La Graciosa bei Lanzarote Eine Insel, drei Vulkane und ganz viel Sand

Die Insel La Graciosa ist der richtige Ort für alle, die runterkommen wollen. Und für einen Tagesausflug von der Nachbarinsel Lanzarote aus viel zu schade. Wer bleibt, wandert allein um die Vulkane und trinkt abends mit Einheimischen Limonade mit Rotwein.

Maggie Riepl

Morgens um zehn Uhr im Hafen von La Graciosa: Noch ist es friedlich auf der kleinsten der Kanarischen Inseln - ein Eiland, das kaum jemand kennt. Auf den Bänken vor dem Fährbüro sitzen ein paar alte Männer mit traditionellen Strohhüten und plaudern. Nebenan schiebt Imma ein Mountainbike nach dem anderen aus dem vollgestopften Laden, den die 41-Jährige mit ihrer Mutter und Schwester betreibt.

20 Minuten später legt die Fähre von Orzola auf Lanzarote an und an die hundert Touristen strömen von Bord. Die ersten peilen schnurstracks Immas Fahrradverleih an. Schnell bildet sich eine lange Schlange. Eine gute halbe Stunde später ist alles so ruhig wie zuvor. Die Touristen sind Richtung Strand geradelt oder nehmen einen Cortado (Milchkaffee) in einem der kleinen Cafés an der Hafenpromenade, wo ein paar Hippies gerade ihre Schmuck- und Klamottenstände aufbauen.

Die meisten Besucher sind Tagesgäste und schaukeln abends über die Meerenge mit dem kleinen Schiff zurück auf die berühmtere Nachbarinsel Lanzarote. Wer bleibt, bezieht eines der wenigen Apartments des Mini-Eilands: wie das El Marinero, mit Riesenterrasse und Blick auf den kleinen Segelhafen.

La Graciosa, "die Anmutige", so taufte im 15. Jahrhundert der normannische Seefahrer Jean de Béthencourt die Insel. Auf den ersten Blick gibt es hier nicht viel - außer Sand, drei Vulkanbergen, und hier und da ein paar Palmen. Aber die Strände sind traumhaft. Und wo sonst auf den trubeligen Kanaren findet man solch eine Ruhe?

Kein Motorengeräusch, nur das Rauschen des Meeres

Caleta de Sebo ist der einzige bewohnte Ort auf dem 27 Quadratkilometer großen Inselchen. Sonst gibt es nur noch das einstige Fischerdorf Pedro Barba. Das ist heute eine Ansammlung hübscher Ferienhäuser, die aber nur in den Ferien von den spanischen Besitzern bewohnt werden. In der "Hauptstadt" leben 600 Menschen in würfelförmigen weißen Häusern. Man kann überall barfuß laufen, denn es gibt keine asphaltierten Straßen, nur Sandpisten. Eine Grundschule, ein Mini-Supermarkt, ein kleiner Bäckerladen, ein Gemeindezentrum und eine Handvoll Lokale - das ist alles.

Langeweile kommt nicht auf. Die 39-jährige Imma hat mit Anfang 20 in der Hafenstadt Almería in Andalusien gelebt. Aber dort war es ihr zu laut, zu turbulent. Also kam sie zurück: "Hier kennt jeder jeden, man grüßt sich. Es gibt keine Autos, nur Natur", sagt sie. Autos gibt es schon: Taxi-Jeeps, mit denen man sich für ein paar Euro zu den Stränden fahren lassen kann. Aber viel schöner ist es zu Fuß. Dann hört man kein Motorengeräusch, nur das Rauschen des Meeres. Und das ist der wahre Sound von Graciosa.

Am El-Salado-Strand darf man zelten, ein paar bunte Iglus gucken hinter den Büschen hervor. Zwei Kilometer entfernt erreicht man eine Landzunge, die eine flache, leuchtend blaue Lagune vom Meer trennt. Perfekt zum Baden für Kinder. Noch ein Stück weiter am Fuß der Montana Amarilla, des gelben Vulkanbergs, liegt die Playa La Francesa, in deren langgezogener Bucht eine Handvoll Segelboote ankern.

Angeblich soll hier irgendwo noch ein Piratenschatz liegen, den englische Freibeuter vor Jahrhunderten zwischen Dünen und Vulkan vergraben haben und der Vorlage für den berühmten Roman "Die Schatzinsel" war. Gefunden wurde er nie. Macht nichts, der goldgelbe Sand und die vielen bunten Fische, die sich hier im Meeresschutzgebiet tummeln, sind im Urlaub wertvoll genug.

Puderzuckersand und türkisblaues Meer

Am Abend ist Ebbe. Dann spaziert man über die goldgelbe Avenida Virgen del Mar am Meer entlang in den Ort. Bei Flut steht die Straße unter Wasser. Die Hafenpromenade ist der Catwalk von Caleta: Ein junges Pärchen umarmt sich hingebungsvoll, die Einheimischen sitzen auf dem Mäuerchen zum täglichen Tratsch, ein Aussteiger mit Rainer-Langhans-Locken raucht im Café eine Pfeife, struppige Hunde liegen unter dem großen Baum an der kleinen Plaza, und die Dorfkinder spielen Fangen. Im Restaurant La Enriqueta gibt es gebratenen Ziegenkäse und frischen Thunfisch mit Kartoffeln und Mojo, der typisch scharfen Soße der Kanaren.

