Lesereise durch Norwegen Ich packe in meinen Koffer....

Urlaub kann Abenteuer heißen, aber auch Entspannung, eine Reise in neu zu entdeckende, aber vielleicht auch in längst vertraute Regionen der Welt. Urlaub heißt auch Zeit haben zum Lesen, am liebsten von Büchern, die spannend sind und mit denen man das Reiseland kennen lernen kann. Buchtipps für Norwegen.


Frank Schätzing "Der Schwarm"

Frank Schätzing "Der Schwarm"

Frank Schätzing: "Der Schwarm"

"Sah niemand, was vor sich ging? Sie erlebten die Symptome einer Krankheit, deren Erreger in allem steckte und in nichts offenkundig wurde, eine meisterliche Camouflage. Der Mensch hatte das Meer bis auf ein paar kümmerliche Reste leer gefischt, und jetzt hatten die verbliebenen Schwärme gelernt, den Todesfallen aus dem Weg zu gehen, während an ihrer statt Armeen giftbewehrter Soldaten dem maroden Fischereigewerbe den Rest gaben."

Vor Peru verschwindet ein Fischer, vor Kanadas Küste bleiben die Buckelwale aus, und an Norwegens Nordseeküste knabbern eklige rosa Würmer. Alles beginnt so harmlos. Doch schnell lässt Frank Schätzing die Handlung seines Ökothrillers eskalieren, der Norweger Sigur Johanson kämpft da neben dem kanadischen Walforscher Leon Anawak gleich um das Überleben der gesamten Menschheit. Bedroht wird sie nicht durch Aliens, sondern durch ein riesiges, intelligentes Gebilde aus Einzellern in den Tiefen des Meeres, das sich gegen die Verseuchung seines Lebensraums wehrt.

"Der Schwarm" ist der ideale Begleiter für einen Norwegen-Urlaub, wenn man nicht gerade einen Rucksack-Trip plant und mit jedem Gramm hadert (der Wälzer wiegt bestimmt ein Kilogramm!). Das Problem bei diesem Buch ist nämlich, dass kaum jemand, einmal angefangen, es wieder aus der Hand legen kann, und welches Reiseziel wäre da günstiger als der Norden mit seinen hellen Sommernächten. Außerdem ist Norwegen einer der Hauptschauplätze der fesselnden Handlung, und Schätzing hat unter anderem viel Interessantes über Norwegens Quelle des Wohlstands - das Öl in der Nordsee -, seine Förderung und die Auswirkung auf die Umwelt zusammengetragen. Für Norwegen-Fans bitter: Der Südwesten überlebt noch nicht mal die Hälfte der fast 1000 Seiten.

Frank Schätzing, 1957 geboren, ist nicht nur Schriftsteller seit Mitte der Neunziger, gleichzeitig arbeitet er als Kreativchef einer Werbeagentur, Musiker und Musikproduzent.

Antje Blinda


Frank Schätzing: "Der Schwarm", Kiepenheuer & Witsch, 24,90 Euro.

Ingvar Ambjörnsen: "Blutsbrüder"

Ingvar Ambjörnsen: "Blutsbrüder"

Ingvar Ambjörnsen: "Blutsbrüder"

"Ich meine, Männer sind nun mal Männer. Wir werden mit einem verkrüppelten Gefühlsleben geboren, wir mühen uns ab mit dem Versuch, uns verständlich zu machen. Wenn Männer trinken und Amok laufen, dann in der Regel aus purer Verzweiflung darüber, dass es so entsetzlich lange dauert, bis sie die richtigen Worte gefunden haben."

Frisch aus der Psychiatrie entlassen, zieht Elling in seine erste eigene Wohnung in Oslo ein und muss sich Schritt für Schritt in einer für ihn fremden Welt zurechtfinden. Das erste Telefongespräch, der erste Restaurantbesuch, der erste "normale" Freund sind Meilensteine im Kampf gegen seine Ängste und auf dem Weg in die Selbständigkeit. Begleitet wird er von seinem hünenhaften Kumpel aus der Psychiatrie, Kjell Bjarne, dessen Gedanken einzig um Essen und Frauen kreisen und der damit Elling aus seinen ewigen Grübeleien über das Leben, die Liebe und die Poesie reißen kann. So zum Beispiel wenn die beiden eine nächtliche Expedition zu den "nackten Damen" von Gustav Vigeland im Osloer Frognerpark wagen.

