Liechtenstein Lustkurven in Berg und Tal

Lange waren es vor allem Geschäftsleute, die als Bankentouristen das Steuerparadies Liechtenstein besuchten. Jetzt will das Fürstentum verstärkt Wintersportler und Wellnessfans anlocken - mit familienfreundlichen Pisten und einer Promi-Herberge mit Kuschelfaktor.

Von Martin Cyris


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Liechtenstein: Vom Banken- zum Urlaubsparadies
Prächtige Aussichten wären das. Hinge an diesem Vormittag nicht eine dicke Nebelsuppe über dem Rheintal. Halb Liechtenstein versinkt im grauen Dunst. Auch die Gipfel gegenüber der Terrasse des Park-Hotels Sonnenhof geben sich ganz verschleiert. Drinnen helfen kuschelige Sitzecken und allerlei Dekonippes den Seelenfrieden trotz des trüben Wetters zu retten.

Apropos verschleiern: Der eine oder andere Besucher des Fürstentums hatte in der Vergangenheit eindeutige Absichten. Als Schlupfloch für diskrete Geldanlagen kam das kleine Land als Steuerparadies zu Reichtum - und ins Gerede. Doch mit dem Steuerjahr 2010 ist Schluss mit allzu paradiesischen Zuständen. Liechtenstein lüftet sein Bankgeheimnis.

Während sich die Geschäftsleute nach wie vor eher zugeknöpft geben, macht manche weibliche Begleitung kein Geheimnis aus ihrem üppigen Besitz. Zwei Turboblondinen stöckeln das Frühstücksbüfett im Hotel Sonnenhof entlang und entschädigen die männlichen Gäste für das entgangene Gebirgspanorama. Denn augenscheinlich legt so manch betuchter Gast sein Geld nicht nur wert-, sondern auch luststeigernd an - in Silikonkurven für die Herzdame.

John Cleese und Joschka Fischer waren hier Gast

Das Park-Hotel Sonnenhof in der Hauptstadt Vaduz ist nicht nur die Adresse für die Reichen und Operierten, für die liechtensteinische Hautevolee. Auch internationale Prominente aus Politik und Unterhaltung lassen sich verhätscheln. Der englische Komiker John Cleese etwa logierte hier mehrfach. Ex-Außenminister Joschka Fischer genoss in seiner Post-Jogging-Ära die Gourmetküche des Hauses. Und auch der Bestsellerautor Paulo Coelho entschied sich schon öfter für die Herberge im Schatten des Vaduzer Schlosses. Das Hotel liegt nur wenige Gehminuten vom zigmal fotografierten Fürstensitz und den wichtigsten Finanzinstituten.

"Es war ein Schock für uns", sagt Hubertus Real, Besitzer und Küchenchef des Park-Hotels. Er meint das Steuerabkommen mit Deutschland, das nach dem Steuerskandal 2008 in die Wege geleitet wurde. Liechtenstein werde nicht mehr so sein wie davor. Die Gastbetriebe in und um Vaduz hatten sich lange Zeit fast ausschließlich auf die Bankenklientel konzentriert. Doch die ging teilweise erst mal in Deckung. "Der normale Tourismus wurde zu Gunsten der Businessmenschen lange vernachlässigt", meint Real.

Kein Zufall, dass die Vaduzer Innenstadt eher unterkühlt daherkommt. Funktionales Geschäftsambiente eben. Das moderne Kunstmuseum und ein neues multimediales Infozentrum für Touristen sollen die Aufmerksamkeit nun aber auf die schönen Dinge des Lebens und Liechtensteins lenken. Davor standen weiche Faktoren kaum auf der Agenda derer, die mit Gästen Geld verdienen. Der Wellnesstrend etwa wurde in Liechtenstein lange Zeit verpennt.

Mehr Kissen, weniger Flipcharts

Mittlerweile begreift Hotelchef Real den Schock als Chance und hat sein Haus umgekrempelt. Das phantasievolle Hotelschwimmbad im marokkanischen Stil etwa ist ein geglückter Versuch, in Sachen Wellness nachzuholen. Weil immer mehr Geschäftemacher und Geldkofferträger ausbleiben, setzen er und die Tourismusmanager des Kleinstaats nun verstärkt auf Privaturlauber. Motto: mehr Kissen und Kerzen, weniger Flipcharts und Overheads. Betütteln und zuhören, statt diskret weghören.

"Mit uns verbindet man oft nur den Finanzplatz", sagt Martina Michel-Hoch von Liechtenstein Tourismus, "dabei haben wir einiges mehr zu bieten, zum Beispiel Kunst, Kultur und Kulinarik." Dahin sollen die Besucherströme künftig gelenkt werden.

