"Thames Deckway" in London Dieser Radweg soll schwimmen

London ist die Hölle für Radfahrer, jetzt will ein Architekt eine schwimmende Rennstrecke für Radler auf der Themse bauen. Mautpflichtig, versteht sich.

Von , London


Er sieht aus wie eine Wasserschlange, die sich am Südufer des Flusses entlangdrückt. Londoner Stadtplaner haben einen Entwurf für einen schwimmenden Radweg auf der Themse vorgelegt. Er soll den geplagten Londoner Radfahrern eine neue, sichere Route quer durch die Stadt bieten. Die zwölf Kilometer lange Strecke würde von Pontons über Wasser gehalten, je nach Wasserstand läge sie mal höher, mal tiefer.

Der "Thames Deckway" des River Cycleway Consortiums wäre eine spektakuläre neue Attraktion in der britischen Hauptstadt. Radfahrer könnten dem Verkehrschaos auf den überfüllten Straßen entkommen und auf der ampelfreien Rennstrecke Zeit sparen. Obendrein würden sie auf dem Weg von Battersea nach Canary Wharf an den größten Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbeiradeln: Big Ben, St. Paul's, Tate Modern, Shard und Tower Bridge.

Der schwimmende Radweg soll mautpflichtig sein, im Gespräch sind 1,50 Pfund pro Strecke. Die Macher rechnen mit bis zu 12.000 Radlern pro Stunde. Geplant sind mehrere Zugangsrampen und Kioske für Zwischenstopps. Was die Radler indes nicht freuen wird: Auch Fußgänger sollen die neue Promenade betreten dürfen, ein Angebot, das insbesondere Touristen anziehen dürfte.

Ob der ambitionierte Plan je umgesetzt wird, ist fraglich. Mit einem geschätzten Preis von 600 Millionen Pfund wäre es wohl der teuerste Radweg, der jemals gebaut wurde. Und die Initiatoren, darunter der Architekt David Nixon und die Unternehmerin Anna Hill, tun sich schon schwer damit, eine Machbarkeitsstudie zu finanzieren.

Der Vorschlag zeigt jedoch, wie angesagt Radwege in London inzwischen sind. In der Innenstadt machen Radfahrer zu Stoßzeiten bereits ein Viertel des Verkehrs aus. Sie leben allerdings gefährlich. Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen, wenn insbesondere Lastwagen und Busse unachtsam links abbiegen.

Höhenradweg von Norman Foster

Der "Thames Deckway" ist schon die zweite futuristische Radweg-Vision in diesem Jahr. Im Januar hatte Stararchitekt Norman Foster seinen Entwurf "Skycycle" vorgestellt. Er schlägt vor, 220 Kilometer schwebende Radwege entlang bestehender Eisenbahngleise zu bauen.

Die Radfahrer könnten dann auf ihrer Hochstraße unbehelligt von Autofahrern die Stadt durchqueren und dabei noch die Aussicht genießen. Auch dieses Projekt wäre jedoch so teuer, dass es unrealistisch erscheint. Allein die vorgeschlagene, wenige Kilometer lange Probestrecke zwischen den Bahnhöfen Stratford und Liverpool Street würde mehr als 200 Millionen Pfund kosten.

Wahrscheinlicher ist der Ausbau der herkömmlichen Radwege. Hier hat London erheblichen Nachholbedarf. Bürgermeister Boris Johnson hatte in den vergangenen Jahren mit viel Tamtam sogenannte Cycle Superhighways eingerichtet. Dabei handelt es sich jedoch nicht um echte Radwege, sondern nur um blau gestrichene Streifen auf der Straße, die von Autofahrern nicht weiter ernst genommen werden. Nachdem 2013 mehrere Radfahrer binnen weniger Wochen auf diesen Radstreifen tödlich verunglückt waren, kündigte Johnson neue separate Radwege an.

Bis März 2016 sollen zwei vom Autoverkehr getrennte Radwege quer durch London entstehen, eine 29 Kilometer lange Ost-West-Achse und eine 4,8 Kilometer lange Nord-Süd-Achse. Die Pläne des Bürgermeisters stoßen noch auf erheblichen Widerstand: Auto- und Wirtschaftsverbände warnen vor dem Dauerstau, wenn die Autofahrer künftig eine Spur weniger zur Verfügung haben.

Zu den schärfsten Gegnern zählen die Verwaltungen der beiden Finanzviertel City und Canary Wharf: Sie fürchten, dass ihre Klientel wertvolle Zeit verliert, wenn sie zwischen Meetings hin- und herchauffiert wird.

Der Bürgermeister gibt sich unbeeindruckt. In der Innenstadt seien zu viele Autos unterwegs, argumentiert Johnson. Sein erklärtes Ziel: London soll ein "Paradies für Radfahrer" werden.

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
noalk 17.10.2014
1. Luxus
600 Mio BritPfund für 12 km, also 50 Mio für 1 km. ??? Geht's auch mit weniger Luxus? Sind die Fahrwege vergoldet? Die Idee ist ja nicht schlecht, aber warum soll die Sache so teuer sein? Der Fotomontage nach zu urteilen, geht das auch viel einfacher, wenn man auf Design-Schnickschnack verzichtet.
markus.ich 17.10.2014
2.
in spätestens 15 jahren hat es sich fiananziell amortisiert, wenn man den "Wert" der Menschen einrechnet, die deshalb nicht im Verkehr umkamen viel früher....
farbraum 17.10.2014
3.
Schöner Artikel und traurig, dass in 10 Jahren sowohl London als auch Paris die Autohauptstadt München in Sachen Radlfreundlichkeit um Lichtjahre abgehängt haben werden. Dort wird ernsthaft über 600 Mio Projekte nachgedacht, während der Münchner Stadtrat es nichtmal schafft einen Radlweg an der brandgefährlichen Rosenheimer Straße zu beschließen. Ein Armutszeugnis was hier alles versäumt wird an Maßnahmen für eine zukunftsfähige und umweltfreundliche Verkehrsinfrastruktur!
Narn 17.10.2014
4.
Tolle Idee. Aber ne Mautgebühr? Die spinnen, die Briten!
Shivon 17.10.2014
5.
Besonders "Radautobahn" hat es mir angetan. Als ob auf der Brücke bei 12000 Pendler pro Tag, die ihr eigenes Verständnis von Geschwindigkeit haben, keinen Stau verursachen würden.
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