"Blutsbrüder" ist der dritte und optimistischste Band einer Tetralogie, und Elling, der lakonische Ich-Erzähler, ist ein liebenswerter, tragischer und skurriler Romanheld, der seinen Erschaffer Ingvar Ambjörnsen zu Norwegens Nationalhelden gemacht hat. Wer von den lesebegeisterten Norwegern Elling nicht durch die Bücher kennt, kennt ihn durch den "Film "Elling" von Regisseur Peter Naess. "Blutsbrüder" ist ein Buch zum Schmunzeln und am Ende wird man feststellen - sind wir nicht alle ein bisschen Elling?

Ingvar Ambjörnsen, 1956 in Südnorwegen geboren, lernte das Leben als Schriftsetzer, Gärtner und Pfleger in der Psychiatrie, bevor er seine Erlebnisse 1981 in Büchern umsetzte. Seit 1985 wohnt er in Hamburg. Seit "Elling" gilt er als Volksheld in Norwegen.

Antje Blinda


Ingvar Ambjörnsen: "Blutsbrüder", Piper, 8,90 Euro.

Nina Freydag: "Elche, Fjorde, Königskinder"

Nina Freydag: "Elche, Fjorde, Königskinder"

Nina Freydag: "Elche, Fjorde, Königskinder, Norwegische Glücksmomente"

"Lieber erzählen sie, wie die irren Nachbarn einen ganzen Bach als Kühlwasser durch ihr Haus geleitet haben, wodurch ihre Schnapsfabrik aufflog. Wie Vati mit Filmriss auf einem Acker aufwachte und Mutti nackt um die Verkehrsinsel lief. Kavalierdelikte allesamt, Heldentaten im Weingeist der Tradition."

Nicht nur über die Begeisterung der Norweger an der illegalen Schnapsbrennerei und ihre Folgen, über die Tradition der Elchjagd und der wilden Abiturfeiern berichtet Nina Freydag in ihrer Sammlung aus 13 Reportagen. In dem Kapitel "Deutschenkind" nimmt sie sich auch der hässlichen Seiten der norwegischen Vergangenheit an: Kiki, geboren 1945, uneheliche Tochter einer Norwegerin und eines deutschen Soldaten, wurde in ihrer Jugend als Kind einer "Deutschenhure" gequält, vergewaltigt und diskriminiert wie viele der so genannten Deutschenkinder. Liebevoll erzählt Freydag von den Helden der Finnmark, am Rande des Polarmeers, wie dem 89-jährigen Reidar Strand, Sänger in einem international erfolgreichen Fischerchor.

Nina Freydag, geboren 1970 in Kiel, ging mit 17 Jahren auf ein norwegisches Gymnasium, nachdem sie als Kind das Land mit ihren Eltern bereist hatte. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft in Oslo wurde sie Journalistin und Redakteurin und ist unter anderem für "Geo Spezial", "Brigitte" und "Die Zeit" unterwegs, wo auch einige der in "Elche, Fjorde, Königskinder" zusammengefassten Reportagen erschienen sind.

Antje Blinda


Nina Freydag: "Elche, Fjorde, Königskinder, Norwegische Glücksmomente", Picus Verlag, 13,90 Euro.

Anne Holt: "Die blinde Göttin"

Anne Holt: "Die blinde Göttin"

Anne Holt: "Blinde Göttin"

"Er war tot. Einwandfrei und über jeden Zweifel erhaben. Sie sah das sofort. Später konnte sie sich nicht recht erklären, weshalb sie so sicher gewesen war. Vielleicht kam es daher, wie er gelegen hatte, das Gesicht tief in halbverfaultem Heu vergraben, Hundekot gleich neben dem Ohr. Kein Säufer mit Selbstachtung legt sich neben einen Hundehaufen."

Der Tote, den Anwältin Karen Borg auf ihrem Sonntagsspaziergang entdeckt, ist übel zugerichtet. Hakon Sand, Jurist im Polizeidienst, lauscht wehmütig ihrer Zeugenaussage, ist sie doch seit der gemeinsamen Studienzeit seine einzige und unerreichbare Liebe. Und Hanne Wilhelmsen, allseits geschätzte, resolute und zur Freude ihrer Kollegen bildhübsche Kommissarin steht vor einem neuen Fall, in dem es um Drogenhandel und mafiose Strukturen geht, deren wahre Dimensionen sie nicht ahnen kann. Ihr einziger Anhaltspunkt ist ein junger Mann, der von der Streife aufgegriffen wird, weil er mitten auf einer der belebtesten Straßen Oslos in blutverschmierten Kleidern sitzt - freundlich lächelnd, aber wortlos ...

Ein unterhaltsamer und spannender Kriminalroman, der außerdem Einblicke in die norwegische Realität gibt, vor allem Insiderwissen über die norwegische Justiz vermittelt.

