf die Halbinsel in der Südukraine gekostet, inklusive Umsteigen in Prag und in Kiew, aber das war schon das Teuerste am Spontantrip auf die Krim. Ein nettes Zimmer privat bekommt man für ein paar Euro, ein hässliches in einem Drei-Sterne-Sowjetklotz für 50. Essen kostet fast nichts (von Sushi-Bars am Meer einmal abgesehen), Busfahren ist noch billiger. Vier Übernachtungen, vier Städte, das geht auf der kompakten Krim, ohne in Stress auszuarten. Mit ein paar Sätzen Russisch kommt man fast überall hin.

Weiter, weiter, das nächste Ziel! Der Autobus ist eng, heiß, überbucht. Eine Mitfahrerin zwängt sich auf den Platz zwischen zwei Sitzen, ihr Mann wird auf einen Hocker im Gang verbannt. Wer in den Ex-Staaten der UdSSR verreist, der muss das Improvisieren lieben. Vor dem Fenster eine Landschaft voller Fotomotive: steile Abhänge, Pinien, weiße Nobeldatschen am Fels, darunter das Schwarze Meer. Aber irgendwie kommt man in der Ukraine immer auf Politik, wie jetzt in der Platzreihe vor mir.

Der Tourist aus Moskau (Mitte 40, dekorativ ergraut, Markenkleidung): "Ich verstehe das nicht, warum habt ihr diesen Juschtschenko zum Präsidenten gewählt?"

Die Ukrainerin (ortskundig, 20 Jahre älter, mit Goldzähnen): "Die Hälfte, vielleicht zwei Drittel der Ukraine wollen ja nach Westen, so wie er. Bei uns auf der Krim ist das anders."

Am Bus ziehen die ersten Billboards der Wahlkämpfer vorbei: Union der linken Kräfte, Partei der Regionen, Partei Vaterland. Im Februar wird ein neuer Präsident gekürt in diesem Staat, der in zwei Teile zerfällt - einer drängt zur EU, der Südosten zurück Richtung Russland. Auf der Krim sind die Loyalitäten klar: In der letzten Volkszählung nannten 77 Prozent Russisch als ihre Muttersprache, Ukrainisch gerade mal zehn Prozent.

Der steinige Strand von Jalta, so viel ist klar, ist noch heute so russisch wie zu Zeiten Leonid Breschnews. Die Promenade des "Kurorts" gleicht einem Jahrmarkt, überall Kinderkarussells, Schießbuden, Maiskolbenverkäufer für die Touristen aus Putins kaltem Reich. Irgendein Investor mit Humor, Größenwahn oder beidem hat eine Asterix-bei-Kleopatra-Sklavengaleere ins Meer gebaut - sie beherbergt das Restaurant "Goldenes Vlies", kitschig, komisch, überteuert.

Endspurt, zum Abschluss: ein Hauch große Weltpolitik. Wehrmacht und Rote Armee kämpften um Königsberg, als sich Stalin, Churchill und der bereits sichtbar hinfällige Roosevelt in Jaltas Nachbarörtchen Liwadia zum Pokern versammelten. In einem Prachtpalast aus Zarenzeiten teilten sie Deutschland, Europa, die Welt in zwei Hälften. Heute beherbergt der Bau ein Museum - für Geschichtsfreaks auf der Krim eine Muss-Destination. In der Warteschlange für Tickets: auffällig viele Amerikaner und Deutsche aus der Generation 60 plus, auch ein Paar Israelis.

Auf diesem Stuhl saß Churchill! Das Untergeschoss versammelt Möbel, Fotos, Zeitungstexte aus der Zeit der Drei-Mächte-Gespräche - das obere ist vollgepfropft mit Zar-Devotionalien. Nikolaus II. und Familie genossen hier ihre letzten Sommer vor der Oktoberrevolution. Eine Führerin durch die Gemächer rattert Sätze herunter wie: "Nikolaus II. beherrschte fünf Sprachen, liebte die Literatur", und: "Seine Töchter waren begabte Malerinnen, schauen Sie selbst auf die Aquarelle." Nach einer Stunde wünscht man sich glatt die Monarchie zurück.

Der Bus nach Simferopol. Eine letzte Übernachtung. Im Taxi zum Flughafen.

