Londoner Flughäfen Kommission stoppt Pläne für neuen Themse-Airport

Die britische Hauptstadt wird vorerst wohl keinen neuen Großflughafen bekommen: Eine Kommission lehnt die spektakuläre Vision von Norman Foster als zu teuer ab. Stattdessen sollen die bestehenden Flughäfen Heathrow oder Gatwick erweitert werden - die Londoner laufen Sturm.

Von


London - Gigantisch sollte er werden, der Themse-Airport von Stararchitekt Norman Foster. Vier Start- und Landebahnen an der Flussmündung, damit vier Flugzeuge gleichzeitig abheben und landen können. Und das Beste: Die Londoner würden von all dem nichts mitbekommen, weil die Einflugschneise über der Nordsee läge. Londons Bürgermeister Boris Johnson trommelte unermüdlich für das neue Drehkreuz, das den Stadtflughafen Heathrow ersetzen sollte. Unzählige schlafgestörte Anwohner drückten ihm die Daumen.

Der Traum ist vorerst ausgeträumt. Die Vision des neuen Superflughafens hat es nicht in die engere Auswahl der britischen Airports Commission geschafft. Die Arbeitsgruppe, die im Auftrag der liberal-konservativen Regierung die Optionen für den Luftverkehr im Südosten Englands prüft, legte am Dienstag einen Zwischenbericht in London vor.

Die Prüfer der Kommission schreiben, der 112 Milliarden Pfund teure Neubau auf einer Halbinsel werfe zu viele Fragen auf. Er sei nicht nur "extrem teuer", sondern würde auch die Schließung der beiden Flughäfen Heathrow und City Airport nach sich ziehen. Die wirtschaftlichen Folgen seien noch nicht ausreichend analysiert. Auch der ähnlich spektakuläre Plan des Konsortiums Testrad für einen "Britannia Airport" auf einer künstlichen Insel in der Flussmündung wurde verworfen.

Stattdessen empfiehlt der Bericht, bis 2030 zunächst einen der bestehenden Flughäfen Heathrow oder Gatwick mit einer weiteren Landebahn auszustatten. Bis 2050 könnte dann eine zweite neue Landebahn in der Region nötig werden, vielleicht in Stansted oder Birmingham.

Man brauche zusätzliche Kapazitäten, sagte der Kommissionsvorsitzende Howard Davies. Aber die Entscheidung solle nicht überstürzt werden. Er betonte, dass Fosters Flughafen nicht endgültig vom Tisch sei. Man müsse den Plan jedoch noch genauer prüfen.

Streit um Heathrow-Landebahn flammt wieder auf

Nun flammt die Debatte über den Ausbau von Heathrow wieder auf. Londons Hauptflughafen ist mit 70 Millionen Passagieren der meistfrequentierte Airport Europas. Es kommt jedoch regelmäßig zu Verspätungen, weil nur zwei Start- und Landebahnen zur Verfügung stehen.

2009 hatte die Labour-Regierung unter Gordon Brown bereits eine dritte Startbahn beschlossen. Der damalige Oppositionsführer David Cameron hatte sich an die Spitze der Protestbewegung gesetzt. "Kein Wenn, kein Aber", tönte der Tory-Chef im Wahlkampf 2010. Eine dritte Startbahn in Heathrow werde es mit den Konservativen nicht geben. Nach dem Wahlsieg machte der neue Premier Cameron umgehend Browns Entscheidung rückgängig.

Inzwischen bereut die Tory-Führung dieses Wahlversprechen. London falle hinter Frankfurt und Paris zurück, warnen Flughafenbetreiber und Wirtschaftsverbände. Unter dem Lobby-Druck bereitet Cameron nun offensichtlich den Kurswechsel vor: Der Zwischenbericht der formal unabhängigen Davies-Kommission wird als Lockerungsübung interpretiert. Das Papier gebe Cameron "Rückendeckung für eine Kehrtwende zu Heathrow", schimpfte Bürgermeister Johnson. Er selbst bleibe aber dabei: "Ein Ausbau von Heathrow wäre falsch für London und falsch für das Land."

