Londoner Globus-Manufaktur Um die Erde für 80.000 Euro

Genug von Google Maps? Die Globus-Manufaktur Bellerby in London stellt edle Erdkugeln für Zehntausende Euro her, auch ausgefallene Kundenwünsche werden erfüllt. Ein Besuch in einem besonderen Atelier.

Ana Santl

Von Stefan Wagner


Samantha Clinch ist Globusmacherin. "Ich erschaffe Welten", sagt sie schon mal zum Spaß, wenn sie jemand nach ihrem Job fragt. Die 26-Jährige hat Fotografie studiert, arbeitete dann als Schreinerin. Seit eineinhalb Jahren ist sie bei Bellerby & Co. in London, eine der weltweit ganz wenigen Globuswerkstätten, die in Handarbeit Erdkugeln herstellen.

"Im ersten Jahr war das Ganze Frust pur", sagt sie. "Die feuchten handgemalten Kartenteile rissen ständig, wenn ich sie auf die Kugel kleben wollte. Mit dem Skalpell muss man auf einen Zehntelmillimeter genau schneiden lernen, damit die 24 oder 48 Kartensegmente genau auf den Globus passen." Ein Millimeter zu viel oder zu wenig? "Dann ist die Arbeit des Kartenmalers von Wochen vergebens gewesen, alles wandert in den Müll, und man fängt wieder von vorne an."

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Globus-Manufaktur in London: "Ich erschaffe Welten"

Häufig, so erzählt Clinch, herrsche absolute Stille in dem Atelier im Nordlondoner Stadtteil Stoke Newington. Wenn 15 Menschen mit höchster Konzentration arbeiten, die Grenzlinie zwischen Burundi und Tansania ziehen, den Atlantik einfärben, die Oberfläche eines fertigen Globus lackieren, die lappenartigen sphärischen Zweiecke aufbringen oder eine Hafenstadt in Indien einzeichnen. "Es hat etwas Läuterndes", philosophiert ihr Boss Peter Bellerby, "all diese fokussierte Energie!"

Vor sieben Jahren hat Bellerby, 51, seine Firma gegründet. Begonnen hatte es damit, dass er seinem Vater zum 80. Geburtstag einen schönen Globus schenken wollte. "Aber es gab nur diesen billigen Plastikkram oder antike Globen", erinnert sich der schmale Mann im Wollpulli. "Da beschloss ich, ihm selbst einen zu bauen." Nach Jahren als Filmrechtevermarkter, Nachtklub- und Bowlingbahnbetreiber hatte Bellerby ein viktorianisches Haus renoviert und mit gutem Gewinn verkauft. Er hatte Zeit. Und Geld. So ging er ans Werk.

Zwei Herzen über Mallorca

Eigentlich wollte Bellerby den Globus nach drei Monaten und 10.000 Pfund fertig haben. "Doch dann", sagt er und verzieht das Gesicht, "dann lief das Ganze irgendwie aus dem Ruder." Er verbiss sich. Nichts passte, das Kartenmaterial war veraltet, das Werkzeug nicht gut genug, vor allem aber gelang es ihm nicht, die zweidimensionalen Karten auf die dreidimensionale Kugel zu bringen. "Nach einem Jahr hatte ich 100.000 Pfund verbrannt, warf jede Woche drei, vier schlechte Globen weg und kam meinem Ziel kaum näher."

Als endlich, nach zwei Jahren, alles passte - zum 80. Geburtstag musste sein Vater noch mit Socken als Geschenk vorlieb nehmen - machte Bellerby die Passion zum Beruf. "Ich merkte, dass Menschen das tiefe Bedürfnis haben, sich selbst zu verorten", sagt er, "und das fällt leichter auf einem Globus als auf dem Navi oder bei Google Maps." Seit 2010 wächst die Globusmacherei rasch. Museen, Hollywoodfilmer, wohlhabende Privatpersonen leisten sich einen Bellerby. Die teuerste Erdkugel kostet 80.000 Euro und hat einen Durchmesser von 1,27 Meter, billigere gibt es ab 1200 Euro. Wer auf der Warteliste steht, muss sich bis zu 18 Monate gedulden.

Jeder Bellerby ist ein Einzelstück. Die Auftraggeber können sich den Pazifik in Rosarot wünschen oder einen Ort einzeichnen lassen, der für sie eine besondere Bedeutung hat, zwei Herzen über Mallorca zum Beispiel. Manche bestellen Meeresungeheuer, Mini-Porträts von Staatsoberhäuptern, eine Flaschenpost oder eine spanische Galeone, Pyramiden in Gizeh oder das Bild der Ehegattin. Nur Kunden mit politischer Agenda, die zum Beispiel den Staat Israel nicht einzeichnen lassen wollen oder die Ukraine zu Russland schlagen wollen, enttäuscht Bellerby: "Ich halte mich an die Vorgaben und Konventionen der Vereinten Nationen."

