Alpenwanderung mit Kindern: Spaßbremsen im Schleichgang

Von Kerstin Walker

"Wie weit ist es noch?" Mit zwei Kindern können 700 Höhenmeter in den Lechtaler Alpen zur echten Nervenprobe werden. Wer es trotzdem bis nach oben schaffen will, muss tief in die Trickkiste greifen.

Wanderung in den Lechtaler Alpen: Eigentlich Kinderkram. Oder? Fotos
Kerstin Walker

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Unser erstes emotionales Tief naht fünf Minuten nachdem meine Mitläufer und ich unser Hotel in Lermoos verlassen haben. Die Talstation der Grubigbahn ist noch in Sichtweite, da geht das Gemecker los: "Warum muss ich überhaupt wandern?", fragt Lynn, fünf Jahre alt, die schon am Vorabend bockte, weil eine Tour zu einer einsamen Hütte nicht vergleichbar sei mit dem Kinderprogramm der noblen Tiroler Unterkunft. Ich denke still, dass es ja kein Wunder ist, dass man die Kurzen hier nicht in die Natur kriegt, wenn am Pool das Konkurrenzangebot lockt.

Die Sonne glüht, zwei Schuhpaare schlurfen, und in meinem Kopf rattert es. Eine Meuterei bahnt sich an: "Wie weit ist es denn noch?", stellt die Größere der beiden Töchter die tödlichste aller Fragen. Mein hilfesuchender Blick fällt auf Marco Seitner, Ende 20 und heute als unser Wanderführer gebucht. Ein Hotzenplotz mit Sport-Cap und Stiefeln, der uns auf den Grubigstein bringen soll. Marco rechnet: "700 Höhenmeter sind's bis oben. So wie ihr ausschaut, schafft ihr ein Dreihunderter-Tempo in der Stunde. Da können wir in zweieinhalb Stunden beim Werner und der Betti auf der Wolfratshauser Hütte in der Sonne sitzen."

Hast du ne Ahnung, denke ich und überlege, wie ich die Kinder in die Gänge bekomme. Lynn scannt die Gondelbahn, die etwas oberhalb von Lermoos liegt: "Zehn Minuten, dann wären wir damit immerhin schon mal auf der Hälfte." Am Ende des Tals hüllt sich die Zugspitze trotz Sonnenscheins in einen dichten Wolkenschal. Die Wolfratshauser Hütte liegt exakt 1723 Meter über dem Meeresspiegel. Die große Schwester Skye rettet die Lage: "Weichei, wenigstens bis zur Hälfte schaffen wir's auch so!"

Entschieden mehr Lust auf Action

Der Pfad windet sich die ersten Kilometer durch kunterbunte Blumenwiesen und später am Waldrand entlang. Marco zeigt Pyramiden-Günsel, Schafgarbe, Alpenrosen und Hahnenfuß. Winzige Walderdbeeren wirken vorübergehend als Stimmungsaufheller. Ein Eichhörnchen - "die gibt's doch auch in Hamburg auf unserem Balkon" - und zwei Rehe, die im Gebüsch verschwinden, ermöglichen ein paar zusätzliche Höhenmeter ohne Nörgelei.

Marco, der als Chef der Alpinschule Lermoos Wanderungen für Groß und Klein anbietet, erzählt unterdessen munter von seiner letzten Tour. Sie führte ihn vor ein paar Tagen von Oberstdorf bis nach Meran. Fünf Tage am Stück über die Alpen laufen! Meine Kinder vergessen vor lauter Staunen die üblichen Kommentare.

Wenig später, wir sind mittlerweile ganz in den schattigen Wald eingetaucht, heizen drei schlammverspritzte Außerirdische in Neonkluft auf uns zu. Mountainbiker, die es zur Erheiterung der Kinder bei jeder Wurzel schlagartig aus den Pedalen hebt. "Das schockt", behauptet die Große mit Kennerblick, und die Kleine nickt. Marco grinst und erzählt beim Weiterwandern Anekdoten von anderen Nervenkitzel versprechenden Attraktionen in der Gegend.