Keine der Ausbau-Optionen ist sonderlich überzeugend. Gegen Heathrow spricht vor allem die Lage: Es mangelt an Platz, und die landenden Flieger müssen die gesamte Stadt überqueren. Gegen den etwas außerhalb liegenden Flughafen Gatwick wiederum ist einzuwenden, dass er kein Drehkreuz mit Verbindungsflügen ist.

Die Wirtschaftsverbände haben eine klare Präferenz für Heathrow. Doch Cameron will eine Entscheidung über neue Startbahnen frühestens nach der nächsten Unterhauswahl 2015 treffen. Dann sieht der Premier sich nicht mehr an sein Wahlversprechen gebunden. Es gelte nur für diese Legislaturperiode, hat Verkehrsminister Patrick McLoughlin bereits erklärt.

Die Heathrow-Gegner laufen Sturm, Anwohner und Aktivisten der erfolgreichen Kampagne von 2009 kündigten neue Proteste an. Der konservative Unterhausabgeordnete Zac Goldsmith, dessen Wahlkreis in der Einflugschneise liegt, drohte mit Rücktritt, wenn die Partei ihr Wort bricht. "David Cameron muss sich das sehr genau überlegen", sagte Goldsmith der BBC. "Eine Kehrtwende wäre politisch eine Katastrophe für ihn." Es wäre "ein unvorstellbarer Betrug, und West-London würde ihm nie verzeihen".

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war der von Norman Foster entworfene Flughafen als Britannia Airport bezeichnet worden. Das ist falsch. Fosters Projekt heißt Thames Hub, der Britannia Airport ist ein Vorschlag des Konsortiums Testrad.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
toledo 17.12.2013
1. .....
Na, da sind ja die 5 Mrd Euro für einen BER ein echtes Schnäppchen.. 122 Mrd englische Pfund für einen Flughafen... Irrsinn!!!!
philemajo 17.12.2013
2. Fosters Hybris?
Es wäre mal interessant zu wissen, wie eine "schlanke" Version eines Flughafenneubaus aussähe, reduziert um die Elemente architektonischer Selbstverwirklichung von Sir Norman Foster. Wenn man sich die Zeichnungen so anschaut, kann man sich sehr gut vorstellen, welcher Schnickschnack das meiste Geld verschlingt. Und der ist für Zukunftssicherung oder Fluglärmreduzierung sicher entbehrlich. GB und London fehlt einfach das Geld um Foster und Johnson ein solches Baudenkmal zu setzen.
staubtuch 17.12.2013
3. 100.000.000.000
Viel Geld, wenn man bedenkt, dass woanders Menschen noch nicht einmal morgens wissen, ob sie bis zum Abend überhaupt etwas zu essen hatten. Ansonsten: wenn man mit 2 Startbahnen 70.000.000 Passagiere abfertigen kann, wenn auch mit Widrigkeiten, warum meinen dann die Betreiber des Münchener Flughafens, dass sie nur mit 3 Landebahnen für die Zukunft gewappnet seien, obwohl sie 2013 immer noch unter 40.000.000 Passagieren liegen?
specialsymbol 17.12.2013
4. City Airport
Der City Airport darf nicht geschlossen werden. Zu viele Berufspendler nach London wären dadurch massiv benachteiligt.
baerry 17.12.2013
5. keine Architekten!
Derartige Projekte gehören auch nicht in die HAnd eines Architekten. Klar verballert der Geld wo es nur geht. Aber unnötiger geht es meistens nicht. Ein Flughafen muss von Experten für Flughäfen entworfen werden und nicht nach architektonischen Aspekten. Die notwendigen Gebäude müssen funktional sein. Gleiches gilt auch für Politiker, die sind genauso teuer und unnötig wie Architekten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.