Der Kurswechsel scheint zu funktionieren: "Zu uns kommen immer mehr deutsche Privatleute, die uns erzählen, dass sie sich nun trauen würden, nach Liechtenstein zu fahren", sagt Hubertus Real. Früher hätten Aufenthalte im Fürstentum eher Misstrauen geweckt.

Langlaufloipe als Geheimtipp

Etwas anders gestaltet sich die Situation ein paar Autominuten und ungezählte Kurven von Vaduz entfernt: Die Gemeinde Triesenberg bietet zahlreiche Möglichkeiten für alles, was draußen im Winter Spaß macht. Hier bemüht man sich schon seit längerem um Gäste, die statt dicken Geldbündeln dicke Winterklamotten im Koffer haben. Im Dorf Steg etwa, das zu Triesenberg gehört, beginnt eine Langlaufloipe. Die Strecke gilt wegen ihrer wohlgeratenen Präparierung und ihrem romantischen Verlauf durchs Valüntertal als Geheimtipp im nördlichen Alpenraum.

Die Serpentinenstraße durch Triesenberg endet auf 1600 Meter Höhe in Malbun. Dort erwartet die Besucher eine Bergdorfidylle. Der Ort liegt am Ende eines Hochtals und wird von sanften Bergflanken eingerahmt. Sie bilden eine verschneite, fast runde Gebirgskulisse, die an eine weiße Schüssel erinnert.

An diesen Hängen unterhalb des Sareiserjochs, des Silberhorns und der Nospitz befindet sich das einzige Skigebiet Liechtensteins. Topografie und Luftströme sorgen dafür, dass sich in der kälteren Jahreszeit im Rheintal nicht selten dicker Talnebel bildet, während in den höheren Lagen blauer Himmel herrscht. Die Blicke der Skifahrer werden dann auf das faszinierende Nebelmeer gelenkt, das nur die Berge durchblinzeln lässt.

Nichts für Adrenalinjunkies

"Lustkurven" - der Werbe-Claim des Liftbetriebs macht Appetit auf genussvolles Skivergnügen. Hierzu muss gesagt werden, dass die Pisten nicht unbedingt dafür geschaffen sind, adrenalinsüchtigen Ski-Cracks den ultimativen Kick zu geben. Die Abfahrten geben sich eher gemütlich und sind überaus familientauglich. Ein noch relativ neuer und sehr moderner Skipark für Kinder ist der ganze Stolz des Dorfs - und war das i-Tüpfelchen für Malbun, das vom benachbarten Schweizer Tourismusverband das Gütesiegel "Familien willkommen" erhielt.

"Das ist kein wertloses Abzeichen, sondern eine Auszeichnung, die uns viel abverlangt und permanent kontrolliert wird", sagt Rainer Gassner, Geschäftsführer der Bergbahnen. Familien könnten sich deshalb darauf verlassen, dass sie in Malbun gut aufgehoben sind. Zu den Features für Familienfreundlichkeit zählen auch Annehmlichkeiten für den Nachwuchs in den Hotels. Etwa Frühstücksbüfett in Kinderaugenhöhe oder vorgeschmierte Butterbrote - damit die Kleinen nur noch Nutella oder ihre Lieblingssalami draufbefördern müssen.

4500 Paar Ski im Museum

In seinem Leben schon einiges befördert hat auch Noldi Beck. Nämlich in das Liechtensteiner Ski- und Wintersportmuseum. In 20 Jahren konnte Arnold Beck, wie er bürgerlich heißt, eine Sammlung zusammentragen, die in Europa einmalig sein dürfte.

Nahezu lückenlos wird der moderne Skisport dokumentiert. Von den 4500 Paar Ski, die Beck gesammelt hat, kann natürlich nur ein kleiner Teil gezeigt werden. Dazu gibt es hier zahllose Exponate aus den Anfängen des Wintersports. Der ganze Stolz des Museumsleiters sind freilich originale Erinnerungsstücke von ehemaligen Skikanonen wie Toni Sailer, Willi Forrer oder Alberto Tomba.

Noldi Beck gehörte einst zum Betreuerteam der Top-Skifahrerin Hanni Wenzel, der allerersten Olympiasiegerin Liechtensteins. Becks hervorragende Kontakte in den Skizirkus halfen, das Museum zu einer Attraktion zu machen.

Trotzdem ist es auch Ort der Ruhe. Ob er gerne etwas mehr von dem Trubel heutiger Skiweltcuprennen in seinem Museum hätte? "Nee, pfui Teufel." Spricht's und streckt dabei die Zunge raus. "Früher war alles viel gemütlicher und kollegialer", sagt Noldi Beck, "heute geht's da doch nur noch ums Geld." Geld ist eben auch in Liechtenstein längst nicht alles.



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