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Künstlerdorf El Guro auf La Gomera: Nach dem Feuer

Von Oliver Lück

Künstlerdorf El Guro auf La Gomera: Nach dem Feuer ist vor dem Feuer Fotos
Oliver Lück

Vor zwei Jahren zerstörte ein Brand weite Teile von El Guro, heute ist das Künstlerdorf auf La Gomera wieder aufgebaut. Es ist immer noch malerisch und verschlafen - aber schicker.

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Noch bläst der Wind aus Westen. Unten in der Bucht spielt er mit dem Wasser, das an mancher Stelle weiß schäumt.

Hier oben, zweieinhalb Kilometer entfernt, bewegen sich die Blätter der Palmen nur leicht. Doch jetzt wird der Wind stärker und beginnt zu pfeifen. Jedes Mal, wenn er von den Bergen herunter durch den Barranco heult und aus Nord-Osten kommt, von dort, wo er damals das Feuer brachte, werden die Bewohner von El Guro unruhig. Auch heute noch, zwei Jahre nach dem Unglück.

Eine Betroffene, die seit Jahren im Dorf wohnt und durch das Feuer ihr Haus verloren hat, hält den Atem an und lauscht. Sie sagt: "Seit dem Brand achte ich auf jeden Windhauch." Der Wind, das Feuer, der Qualm - nie werden sie in El Guro vergessen, wie es in den Tagen und Nächten im August 2012 hier gerochen hat.

Die kleine Wohnsiedlung hat 30, vielleicht 40 winzige Häuschen, zum Teil bunt und mit Mosaiken und Malereien verziert. Sie drängen sich dicht an dicht an den Hang. Straßen gibt es nicht, nur mit Kopfsteinpflaster gelegte Wege und enge Gassen. Wer hier lebt, geht zu Fuß. Wer hier lebt, hat wenig Privatsphäre. Mehr als 100 Menschen sollen es in der ältesten Siedlung des Valle Gran Rey noch sein, dem Tal des großen Königs, wo seit Jahrzehnten viele Deutsche ein neues Zuhause gefunden haben, wo die meisten Touristen, die nach La Gomera kommen, ihren Urlaub verbringen wollen.

Das Feuer, ein böser Geist

Manchmal sprechen die Menschen hier im Obertal von dem Feuer wie von einem bösen Geist, der sich mitten in der Nacht in ihre Dörfer geschlichen hat, sie in wenigen Augenblicken zerstörte und sogleich wieder verschwand.

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Oliver Lück

Die Frau aus El Guro sitzt vor ihrem Haus, das es vor zweieinhalb Jahren nicht mehr gab. Es war bis auf die Grundmauern abgebrannt. Das Dach war komplett eingestürzt. Risse zogen sich quer durch eine der Mauern. Hier führte eine Treppe ins Nichts. Dort dunkle, leere Fensterhöhlen und verkohlte Türstürze. Eine dicke Schicht aus Asche und Trümmern hatte sich über ihr Leben gelegt. Sie erzählt, wie sie und die anderen Bewohner bereits tags zuvor evakuiert und unten im Tal, am Strand, in Sicherheit gebracht wurden. "Von jetzt auf gleich hatte ich alles verloren. Alles hatte sich in Rauch und Schutt aufgelöst." Erst kam die Trauer, dann die Wut, dann der Trotz und schließlich irgendwann die Hoffnung zurück.

Es war der 4. August 2012, als im Zentrum La Gomeras an drei Stellen Feuer gelegt wurde. Monatelang hatte es nicht geregnet. Temperaturen von über 40 Grad, kaum Luftfeuchtigkeit und der Wind halfen den Flammen, sich schnell auszubreiten. Tagelang konnten die Brände nicht unter Kontrolle gebracht werden. Am 12. August, kurz vor Mitternacht, machte sich das Feuer auf den Weg ins Tal. Es übersprang die Hänge, der starke Nord-Ost-Wind blies die Funken voran. Der enge, abfallende Barranco des Valle Gran Rey wirkte wie ein Kamin. Nur zwölf Minuten dauerte es, bis alle Siedlungen im oberen Tal in Flammen standen. Durch die Masse an Schilfrohr entwickelten sich Temperaturen, dass sogar Porzellan und Türklinken schmolzen. Und erst unterhalb von El Guro endete das Inferno durch eine Explosionsschneise, die das Militär gezielt geschlagen hatte.