Vom Klettersteig am Häselgehr-Wasserfall ist da die Rede und einer anschließenden Schussfahrt am Drahtseil über die kleine Schlucht. Laut Marco ist der Sturzbach übrigens ein Naturphänomen, weil er angeblich immer ziemlich genau am 24. April aus dem Berg rauscht, um dann den Winter über wieder zu versiegen. Auch von der Sommerrodelbahn im Nachbarort Biberwier erzählt der Einheimische, "wenn's ihr so a groaße Lust auf Action habt".

Pädagogische Lockmittel

Marco liefert das Stichwort für einen letzten Griff in die Trickkiste: Belohnung beflügelt eben besser als leere Drohungen, ist pädagogisch okay und meine letzte Chance, das Lauftempo anzukurbeln. "Wenn ihr mitzieht, probieren wir eins von beidem in den nächsten Tagen aus", säusle ich. Ein Volltreffer, wie die nächste halbe Stunde zeigt. Die Kurzen wandern wie gestiefelte Kater und malen sich nebenbei aus, wie aufregend ihr erstes Klettererlebnis wird.

Tempo. Geschwindigkeit. Zeit. In den Bergen merkt man, wie unterschiedlich Kinder und Eltern ticken, wollen sie gemeinsam etwas unternehmen. Meine mögen alles, was prickelt, schnell und vor allem aufregend ist. Mir ist nach Muße, Weite und Bergidylle. Nach einer Pause von der Hektik, die uns zu Hause auf Trab hält.

"Von hier ist's bloß noch ein halbes Stündchen", verspricht Marco. Er lässt die Kleine ein Stück auf seinen breiten Schultern reiten. "So geht's gut", tönt es zufrieden von oben. Ich wundere mich, wo er die Puste hernimmt, um uns nebenbei das Pfeifen auf einem Grashalm beizubringen.

Da, endlich, wie eine Fata Morgana zeigt sich eine Seilbahnstütze zwischen ein paar Fichten. Dahinter schimmern rot die Hausdächer von Ehrwald zwischen dichtem Grün. Dankbar lenke ich ein und stimme zu, die zweite Hälfte des Weges mit dem Sessellift anzugehen. Beide Gören feixen, und dank der paar Minuten, in denen wir zum Gipfel schweben, halten wir am Ende sogar unseren sportlichen Dreihunderter-Schnitt.

Topfenstrudel auf der Höhe

"Leben hier Cowboys?", fragt Lynn, als wir uns endlich der Wolfratshauser Hütte nähern. Davor steht Werner Blaßl, breites Haudegenlachen, derbe Boots und Westernhut, der nach uns angemeldeten Gästen schon Ausschau hält. 25 Jahre ist es her, dass es den Österreicher auf die Alpenvereinshütte aus Granit und hellem Lerchenholz verschlug. Davor hatte er als Koch in einem großen Hotel im Nachbartal gearbeitet.

"Irgendwann war Schluss", sinniert Werner wenig später, als er mir beim Palatschinken und einem roten Zirbenschnaps am Holztisch Gesellschaft leistet. "I mag's ruhig", raunzt er - da ist die Wolfratshauser Hütte genau die richtige, denn im Umkreis von Kilometern ist kein anderes Gebäude zu sehen. Wolfgang zog samt Frau, zwei Haflingern und zwölf Siberian Huskys herauf auf die Hütt'n. Bis vor ein paar Jahren konnte man ihn noch in jedem Winter mit seinen Schlittenhunden den Grubigstein hinauf- und hinabrasen sehen. Von dem Hundegespann ist aber nur ein alter, weißer Rüde übrig geblieben.

"Mögt's ihr noch etwas", fragt Betti, schwarze Zöpfe, karierte Dirndlbluse, Werners Herzblatt. Mittags und abends, sommers wie winters bereitet sie Spinatnocken, Topfenstrudel, Brotzeiten oder Palatschinken für ihre Gäste. Hüttenfans bleiben über Nacht und bekommen am nächsten Morgen ein zünftiges Frühstück, nur Brötchen gibt es zum Erstaunen von Skye und Lynn nicht.

