Wandern auf dem Lechweg: Besuch bei der Geierwally

125 Kilometer führt der Fernwanderweg von der Quelle in Vorarlberg bis zum Lechfall in Füssen. Unterwegs warten nicht nur schmucke Dörfer und schöne Aussichten, sondern auch die längste Hängebrücke Österreichs.

Wandern: Unterwegs auf dem Lechweg Fotos
TMN

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Muss das sein? Nach acht Stunden Wandern jetzt auch noch die steilen Treppen auf den Kalvarienberg? Aber gut, es ist der letzte Anstieg der Woche auf dem Lechweg. Also hinauf. Der Kraftakt lohnt sich: Nach Norden fliegt der Blick über die roten Ziegeldächer Füssens weit hinaus ins Alpenvorland, nach Osten öffnet sich das grandiose Panorama des Schwanensees mit den Königsschlössern dahinter, und nach Westen schaut man zurück ins Lechtal. Es ist eine Premiumaussicht, das würdige Finale des ersten europäischen Qualitätswanderwegs.

Als Leading Quality Trail hat die Europäische Wandervereinigung den Lechweg, der Mitte Juni eröffnet wurde, ausgezeichnet. Er ist ein Pilotprojekt, entworfen von den Tourismusverbänden entlang des Lechs zusammen mit dem Deutschen Wanderverband. Über 125 Kilometer führt der Fernwanderweg von der Quelle in Vorarlberg bis zum Lechfall in Füssen, er windet sich durch Almwiesen mit Tausenden Alpenblumen, durchschneidet Bergwälder, überquert Hängebrücken und passiert Dörfer mit Lüftlmalerei an den Häuserwänden.

Die Reise beginnt am Formarinsee in knapp 1800 Metern Höhe. Wie ein Smaragd funkelt der Bergsee, eingefasst von Felswänden und Blumenhängen, über die Wildbäche herabstürzen. Hier entspringt der Lech. Kaltes, klares Wasser sprudelt unterhalb des Sees zwischen den Gräsern hervor. Niemand käme hier auf die Idee, dass dieses Bächlein zu einem machtvollen Strom anschwellen wird. Lik nannten die Kelten ihn, der schnell Fließende, der Steinreiche.

Königsfamilien auf den Pisten

Durch Latschenkiefern, Enzian und Alpenrosen geht es sanft bergab. Lech am Arlberg ist der Endpunkt der ersten Etappe. Schindelverkleidete Hotelpaläste, fünfstöckige Trutzburgen. "In Lech gibt es vielleicht noch zehn alte Häuser, sonst ist alles neu", sagt Herbert Sauerwein. Der 89-Jährige erinnert in seinem Heimatmuseum an die ärmliche Vergangenheit des Nobelskiorts. "Die Walser haben sich vor 700 Jahren hier angesiedelt", erklärt Sauerwein. "Es waren arme Leute, heute sind sie die reichsten."

Im Winter wedeln in Lech Prominente und Königsfamilien über die Pisten, im Sommer aber schließt ein Drittel der rund 320 Hotels. Die Touristiker hoffen nun, dass der neue Lechweg mehr Wanderer anlockt. Es gibt einen Lechweg-Song, eine professionelle Homepage, Broschüren, Pauschalangebote. Entlang des Wegs wurden 60 Designerbänke aus hellem Holz aufgestellt, in die das Logo gefräst ist, das geschwungene L.

Diesem L, weiß auf Steine und Baumstämme gepinselt, folgen die Wanderer oberhalb der Schlucht, in der der Lech nun schon als kräftiger Gebirgsfluss rauscht. Über alte Jägersteige, Forstwege und geteerte Fahrradwege geht es weiter, zur Linken ragen die Gipfel der Allgäuer Alpen auf, zur Rechten die Lechtaler Alpen. Schmucke Dörfer liegen am Weg: Warth, Lechleiten, Steeg. Das hübscheste aber ist Holzgau.

Die längste Hängebrücke Österreichs

Elmar Blaas, der Tourismusobmann des Dorfs, erzählt von der Blütezeit des Dorfs. Vor rund 200 Jahren bauten die Holfgauer Flachs an, spannen daraus Garne und Seile, später handelten sie mit edlen Stoffen. Blaas führt zu einem der prächtigen Häuser. Die Marmorsäulen, die Pilaster, alles auf den Putz gepinselte Trugbilder. Dazu jede Menge Heilige. Kunst? Kitsch? Jedenfalls zutiefst lechtalerisch.

Über Holzgau gabelt sich der Weg in zwei Varianten. So wollten seine Planer jenen Wanderern eine Alternative bieten, die sich vor der längsten Hängebrücke Österreichs gruseln. Gut 200 Meter weit spannt sie sich über das Höhenbachtal. "Es schaukelt scho' recht", sagt eine Frau, die sich mit verkrampfter Haltung hinübertastet, den Blick starr nach vorn gerichtet, die Hände am Geländer. Sie schaut besser nicht durch den Gitterboden nach unten, wo in 110 Metern Tiefe der Bach gurgelt. Dort unten führt die andere Route durch die Schlucht zum Simms-Wasserfall und trifft auf der anderen Seite auf die Hängebrücke.

Über die Hänge der Schigge, überzogen von goldenen Gräsern und unzähligen Blumen, und entlang des Flussufers geht die Wanderung weiter nach Elbigenalp, ins Dorf der Geierwally, einer Figur aus dem gleichnamigen Tiroler Heimatroman. Das Vorbild der Filmfigur, Anna Stainer-Knittel, seilte sich als 17-Jährige in der nahen Saxenwand ab und räumte einen Adlerhorst aus. Später wurde sie Malerin und heiratete gegen den Willen des Vaters. "Die erste emanzipierte Frau Tirols", sagt Guido Degasperi, der Wirt des Restaurants "Zur Geierwally".

Der Lech breitet sich nun immer mehr aus. Das milchig türkise Wasser strömt in verschlungenen Rinnen zwischen den Kiesbänken hindurch. Einst habe das Bett des Lechs den ganzen Talboden eingenommen, erklärt Anette Kestler, die Leiterin des Naturparks Tiroler Lech. Dann begannen die Bauern um 1850, ihn mit Pflöcken, Baumstämmen und Felsbrocken in eine engere, gerade Bahn zu zwingen. Nach einem von mehreren verheerenden Hochwassern im Jahr 1999 sahen die Lechtaler ein, dass der Wildfluss Platz braucht, um sich auszutoben. Sie bauten einen Teil der Dämme ab. "Er darf und soll nun wieder am Ufer nagen", sagt Kestler. "Das einzig Beständige am Lech ist der Wandel."

Florian Sanktjohanser/dpa/dkr

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Wanderurlaub
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren

Testen Sie Ihr Wissen!