Renovierte Speaker's Corner in London Die Anarchos vom Hyde Park

Sie steht auf der To-do-Liste vieler London-Touristen, auch Kanzlerin Merkel pilgerte einst hin: Nun wurde die Speaker's Corner im Hyde Park neu eröffnet - unter dem lautstarken Protest einiger Stammredner.

SPIEGEL ONLINE

Als Angela Merkel im Februar im britischen Parlament war, erzählte sie den versammelten Abgeordneten und Lords von ihrem ersten London-Besuch nach der Wende. Eines ihrer ersten Ziele sei die Speaker's Corner im Hyde Park gewesen, sagte die Kanzlerin. Das Symbol der Meinungsfreiheit habe für sie als Ostdeutsche eine besondere Bedeutung gehabt.

Vielleicht hat Merkel damals sogar Tony Allen gegen die Autoritäten wüten hören. Der inzwischen 69-jährige Anarchist ist seit 1978 ein Stammredner an der Ecke vor dem Marble Arch. Am Donnerstag steht Allen wieder auf seiner kleinen Trittleiter und schimpft - diesmal auf die Parkverwaltung.

Die Behörden interessierten sich nicht für die Speaker's Corner, ruft Allen. Sie ließen regelmäßig Popkonzerte auf der angrenzenden Rasenfläche im Park stattfinden. Die Redner würden übertönt, ihr Platz am Parkeingang von den Massen der Musikfans überrannt.

Sauberer, ordentlicher, touristenfreundlicher

Allens Auftritt ist Ehrensache. Die Parkverwaltung hat die Medien eingeladen, um die Neugestaltung der Speaker's Corner vorzuführen. Der britische Kulturminister Sajid Javid ist gekommen, um ein grünes Band zu zerschneiden. So eine Zeremonie kann nicht unwidersprochen bleiben.

Eine Frau von der Parkverwaltung preist die Regeneration des Parkeingangs. Die Kameras schwenken über neue Blumenbeete und Zäune, der Asphalt wurde durch Kies ersetzt. Info-Schilder wurden aufgestellt, auf denen die Geschichte des weltberühmten Platzes beschrieben wird. Es ist alles sauberer, ordentlicher, touristenfreundlicher.

Sie sei stolz, dass man den Londoner Marathon und die Tour de France in den Hyde Park geholt habe, sagt die Frau von der Verwaltung. Ja, und auch die Popkonzerte seien ein großer Erfolg. "Könnten Sie mir bitte sagen, wo die Toilette ist?", ruft Allen dazwischen. "Schande", brüllt Heiko Khoo.

Der 50-jährige Akademiker redet seit 1986 fast jeden Sonntag an der Speaker's Corner. Er forscht als Doktorand am King's College, sein Geld verdient er aber als Reiseführer. Sonntags führt er Touristen auf einer "Karl Marx Walking Tour" durch Soho, danach kommt er in den Park und redet über den Sozialismus.

Marx, Lenin und Orwell sprachen hier schon

Die Stammredner beklagen, dass ihre Bedürfnisse ignoriert werden: die fehlenden Toiletten, der lästige Konzertlärm. Die Parkverwaltung sei nur daran interessiert, den Zugang für die Konzertbesucher zu verschönern, sagt Khoo.

Die Speaker's Corner lebt von Charakterköpfen wie Allen und Khoo. Seitdem die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert sich diesen Ort der Meinungsfreiheit erkämpft hat, zieht die lauschige Ecke Revoluzzer und Weltverbesserer an. Früher hießen sie Karl Marx, Wladimir Lenin und George Orwell, heute sind es größtenteils unbekannte Anarchisten, Sozialisten, Atheisten, Pazifisten, religiöse Prediger - und Vegetarier.

Häufig buhlen mehrere Redner gleichzeitig um Aufmerksamkeit: Sie stehen über eine weite Fläche verteilt, überall bilden sich kleine Grüppchen von Zuschauern und Zwischenrufern. Die Zwischenrufer sind ein wesentlicher Teil der Performance, sie spornen den Redner an. Es hilft, wenn man Stand-up-Comedian ist wie Allen. Humor und Schlagfertigkeit ziehen immer.

Amüsantes Beiwerk statt politischer Relevanz

Wie so vieles in London zehrt die Speaker's Corner vom Glanz vergangener Tage. Die Zuschauergruppen sind kleiner geworden, die politische Relevanz geht gegen null. Die meisten Sonntagsausflügler bleiben heutzutage nur kurz vor den Selbstdarstellern auf den Trittleitern stehen. Diese werden als amüsantes Beiwerk der Großstadt wahrgenommen.

"Manche sagen, es sei das beste Live-Theater in London", sagt Reinhard Wentz, 71, ein pensionierter Bibliothekar. Der gebürtige Deutsche kommt seit 50 Jahren einmal im Monat im Hyde Park vorbei. Aber die Redner seien nicht nur unterhaltsam. Es lohne sich, genauer hinzuhören.

"Wenn man nur zehn Minuten bei den religiösen Fanatikern steht, könnte man meinen, das hier seien alles Spinner", sagt er. "Aber wenn Sie sich eine Stunde Zeit nehmen, können Sie viel lernen."

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Loddarithmus 19.06.2014
1. Erinnert mich stark ...
... an Monthy Python's "Das Leben des Brian".
whocaresbutyou 19.06.2014
2. klingt irgendwie vertraut
---Zitat--- Wie so vieles in London zehrt die Speaker's Corner vom Glanz vergangener Tage. Die Zuschauergruppen sind kleiner geworden, die politische Relevanz geht gegen null. Die meisten Sonntagsausflügler bleiben heutzutage nur kurz vor den Selbstdarstellern auf den Trittleitern stehen. Diese werden als amüsantes Beiwerk der Großstadt wahrgenommen. ---Zitatende--- amüsante Selbstdarsteller auf Trittleitern ohne politische Relevanz... ... wo hab ich DAS bloß schon mal gesehen...? Pardon... GELESEN :o)
Todoistobe 24.06.2014
3. hinter dem Phänomen
Tony Allen versteckt sich immerhin der "godfather of alternative comedy", der Ende der 70er Jahre im ersten Comedy Store mit Alexis Sayle, Andy de la Tour, Pauline Melville und Arnold Brown auftrat. Dawn French und Jennifer Saunders haben ihre Karriere hier ebenfalls begonnen - es war eine fantastische Zeit. Siehe dazu Allen's köstliche Erinnerungen: "Attitude - the secret of stand-up comedy". Im Roman "Felix' Revolution" gibt es ebenfalls Bezüge zu Tony Allen, der mit der Straßentheatertruppe Rough Theatre loszog. "Lenny Bruce finished his career, out of his head on drugs, chased by the police, and dying in a toilet. That's how I started off". Allen war um einiges subversiver als Monty Python.
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