Künstler, Designer, Handwerker und eine Kartografin sind heute bei Bellerby & Co. beschäftigt. Seit Monaten schon sucht Bellerby als Verstärkung einen Lehrling, hat aber den oder die Richtige noch nicht gefunden. Dabei ist es eigentlich der perfekte Job für digitalmüde Kosmopoliten: in einem gemütlichen Backsteinloft Luxusgloben in monatelanger Handarbeit herstellen. Das Problem an der Sache: Es ist richtig schwer. "Niemand hat die Qualifikation für diesen Job", sagt Bellerby, "absolut niemand!"

Er macht es Bewerbern nicht leicht, aber er hat natürlich recht. Wer hat schon Erfahrungen im Bemalen von Erdkugeln gesammelt, kann Seemonster zeichnen und ist geschickt, wenn es darum geht, feuchte Kartenschnipsel aufzukleben? "Es hilft, wenn der Bewerber oder die Bewerberin gut darin ist, etwas mit seinen Händen herzustellen, wenn er penibel und dabei leidenschaftlich ist, endlose Geduld hat und nicht leicht aufgibt", sagt er.

Als Samantha Clinch ihren ersten fehlerfreien Globus nach fast einem Jahr fertiggestellt hatte, gab es eine Party für sie, ein Kollege brachte einen Kuchen mit. "Ich war zu Tränen gerührt", sagt sie. "Wer bei uns arbeitet, muss drei Dinge haben", sagt Bellerby, "Geduld, Geduld, Geduld." Dass sie etwas Besonderes tun, wissen die Mitarbeiter. "Eine Landkarte wird uns nie so inspirieren wie ein Globus", sagt einer. "Ein Globus bringt uns zum Nachdenken über uns selbst."

Clinch liebt ihren Job, die Ruhe und die meditative Stimmung im Atelier, die Grünpflanzen, die Mittagessen in den umliegenden Restaurants oder auch mal, wenn das Team gemeinsam kocht. Allerspätestens, wenn die Kunden persönlich ihren maßgefertigten Globus abholten, wisse sie, warum sie hier sei.

"Auf dem Smartphone-Bildschirm wischt man hektisch hin und her, wenn man eine Karte aufruft." Sie macht eine Kunstpause. "Sie sollten sehen, wie unterschiedlich die Menschen mit unseren Globen umgehen. Sie stehen erst einmal nur davor und staunen. Dann beginnen sie über die Oberfläche zu streichen, behutsam, fast schon zärtlich."

"Eigentlich", sagt sie dann, "eigentlich streichen sie nicht. Sie streicheln."

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
lupus_major 15.02.2017
1. Entschleunigung
...tut so wunderbar gut. Verzicht auf die Hektik des Alltags. Einfach keine News lesen oder kein Fernsehen schauen. Als Segler auf den Meeren kenn ich das. Schon nach dem ersten Tag vermißt man den alltäglichen Newsbomberwahnsinn nicht mehr. Die Erde, der Globus drehen sich auch so weiter. Wundervoll wie in unserer digitalen Welt so dann tolle Handwerke entstehen. Toller Artikel, noch bessere Geschäftsidee.
hatschon 15.02.2017
2. Für das Geld
Kann ich mir alle Kontinente anschauen und dann auch noch einen schönen alten Globus auf dem Flohmarkt kaufen 80.000€ reicht um die Welt real zusehen .
Newspeak 15.02.2017
3. ...
So sehr ich das Handwerkliche bewundere, so sehr stoesst es mich ab, das solche Laeden nur deshalb moeglich sind, weil sich einige Wenige hemmungslos bereichern und dann nicht wissen, wohin mit dem Geld, waehrend andere kaum ueber die Runden kommen. Aber vermutlich muessen erst Jahrhunderte ins Land gehen. Wer denkt bei den Kunstwerken der Renaissance noch an die armen Teufel, die damals lebten.
trompetenmann 15.02.2017
4. Toller Beruf...
... mit viel Handarbeit. Allerdings stellt sich mir die Frage, ob tatsächlich alles in Handarbeit hergestellt werden muss?
wohlmein 15.02.2017
5. Die Globen der deutschen Manufaktur
Globen von Räth sind wahlweise aus Plastik oder aus mundgeblasenem Glas. Je nach dem, ob der Globus beleuchtet ist, sieht man die politische Gliederung, andernfalls die Morphologie. Ein Räth-Globus aus Glas kostet bei Manufactum keine 80.000€, sondern lediglich 369. Ist aber auch etwas kleiner, für Dreizimmerwohnungen immernoch passabel.
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