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London-Heathrow: Briten verzweifeln an Dauer-Flugchaos

Von , London

In Zeitungen ist von "nationaler Schande" die Rede - und selbst das scheint irgendwie untertrieben. Mit Wut reagieren die Briten auf das Chaos im neu eröffneten Heathrow-Terminal 5. Dabei war das Desaster absehbar: seit die Turbo-Kapitalisten am Flughafen die Regie übernahmen.

Kerry Johnstone hatte einen Flug nach Kopenhagen gebucht, ihre E-Mails gecheckt und war trotzdem in jene Falle gegangen, die zurzeit Terminal 5 heißt: In London-Heathrow teilte man der 35-jährigen Marketing-Managerin mit, dass ihr Flug gestrichen sei und in acht Stunden der nächste ginge – vielleicht. Ein zweijähriges Kind neben ihr begann zu weinen. Johnstone sagte daraufhin zu einem British-Airways-Angestellten: "Genau das würde ich auch gerne tun, oder noch lieber hätte ich einen ausgewachsenen Wutanfall – nur leider bin ich zu alt dafür."

Lautstarke Schimpfereien und Hysterien bleiben Ausländern und kleinen Kindern überlassen, die berühmte steife britische Oberlippe triumphierte noch. Dies aber scheint auch der einzige Erfolg, den sich das Vereinigte Königreich derzeit im neueröffnetem Terminal 5 gutschreiben darf.

Ansonsten ging und geht weiterhin fast alles schief, was einen Flughafen ausmacht. Seit der Eröffnung am Donnerstag vergangener Woche wurden 450 Flüge gestrichen, 15.000 Gepäckstücke verloren und einigen Gestrandeten als Trostpreis 100-Pfund-Gutschriften überreicht - für den Fall, dass sie die Nacht nicht auf dem blank geputzten Marmorfußboden des Terminals verbringen wollten. Die Freude über die milde Gabe war von kurzer Dauer. Angesichts der Not hatten die meisten Hotels die Preise rasch erhöht: Minimum 200 Pfund pro Nacht. Hoch lebe der Kapitalismus angelsächsischer Prägung.

Glanzvolles Paradies statt vollgekotzter Teppichböden

Auch für die nächsten Tage hat British Airways Flugstreichungen angekündigt. In den Zeitungen ist von "nationaler Schande" die Rede, aber auch dies scheint noch untertrieben, um die Enttäuschung der Briten über das Debakel von Terminal 5 zu beschreiben. Über Jahrzehnte hatte Heathrow mit seinen verdreckten Teppichböden, den langen Warteschlangen und den bunkerähnlichen Gepäckbändern als eine Art Dritte-Welt-Flughafen gegolten.

Terminal 5, 20 Jahre geplant, 5,6 Milliarden Euro teuer, vom Stararchitekten Richard Rogers entworfen, sollte den größten Flughafen Großbritanniens ins 21. Jahrhundert beamen. Noch vor einem Jahr schrieb ein Sachverständiger bewundernd: "T5 wird Heathrow von einem Slum aus vollgekotzten Teppichböden und Endlos-Warteschlangen in ein glanzvolles Paradies verwandeln." Daraus wird wohl erst mal nichts.

Flughäfen sind komplexe Systeme, die dem Allgemeinwohl dienen sollten und nicht den Profiterwartungen von ein paar Aktionären. Genau diese Weichenstellung ist im Großbritannien Margret Thatchers mit seinen wahnhaften Privatisierungen falsch justiert worden. Über Jahrzehnte hat sie zu Auswüchsen geführt, die nur noch als bizarr beschrieben werden können.

Shopping Mall mit Flugsteiganschluss

Konsequenter vorläufiger Endpunkt dieser Spirale des Turbokapitalismus war schließlich die Übernahme des Flughafenbetreibers British Airports Authority (BAA) durch den spanischen Baukonzern Grupo Ferrovial. Der jedoch hatte keine Ahnung von Flughäfen und sich die neun Milliarden Pfund für den Kauf geliehen. Um die Zinsen bezahlen zu können, begann der Konzern die Passagierfrequenzen zu erhöhen und auf Kosten der Flugservicefläche die Ladenzeilen auszubauen. Das Ergebnis: Heathrow ist inzwischen eine Art Shopping Mall mit Flugsteiganschluss. Mit ein wenig Glück kann man den Einkauf von Parfum und Schnapsflaschen mit einer Luftreise abrunden.

Dass nun der Terminal 5 eine Krankheit namens Heathrow heilen würde, hatten ohnehin nur die wirklichen Optimisten unter den britischen Vielfliegern gehofft. Noch vor einem Jahr kamen Psychologen zu einer erstaunlichen Erkenntnis: Einchecken in Heathrow stresse einen Fluggast so stark, als würde er nachts mit einem Messer ausgeraubt.