Die Autorin Anne Holt, geboren 1958, war Polizistin, später Rechtsanwältin und wurde 1996 zur norwegischen Justizministerin ernannt.

(Merian)


Anne Holt: "Blinde Göttin", Piper, 8,90 Euro.

 Herbjørg Wassmo: "Dinas Vermächtnis"

Herbjørg Wassmo: "Dinas Vermächtnis"

Herbjørg Wassmo: "Dinas Vermächtnis"

"Großmutter Dina saß da und hielt sie in den Armen und wartete darauf, dass sie zu sich käme. Davor musste sie keine Angst haben, dachte sie und schloss wieder die Augen. Da hörte sie: 'Ich wusste, dass du eines Tages kommen würdest.' 'Hast du gewartet?' 'Natürlich habe ich gewartet.'"

Als Dina nach langen Jahren heimkommt an die Küste Norwegens, weil sie sich mit der Vergangenheit aussöhnen will, wird sie nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Nur ihre Enkelin Karna kann nicht verstehen, warum ihr Vater die Großmutter so schroff behandelt. Schließlich ist diese der einzige Mensch, der ihr zuhört und sich an ihrer Fallsucht nicht stört. Karna wundert sich über das sonderbare Verhalten der Erwachsenen, weil sie nichts von der Schuld und den Geheimnissen der Vergangenheit weiß.

"Dinas Vermächtnis" ist der dritte und letzte Teil der Trilogie von Herbjørg Wassmo, mit dem sich die Geheimnisse der starken Frauenfigur Dina Groenelv lüften. In den Büchern zuvor wird vom Leben dieser ungewöhnlichen Frau berichtet, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt, ihren eigenen, unkonventionellen Weg zu gehen. Es geht um Schuld und Sühne, um die Suche nach Liebe und Glück, um eine Abrechnung zwischen Mutter und Sohn. Der Blick durch die kindlichen Augen ihrer Enkelin Karna durchbricht den Teufelskreis aus Gewalt, Verschweigen und Lügen, in den sich die Personen verstrickt haben. Der Leser muss die beiden vorherigen Teile "Dinas Buch" und "Sohn des Glücks" nicht kennen, um "Dinas Vermächtnis" zu verstehen und zu lieben. Schöner ist es schon - aber dann eher etwas für den langen Urlaub.

Herbjørg Wassmo, 1942 in Nordnorwegen geboren, ist zurzeit die beliebteste und meist gelesene Schriftstellerin Norwegens. Ihre Werke sind in elf Sprachen übersetzt. 1987 erhielt sie den Literaturpreis des Nordischen Rates.

(Merian)


Herbjørg Wassmo: "Dinas Vermächtnis", Droemer Knaur, 10,90 Euro.

Sigrid Undset: "Kristin Lavranstochter"

Sigrid Undset: "Kristin Lavranstochter"

Sigrid Undset: "Kristin Lavranstochter"

"Die Mutter wickelte Kristins langes blondes Haar auf und band es in die alte blaue Haube ein, küsste dann die Tochter auf die Wange, und Kristin sprang zu ihrem Vater hinunter. Lavrans saß bereits im Sattel; er hob sie hinter sich aufs Pferd, wo er seinen Umhang wie ein Kissen auf der Kruppe des Pferdes zurechtgelegt hatte. Dort sollte Kristin rittlings sitzen und sich an seinem Gürtel festhalten. Dann riefen sie der Mutter Lebewohl zu."

Kristin Lavranstochter wächst trotz der Wirren des 14. Jahrhunderts geborgen auf einem Gutshof auf. Als Kind wird sie verlobt - das übliche Schicksal der Frauen. Doch Kristin rebelliert. Bei einem heimlichen Ausflug lernt sie den Ritter Erdend Nikulaussohn kennen und verliebt sich in ihn. Sie ist zerrissen zwischen elterlichem Gehorsam und den eigenen Gefühlen. Eine Frau, die sich nicht in ihr vorbestimmtes Schicksal fügt und dabei große menschliche Stärke entwickelt.

"Kristin Lavranstochter" ist eine Trilogie, geschrieben im Stil einer großen nordischen Saga. Diese dichte, mit großer erzählerischer Kraft gestaltete Familiengeschichte spielt im mittelalterlichen Norwegen. Ein Klassiker der Weltliteratur und zugleich ein spannender Frauenroman.

Sigrid Undset, geboren 1882 in Dänemark, verbrachte ihre Jugend in Oslo. Sie starb 1949 in Lillehammer/Norwegen. Für die Romantrilogie "Kristin Lavranstochter" erhielt sie 1928 den Nobelpreis für Literatur.

(Merian)


Sigrid Undset: "Kristin Lavranstochter", Herder, 12,90 Euro.



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