Am nächsten Tag ist es Zeit für den schönsten Strand der Insel. So hat ihn jedenfalls Tana aus dem Hafenbüro angepriesen. Auch er ist nach ein paar Jahren auf Gran Canaria zurückgekehrt nach La Graciosa, weil er die Natur liebt und das Fischen, und es einfach eine "isla bonita" ist.

Der anstrengende Weg bergauf lohnt sich: Unterhalb des 157 Meter hohen Vulkanbergs Bermeja liegt die lange Playa de las Conchas. 600 Meter Puderzuckersand, türkisblaues Meer, das mit weißen Schaumkronen auf den Wellen an den Strand schwappt - und gerade mal eine Handvoll Badelustiger. Dazu ein toller Blick auf die unbewohnte Vulkaninsel Montana Clara, die sich steil aus dem Meer erhebt.

Wer sich am Abend bei einem eisgekühlten Tinto de Verano (Rotwein mit Zitronenlimonade) ins Dorf setzt, fühlt sich bereits wie die Insulaner, für die Eile und Stress Fremdwörter sind. Nach nur 24 Stunden hat man bereits einen Gang runtergeschaltet, ein anderes Zeitgefühl entwickelt. Tana und Imma haben recht: Was braucht man eigentlich mehr als diese schöne Insel im Atlantik?

Weitere Informationen
Allgemein
La Graciosa gehört mit vier unbewohnten Inseln zum Naturpark des Chinijo Archipels der Kanarischen Inseln. Weitere Informationen unter turismolanzarote.com.
Anreise
Mit dem Flugzeug nach Lanzarote zum Beispiel mit Airberlin, Tuifly, Condor. Dann von Orzola mit der Fähre (20 Minuten Fahrzeit, alle halbe Stunde nach Caleta de Sebo) nach Graciosa: ca. 20 Euro hin und zurück.
Unterkunft
Apartments zum Beispiel über V-Tours oder Booking.com.
Mountainbike
Mountainbikes können für acht Euro am Tag gemietet werden.

Maggie Riepl/srt/jkö

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
flug430 16.08.2014
1. La Graciosa die himmliche Ruhe!
Nach diesem Artikel, ist es mit der Ruhe wohl vorbei. Von Lanzarote sollen in Zukunft täglich mindestens 4 Schiffsverbindungen geplant werden! Schade!
schüttelkugel 16.08.2014
2. So, so, ...
... gilt La Graciosa jetzt also schon als "eigene" Kanarische Insel, die "kleinste", wie es in dem Artikel heißt. Bald wird es dann Lobos sein, das an Fuerteventura klebt. Wenn ich sehe, was aus dem kleinen Anhängsel La Graciosa geworden ist, könnte ich gerade wieder so viel kotzen wie damals, als ich 1989 mit dem schaukeligen Fährschiffchen von Orzola auf Lanzarote rübergetuckert bin. Mit gerade einmal einer Handvoll Leuten, von denen alle (!) in der Häuseransammlung des Zielhafens hängengeblieben sind, den man kaum als Ort bezeichnen konnte. Dann habe ich mich sogleich auf den Weg zur Inselumrundung gemacht und konnte mir mit Zwischenaufenthalten bis 16 Uhr Zeit lassen. Dass ich unterwegs jemanden hätte treffen können - unwahrscheinlich, denn die Fähre brachte nur 1 x am Tag Leute rüber. Ein herrlicher Tag und ein herrliches Stück Erde nur für mich allein. Wenn ich sehe, dass das Inselchen heute kurz vor dem Ausverkauf steht, ist das traurig, denn gegenüber damals hat sich der Besucherstrom mehr als verzehnfacht.
pistacho 16.08.2014
3.
*tinto de verano mit nur einem "r" ist Rotwein mit Zitronenfanta oder Seven Up oder Sprite *Montaña Clara mit "ñ" *die Kanarischen Inseln sind nur 7, ohne La Graciosa, welche eher zu den "islotes" zählt, zusammen mit der isla de Lobos, Montaña Clara, roque del oeste, roque del este, etc *La Graciosa immer mit "La" zitieren, genauso wie La Gomera, La Palma und El Hierro. *im Spanischen schreibt man die Substantive klein, dh "tinto de verano", "el cortado". Übrigens ist ein cortado nicht nur Milchkaffe, sondern eben einen kleinen (cortado heißt ja gekürzt)
Villa_vermieter 16.08.2014
4. nicht so kritisch
Ich sehe das mit den Touries nicht so kritisch wie die beiden anderen. Ich vermiete seit 5 Jahren ein Ferienhaus in Pedro Barba und habe die Erfahrung gemacht, dass nur echte Inselliebhaber kommen. Abgesehen von den Tagestouristen, die meistens nur ein paar Stunden bleiben, weil ja "nichts los ist"
titeroy 16.08.2014
5.
Zitat von flug430Nach diesem Artikel, ist es mit der Ruhe wohl vorbei. Von Lanzarote sollen in Zukunft täglich mindestens 4 Schiffsverbindungen geplant werden! Schade!
Es gibt schon seit Jahren stuendlichen Pendelverkehr der Faehren. Also eher acht und nicht nur vier Verbindungen.
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