Durch den neuen Glas-und-Stahl-Palast ist die Vorfreude auf solche Qualen in neue Dimensionen gestiegen. Die Aussicht auf Heathrow, schreibt der konservative Publizist Max Hastings, erfülle ihn jetzt mit jener Sorte Sorgen, die sich einstellen, als müsste er demnächst "gegen die Mahdi-Armee im südirakischen Basra zu Felde ziehen".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
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1. Da kommt mir doch gleich Douglas Adams in den Sinn.
CyberDyne 31.03.2008
Es kann kaum ein Zufall sein, daß es in keiner Sprache der Welt die Wendung "schön wie ein Flughafen" gibt. Flughäfen sind häßlich. Manche sind sehr häßlich. Manche erreichen ein Ausmaß an Häßlichkeit, das nur das Resultat besonderer Kraftanstrengungen sein kann. Diese Häßlichkeit kommt zustande, weil Flughäfen mit Menschen angefüllt sind, die müde und verdrossen sind und gerade festgestellt haben, daß ihr Gepäck in Murmansk gelandet ist (Murmansk ist die einzige bekannte Ausnahme dieser ansonsten unerschütterlichen Regel), und weil die Architekten alles in allem versucht haben, diesem Umstand in ihren Entwürfen Rechnung zu tragen. Sie waren bestrebt, das Müdigkeits- und Verdrossenheitsmotiv durch brutale Formen und nervenzerfetzende Farben zu akzentuieren, das Anliegen, die Reisenden für immer von ihren Koffern oder liebsten Angehörigen zu trennen, spielerisch in die Tat umzusetzen, den Reisenden mit Pfeilen zu verwirren, die auf Fenster, ferne Schlipsregale oder die gegenwärtige Position von Ursa Minor am Nachthimmel zu deuten scheinen, und wo immer möglich alle Rohrleitungen sichtbar zu machen, und zwar aus dem Grund, weil sie funktionell sind, und die Position der Flugsteige zu verstecken, wahrscheinlich aus dem Grund, weil sie's nicht sind. Dies schrieb der britische Autor Douglas Adams vor 20 Jahren in seinem Werk >>Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele
2. 100 Millionen
Wolfgang Jung 31.03.2008
Heathrow soll 100 Millionen Passagiere pro Jahr abfertigen, wenn das nicht schon der Fall ist. Ich frage mich als Chinese, Japaner, US-Amerikaner, Inder oder einer der Abermillionen Commonwealth-Bewohner, wer von denen gezwungen ist, in Heathrow zu starten oder zu landen. Meines Wissens gibt es im ultraeng vernetzten Europa überall und bald sogar von Paderborn die Möglichkeit, angenehm und pünktlich in alle Welt zu starten oder überall außer in Heathrow zu landen. Wer freiwillig London als Abflugsort wählt, gehört anscheinend zu den Menschen, die immer dann umkommen, wenn irgendwo ein Tsunami auf den Strand prallt, ein Wirbelsturm fetzt oder ein Vulkan ausbricht. Warum quälen sich soviele Leute freiwillig?
3. Wie immer ist der Schuldige schnell gefunden...
Mathesar 31.03.2008
Zitat von sysopIn Zeitungen ist von "nationaler Schande" die Rede - und selbst das scheint irgendwie untertrieben. Mit Wut reagieren die Briten auf das Chaos im neu eröffneten Heathrow-Terminal 5. Dabei war das Desaster absehbar: seit die Turbo-Kapitalisten am Flughafen die Regie übernahmen. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,544469,00.html
Die Schuldigen sind mal wieder schnell festgestellt: Die "Turbokapitalisten"..... Die Inbetriebnahme eines Flughafenterminals ist hochkomplex. Viele hundert Einzelsysteme müssen dort reibungslos ineinandergreifen. bei der Inbetriebnahme des Terminals 2 am Flughafen München haben dutzende "Turbokapitalisten" gezeigt, wie es besser gehen kann. Alle Unternehmen vom Reinigungspersonal über die Schieberflotten bis hin zum Behindertentransport haben mit hohem Personaleinsatz die Hürden der Inbetriebnahme innerhalb von nur zwei Wochen genommen. Trotz geschlossener Durchgänge, nicht passender Schlüssel, oder fehlgeleitetem Gepäck konnte vom ersten Tag an 70% der Kapazität gehalten werden. Es liegt also nicht an "Turbokapitalisten", es liegt ganz einfach an verfehltem Projektmanagement und wahrscheinlich der fehlenden Einbeziehung der zuständigen Dienstleister.
4. Die Turbokapitalisten
Gandhi, 31.03.2008
gingen wieder einmal davon aus, dass sie von Anfang an alles im Griff haben wuerden. Es haette ja ihren Profit geschmaehlert, werden man mit Vorsichtsmassnahmen (denn die kosten ja echt Geld)fuer alle Faelle gewappnet gewesen waere. Nun ist es in die Hose gegangen und kostet wirklich echt Geld. Ich hatte schon mit dem Gadanken gespielt, meinen naechsten Europabesuch eventuell ueber Heathrow zu buchen. Das werde ich nun aber huebsch bleiben lassen.
5. Horror
Mr_Knightley, 31.03.2008
Ich lebe jetzt seit knapp 4 Jahren in London und als Resultat fliege ich einfach nicht mehr. Punkt. Schont meine Brieftasche, meine Nerven und die Umwelt. Ein, maximal 2x im Jahr zurueck nach Deutschland und Urlaub kann ich wunderbar hier auf der Insel machen. Bis die endlich ihre bescheuerten Flughaefen auf die Reihe kriegen (Gatwick und Stansted sind ja nicht viel besser) nutze ich einfach die moderne Kommunikation, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben. Man koennte meinen Greenpeace und nicht Ferrovial haetten BAA uebernommen...
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