Die beiden sind zwar froh, ihr Ziel erreicht zu haben, wissen aber immer noch nicht so genau, warum sie sich von der Action am Hotelpool entfernen mussten. Ihr Frühstücksbrötchen in den kommenden Tagen werden sie aber umso mehr zu schätzen wissen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Meine Erfahrung mit Kindern...
les2005 14.09.2012
...besagt, daß es vor allem abenteuerlich sein muß. Wenn man meint, möglichst leichte Wege würden Kindern gefallen, liegt man genau falsch. Am liebsten kraxeln über Stock und Stein - dann darfs auch gerne steil sein, und von Müdigkeit keine Spur
2. die Arme...
Colinette 14.09.2012
... die ältere Tochter heißt "Skye Walker"... ob das Absicht war??
3. Ruhe und Müßiggang...
MartinB. 14.09.2012
...mag dem Erwachsenen schmecken, der sich vom Joballtag erholen will. Aber ein Kind ist da nunmal anders. Das zu begreifen, sollte es nicht erst eine Bergtour brauchen. Mit einer Fünfjährigen zweieinhalb Stunden den Berg rauf? Ich kann mich an vergleichbare "Ausflüge" mit meinen Eltern erinnern, und werde meinen Kids sowas sicherlich nicht antun. Letztes Jahr waren wir Wattwandern. Bis ans Ende der Buhne, Krebse und Quallen gucken, das auflaufende Wasser bewundern, und wieder zurück an den Spielstrand. Der Rest ist unüberlegtes wie-torpediere-ich-mir-den-Urlaubstag.
4. Erklären Sie den Unterschied!
henryb_de 14.09.2012
Zitat von MartinB....mag dem Erwachsenen schmecken, der sich vom Joballtag erholen will. Aber ein Kind ist da nunmal anders. Das zu begreifen, sollte es nicht erst eine Bergtour brauchen. Mit einer Fünfjährigen zweieinhalb Stunden den Berg rauf? Ich kann mich an vergleichbare "Ausflüge" mit meinen Eltern erinnern, und werde meinen Kids sowas sicherlich nicht antun. Letztes Jahr waren wir Wattwandern. Bis ans Ende der Buhne, Krebse und Quallen gucken, das auflaufende Wasser bewundern, und wieder zurück an den Spielstrand. Der Rest ist unüberlegtes wie-torpediere-ich-mir-den-Urlaubstag.
Wo soll der Unterschied sein? Eine Bergtour oder eine gleichlange Wattwanderung? Die Bergtour ist sicher anstrengender aber dafür auch abwechslungsreicher und spannender als eine Wattwanderung. Es kommt meiner Meinung (und Erfahrung) nach darauf an ob Wandern etwas "Normales" im Urlaub für die Kinder ist, z.B. genau wie am Strand baden und buddeln. Oder ob wir glauben, den Kindern "die eine große Bergtour im Jahr" mit allerlei meist übertriebenen Versprechungen schmackhaft machen zu müssen, aus Angst sie würden sonst verweigern oder sabotieren. Diese Versprechungen können nie gehalten werden und die Kinder merken die Lügen schnell und werden umso "widerwilliger". Mittelschwere und schwere Bergwanderungen mit 3-4h Gehzeit sind mit Kindern (meine sind 5 und 7, angefangen haben wir mit 3 und 5 wobei die Kleine immer mal getragen wurde) in 6h mit ausreichend Pausen ein herrliches Erlebnis ... für alle, Eltern und Kinder. Und erschöpft sind am Ende die Eltern mehr als die Kinder, denn sobald die Wanderung zu Ende sind die Kurzen wieder voller Tatendran. Und ja, es gibt auch Tiefs und auch selten mal ein paar Tränen. Strandwandern im Herbst finden wir aber alle auch sehr schön.
5. Auch unsere Erfahrung ...
henryb_de 14.09.2012
Zitat von les2005...besagt, daß es vor allem abenteuerlich sein muß. Wenn man meint, möglichst leichte Wege würden Kindern gefallen, liegt man genau falsch. Am liebsten kraxeln über Stock und Stein - dann darfs auch gerne steil sein, und von Müdigkeit keine Spur
Almidyll und sanfte Wege sind nett aber sehr laaang(weilig). Kraxelt man steil bergauf oder -ab oder über Fels oder Geröllfelder oder alles gleichzeitig, sellt keiner die Frage: "Wie weit oder wie lange noch?"
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Familienreisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 12 Kommentare
Fotostrecke
Abenteuer unter Segeln: Familienglück auf dem Ozean

Fotostrecke
"Siljas Reisen": Marsch mit Muli