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21. September 2009, 06:16 Uhr

Loire-Stadt Tours

Französischkurs mit Korkenzieher

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In der Loire-Stadt Tours können Besucher Französisch-Kurse buchen, bei denen auch eine ausgiebige Weinprobe zum Programm gehört. Mit Schwips sind manche Sprachhürden viel leichter zu bewältigen - Kopfschmerzen sind jedoch nicht auszuschließen.

Eiskübel, Käsekorb, Weinkartons: Bevor Patrick Grellet vor seine Schüler tritt, baut er in dem Klassenzimmer des ehrwürdigen "Institut Touraine" mit der Routine eines Chemielehrers seine Unterrichtsutensilien auf. Dann streift sich der bärtige Weinhändler aus Tours seine Sommelier-Schürze über. Die Lektion in "französischer Zivilisation" beginnt mit einem tiefen "Plop", dem satten Ton eines Korkens, der aus einem Flaschenhals gezogen wird.

Kurz darauf schwappt weißer und roter Chinon in den Gläsern, die auf den Bänken stehen. Patrick reicht erst frischen heimischen Ziegenkäse aus Saint Maure, erklärt den Zusammenhang von Essen und Trinken und tischt nebenbei ein paar französische Gourmet-Regeln auf: "Camembert? Nur richtig aus Rohmilch und aus der Normandie."

Das knappe Dutzend Zuhörer lauscht gebannt, zwei Australier kauen Baguette und schwenken die Gläser, verkosten gurgelnd den jungen Vouvray, während drei Japanerinnen misstrauisch am aromatischen Ziegenkäse riechen, aber jedes Wort des charmanten Lehrers notieren.

Weintrinken als Unterrichtsfach? Für Hocine Chalabi, den Vizedirektor der fast hundertjährigen Einrichtung, gehört auch die Verkostung als "kulturelle Dimension" zur Vermittlung des Französischen: Auf dem Programm, das für Jugendliche, für Stundenten wie Berufstätige Kurse zwischen zwei und zwölf Wochen anbietet und im Sommer für ausländische Lehrer didaktische Fortbildung, stehen eben nicht nur Sprachlabor, Grammatik und Lektüre. Im Gegenteil: Auch der Milchkaffee auf den Café-Terrassen der Place Plumerau, umgeben von mittelalterlichem Fachwerk, die Farbenpracht auf dem Blumenmarkt am Boulevard Béranger oder der Genuss der lokalen Spezialitäten gehören zum Kurrikulum.

Lektionen in Lebensart

Nicht nur am "Institut Touraine". "Wir wollen bei unseren Besuchern die Sinne wecken", sagt Marie-Bernard Amirault-Deiss vom städtischen Büro für Außenbeziehungen. "Essen, Trinken, die ganze Lebensart unserer Region macht den Charme eines Besuches aus - das ist mehr als die Summe ihrer ehrwürdigen Traditionen und Hinterlassenschaften." Davon ist reichlich vorhanden: Im 15. und 16. Jahrhundert Hauptstadt der französischen Könige, besitzt Tours mittelalterliche Patrizierhäuser, die wuchtige Brücke Wilson oder Kirchenbauen wie die gotische Kathedrale "Saint Gatien".

Eine Partnerschaft besteht seit 1962 mit Mühlheim an der Ruhr; klassifiziert als "Stadt der Kunst und Geschichte" ist die Loire-Metropole zudem Begründer der "Allianz Europäischer Kulturstädte" (Avec) - dazu zählen ausgewählte Orte von Belgien bis Serbien. Was Wunder, dass Tours seine die mittelalterliche Kulisse auch nutzt, um für Besucher Hochzeiten in historischer Atmosphäre in Szene zu setzen - Empfang im Rathaus inklusive.