Einige Tage später gab es eine erste Bilanz: Niemand wurde verletzt. Doch viele Dörfer wie Igualero, Chipude, El Cercado, Las Hayas oder Lomo del Balo wurden schwer beschädigt. In El Guro waren 60 Prozent der Häuser abgebrannt. Und erst am 30. Oktober, fast drei Monate nach dem Ausbruch der Waldbrände, galt das Feuer offiziell als gelöscht. Mehr als 2800 Hektar, fast acht Prozent der Insel, sind damals verbrannt. Darunter 20 Prozent des Nationalparks Garajonay, dem Aushängeschild der Insel: ein mit Moosen und Flechten bewachsener, meist nebelverhangener Heidelorbeermischwald. Einen größeren zusammenhängenden Wald dieser Art gibt es nirgendwo auf der Welt.

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Oliver Lück

Wer heute über die Insel fährt, durchquert wechselweise Hänge mit schwarzen Baumgerippen und dichtem Grün. Bis heute weiß keiner so recht, was damals wirklich passiert ist. Drogendealer sollen die Feuer gelegt haben, um die Polizei abzulenken, sagen die einen. Andere erzählen von einem Bauern, der eines seiner Felder brandrodete und das Feuer nicht mehr zu kontrollieren wusste. Auch wird spekuliert, dass die Brände bewusst gelegt wurden, um an Hilfsgelder zu gelangen, mit denen Arbeitsplätze auf der von der Krise getroffenen Insel geschaffen werden sollten. Politiker, die Entscheidungen hätten treffen oder beschleunigen können, sollen - da brannte es längst - in den Urlaub gefahren sein. Und es wurden schlimme Fehler gemacht: Löschflugzeuge und Einsatzkräfte zog man wieder ab, da man glaubte, alles unter Kontrolle zu haben - trotz angekündigter, neuer Hitzewelle. Und dann drehte der Wind.

Einst galt El Guro als bunte Künstlersiedlung. Bildhauer und Malerinnen, esoterische Seminare und Massagen, Kunsthandwerker und Lebenskünstler. Heute ist davon immerhin ein wenig geblieben. Finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau bekamen die Wenigsten. Eine Feuerversicherung hatte kaum jemand. Viele, die es sich nicht leisten konnten, mussten gehen und ihre Ruinen und Grundstücke verkaufen. Dafür kamen andere und bauten die Häuser mit mehr Geld etwas schicker wieder auf. Es gibt Leute, die sagen, El Guro habe von seinem früheren Charme verloren. Es gibt Leute, die sagen, es sei alles gut so, wie es ist. Es gibt viele Wahrheiten in El Guro - vermutlich so viele, wie hier Menschen wohnen.

Heute ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen, dass es in El Guro einmal gebrannt hat. Viele Häuser stehen wieder. Ferienwohnungen werden wieder vermietet. Es wird gehämmert und gesägt. In einem Haus verkauft man frisch gebackene Pfannkuchen. In einem anderen bieten Einwohner Massagen, Malkurse und selbstgemachte Ketten und Ohrringe an. Eine Künstlerin baut Möbel aus Altpapier. Und auch die Natur erholt sich wieder. Aus den Kronen manch angesengter Palme sprießen längst wieder grüne Blätter. Oben im Nationalpark lassen die beständigen, feuchten Nebel die zahlreich über dem Waldboden verteilten Sporen auf dem Aschebett als zunächst grünen, dann gelben und im Sommer rotorangefarbenen Teppich leuchten.

Nur vier Monate, nachdem das Feuer endgültig gelöscht werden konnte, legten Unbekannte die nächsten Brände. Und auch heute sieht man immer wieder, wie Canarios auch bei anhaltender Dürre mit der Flex hantieren, ihre Gartenabfälle verbrennen, zu den örtlichen Fiestas mit Böllerschüssen begrüßen und ihre brennenden Zigaretten lässig aus dem Autofenster schnippen. Und die Frau aus El Guro, die vor ihrem wiedererbauten Haus sitzt, hat auch noch etwas gesagt: "Heute gibt es ein Leben vor dem Feuer und ein Leben danach - und das nächste Feuer kommt bestimmt."

Zum Autor
  • Oliver Lück
    Wer mit einem Hund im VW-Bus auf den Kanarischen Inseln ist, kann gute Geschichten finden. Oliver Lück ist Journalist zwischen den Meeren in Schleswig-Holstein.
    Für diese Serie haben Lück und Locke die sieben großen Inseln der Kanaren besucht.

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Bevölkerung: 46,440 Mio.

Fläche: 505.968 km²

Hauptstadt: Madrid

Staatsoberhaupt:
König Felipe VI.

Regierungschef: Mariano Rajoy

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