Was bleibt nach 100 vollgepackten Stunden? Ein Sonnenbrand, Erinnerungen, ein paar wertlose Kopeken im Portemonnaie. Und als Ohrwurm ein russischer Schlager.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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1. krim, liebenswert,wie die gesamte ukraine
altruist 14.08.2009
schöner artikel. vielleicht sollten wir unsere devisen/urlaub auf der krim anlegen statt in der türkei/tunesien etc. so helfen wir den menschen an besten.
2. komischer Artikel
Tupolev 14.08.2009
Ein komischer Artikel, wie so ziemlich das Meiste was der Spiegel über Russland verbockt. Nur zur Information - nicht alle müssen dort auf Betonplatten ins Wasser steigen und leben in zerfallenen Häusern. Auf der Krim gibt es auch sehr viel Wohlstand. Haben Sie mal Jalta besucht? Passt Ihnen wohl nicht ganz für Propagandazwecke. Die 20 Bildchen überzeugen zum Glück nicht. Zu viel Kritik gemischt mit offener Feindseligkeit. Aber gut, so eine seriose Reportage leiße sich über jedes beliebeige Land machen: Mir schweben vor: die Penner von Lübek, Aufnahmen von Ausländern und Polizei in Kreuzberg, ausgebrannte Autos, saufende Jugendliche auf dem Kiez, polnische Zigarettenhändler vor den Wohnsilos und eine Neonazi - Fahnenparade in Brandenburg als Krönung. Jedes Foto sollte dann auch politisch sinnfrei kommentiert werden. Z.B. die Bundeskanzlerin hatte Saakaschwilli bei seinem Angriff unterstützt.
3. Unbekannte Ukraine
Papa_Oystein 14.08.2009
Ich war am letzten Wochenende für 3 Tage und 3 Nächte in Kiew - ganz spontan. Ohne eine genaue Vorstellung zu haben, was mich erwartet, Reiseführer erst im Flugzeug überflogen... Und hatte am Sonntag den schönsten Stadtrundgang meines Lebens! Und der misst sich immerhin mit New York, Rom, Hong Kong, Paris, Vancouver, Berlin, Madrid und vielen anderen Metropolen. Ich behaupte nicht, dass Kiew die schönste Stadt der Welt ist - ist es nicht. Aber sehr angenehm, lebendig, und eben unerwartet schön :-)
4. Eines stimmt allerdings:
glad07 14.08.2009
Zitat von TupolevEin komischer Artikel, wie so ziemlich das Meiste was der Spiegel über Russland verbockt. Nur zur Information - nicht alle müssen dort auf Betonplatten ins Wasser steigen und leben in zerfallenen Häusern. Auf der Krim gibt es auch sehr viel Wohlstand. Haben Sie mal Jalta besucht? Passt Ihnen wohl nicht ganz für Propagandazwecke. Die 20 Bildchen überzeugen zum Glück nicht. Zu viel Kritik gemischt mit offener Feindseligkeit. Aber gut, so eine seriose Reportage leiße sich über jedes beliebeige Land machen: Mir schweben vor: die Penner von Lübek, Aufnahmen von Ausländern und Polizei in Kreuzberg, ausgebrannte Autos, saufende Jugendliche auf dem Kiez, polnische Zigarettenhändler vor den Wohnsilos und eine Neonazi - Fahnenparade in Brandenburg als Krönung. Jedes Foto sollte dann auch politisch sinnfrei kommentiert werden. Z.B. die Bundeskanzlerin hatte Saakaschwilli bei seinem Angriff unterstützt.
so viel Geschichte habe ich nirgendwo gesehen. Und die freundlichen Leute, schöne Frauen, vielseitige Küche- es lohnt sich dort Urlaub zu machen! Allerdings nur für diejenigen die spontan, unkompliziert sind und keinen großen Wert auf Luxus legen.
5. Anreise
mario_85 14.08.2009
Für Liebhaber und Leute, die mehr Zeit einpacken: Mit dem Zug anreisen! Ab Görlitz braucht man noch ungefähr einen halben Tag nach Lvov, und genau 24 Stunden dann nach Sewastopol, die Zugfahrt zwischen Lvov und Sewastopol war die bisher schönste meines Lebens! Es gibt sogar einmal täglich eine Fahrt von Breslau nach Lvov der ukrainischen Staatsbahn, der ist allerdings vergleichsweise preisintensiv (wegen Umspuren), dennoch ein Witz im Vergleich zu Schlafwagen hier.
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