Es sind nicht die einzigen Heimvorteile von Tourismus-Direktor Patrick Le Noach. Das Loiretal, aufgelistet als Welterbe der Unesco, Schlösser wie Amboise oder Chenonceaux, von denen ein halbes Dutzend gerade eine halbe Autostunde entfernt ist. Auch Wanderungen, Paddeltouren und Abstecher zu den Weingütern zählen zur touristischen Standardausstattung einer Region, die sich rühmt "der Garten Frankreichs" zu sein.

Und schließlich gibt es da noch einen Grund für die Anziehungskraft von Tours, der auf der Hand liegt: Per Hochgeschwindigkeitszug ist die Loire-Metropole nur 58 Minuten von Frankreichs Hauptstadt entfernt - damit sind die Highlights von Paris auch für Gäste in Reichweite, die sich für einen Urlaub in der "Stadt der Harmonie und Schönheit" entschieden haben.

Prächtiger Rathausplatz, klassizistischer Bahnhof

Die Eigenwerbung klingt ein bisschen hochgestochen poetisch, aber das Grün der Gärten und Parks, die rund um Tours zu den beliebtesten Zielen gehören, bestimmt auch das Stadtbild - die Lage zwischen mäandernden Flussschleifen verbreitet fröhlich-mediterrane Gelassenheit.

Der Grund dafür ist nicht nur das milde Klima am Zusammenfluss von Loire und Cher; trotz 270.000 Einwohnern besitzt Tours, zumal im Zentrum, eine überschaubare Geographie. Ein Rundgang genügt, um sich zwischen dem prächtigen Rathausplatz, dem klassizistischen Bahnhofsbau (von Victor Laloux, der in Paris den Gare d'Orsay erstellte), und der Kuppel des Großen Theaters zu orientieren. Die Gassen zwischen den Fußgängerzonen der Rue Nationale oder der Rue de Bordeaux gehören zu Fuß erschlossen, zu entdecken gibt es Boutiquen, Kunstgalerien und Bistros.

Und wenn die Füße müde werden, bleibt immer noch das Umsteigen auf ein Fahrradtaxi. Die modernen Gefährte, betrieben von kräftigen Waden und einem elektrischen Hilfsantrieb, werden meist von Studenten gesteuert: Clarisse, 20, an der Universität eingeschrieben für Management und Public Relations, ist die perfekte Botschafterin für ihre Heimatstadt: "Tours ist cool, die Mieten sind erschwinglich und die Kommilitonen kommen aus der ganzen Welt."

Tatsächlich sind Hochschulen und Forschungsinstitute ein Pfund, mit dem Tours künftig stärker wuchern will: Mit fast 30.000 Studenten, der Universität und 50 Forschungsinstitutionen, hat der Standort längst internationales Renommee gewonnen. Und das "Institut Touraine", pädagogisch betreut von der Universität und seit Jahrzehnten Ausbildungsstätte für Diplomaten und Manager, setzt auf diesen Ruf - künftig sollen auch Senioren in dem Stadtpalais ihr Französisch auffrischen.

Jetzt im Sommer sind es vor allem Jugendliche aus der ganzen Welt, die in den ehrwürdigen Salons des ehemaligen Stadtpalais miteinander diskutieren lernen. Edwina Lawford aus dem britischen Manchester hat das letzte halbe Jahr in Lateinamerika zugebracht, jetzt poliert sie ihr Französisch auf, um an der Universität Birmingham einen Abschluss vorzubereiten. "Ein Institut, das ich ohne Zögern weiterempfehlen würde", sagt die 23-Jährige, lobt die Kompetenz der Lehrer … und die studentischen Szenelokale: "Da lernt man übrigens auch Französisch."

Das empfinden auch die Lernenden im Sachunterricht Weinverkostung, denen nach 90 Minuten Theorie der Schädel brummt. Zugleich hat ihnen aber der praktische Teil der lockeren Unterweisung die Zunge gelöst. Die anfangs noch recht schüchternen Japanerinnen prosten fröhlich und mit leicht geröteten Wangen in die Runde: "Ah, le vin rouge, c'est très bon!"

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