Luftgitarren-WM in Finnland: 60 Sekunden Macho

Von Oliver Lück

Sie lassen die Haare kreisen, schlagen Saltos, zertrümmern imaginäre Instrumente: Aus 19 Ländern reisen Teilnehmer zur diesjährigen Luftgitarren-Weltmeisterschaft in Finnland an, um mit ihrer 60-Sekunden-Show die Jury zu überzeugen. Bei so viel Körpereinsatz kommt es schon mal zu Verletzungen.

Finnland: Gipfeltreffen der Luftgitarren-Virtuosen Fotos
Oliver Lueck

Was es heißt, ein Star zu sein, erfährt Ochi Yosuke an diesem Tag in der Fußgängerzone von Oulu, einer Stadt mit 130.000 Menschen im Norden Finnlands. Drei junge Männer fallen vor dem Japaner auf die Knie. Sie lassen ihre Köpfe kreisen, so dass die langen Haare wild durcheinander fliegen. Sie rufen: "Er ist es! Der Einzigartige!"

Ochi Yosuke trägt eine gelb getönte Sonnenbrille, eine schwarze Hose und einen weißen Wollpullover, auf dem der Kopf eines brüllenden Tigers zu sehen ist. Einen Großteil seines Körpergewichts trägt er auf Bauchhöhe vor sich her. Er ist sehr klein, sehr rund und hat ein klasse Knautschgesicht, das es ihm ermöglicht, etwas zu sagen, ohne zu reden. Er legt einfach seine Stirn in Falten. Oder er grinst - so wie jetzt. Dann aber sagt er doch noch etwas, sein Blick wird ernst dabei: "Wir sind hier, um zu gewinnen."

Gemeinsam mit zwei Freunden ist der 37-Jährige von Tokio zur Luftgitarren-Weltmeisterschaft nach Oulu geflogen. Mit opulenten Posen so tun, als würde man Gitarre spielen - kaum einer kann das besser als Ochi Yosuke. Er ist der Luftgitarren-Weltmeister der Jahre 2006 und 2007, im vergangenen Jahr wurde er Sechster. Dieses Mal ist Yosuke nicht als Teilnehmer, sondern als Trainer des japanischen Meisters "Ichikawa the Rock" dabei.

Seit 1996 bereits wird die WM der Luftgitarristen unweit des Polarkreises ausgetragen. Ein passender Ort, denn Finnland ist bekannt für außergewöhnliche Weltmeisterschaften in merkwürdigen Disziplinen - sei es das Weitwerfen von Mobiltelefonen, das Wettrennen mit der eigenen Ehefrau auf dem Rücken oder die Kunst, ein imaginäres Instrument möglichst perfekt zu spielen. Das heißt, es so aussehen zu lassen, als hielte man eine Gitarre in den Händen. "Es ist lange Zeit sehr kalt und sehr dunkel hier bei uns, da kommt man auf komische Ideen", erinnert sich Jukka Takalo, einer der Initiatoren, an die Anfänge. "Natürlich war das alles ein großer Witz", gesteht er, "doch irgendwann fingen wir an, unsere Luftgitarren zu lieben, und das Event wurde größer und größer, internationaler."

"Ich kann keine Gitarre spielen"

In diesem Jahr sind die besten Solisten aus 19 Ländern angereist, darunter die Meister aus Australien, Südafrika, Kanada, Russland, Deutschland, Rumänien, Brasilien und den USA. 60 Sekunden werden sie am Freitag auf die Bühne treten, um die Jury mit Fingerfertigkeit, Charisma und der Originalität ihres Spiels zu überzeugen. Seinen Song darf jeder selber wählen. Erlaubt ist alles, nur das Instrument muss Illusion bleiben.

"Ich kann eh keine Gitarre spielen", sagt der Japaner Ichikawa und tippt sich an den Kopf, "aber hier oben sitzt ein kleiner Mann, der mir sagt, wie Luftgitarre funktioniert." In Tokio faltet er Kartons in einer Fabrik. 8000 Stück am Tag. 1000 Stück in der Stunde. "Da muss ich konzentriert sein und brauche flinke Hände", sagt er. Zu den Klängen einer japanischen Punkband wird er in Oulu seine Finger zu Krallen verkrampfen. Sein Körper wird wie ein Kreisel rotieren. Und schließlich wird er so tun, als zertrümmere er sein Instrument. Er gilt als Geheimtipp im Teilnehmerfeld.

Doch auch die Konkurrenten werden in diesem Jahr wieder einfallsreich sein. Sie werden in der Luft zupfen, reiben, reißen und schlagen. Der Kanadier wird Saltos schlagen. Der Russe will mit einer Blackmetal-Nummer glänzen. Und keiner wird krummere Finger machen als der wilde Franzose, der zudem ein wahres Sprungwunder sein soll.

"Du musst von dem überzeugt sein, was du da tust, sonst wirkt es schnell lächerlich", sagt der dreimalige deutsche Meister Christian Sweep aus Berlin, der bereits das vierte Mal in Oulu starten und mit einer luftigen Interpretation von "Smooth Criminal" von Alien Ant Farm antreten wird.

Eine andere Welt

Wenig verkopft geht der US-Champion Craig Billmeier die Sache an: "Wenn ich spiele, denke ich nicht, das passiert alles intuitiv." Er ist der amtierende Weltmeister und nach Nordfinnland gekommen, um seinen Titel zu verteidigen. Letztes Jahr zeigte der Toningenieur aus San Francisco vollen Körpereinsatz, zerschlug eine Flasche aus Kunstglas auf seinem Kopf, sprang von der Bühne ins Publikum und brach sich beim Spielen den Daumen. "Das ist eine andere Welt da oben", sagt der 35-Jährige, "du bist ein völlig anderer auf der Bühne. Für 60 Sekunden bist du arrogant, überheblich, ein Macho. Ein richtig gutes Gefühl."

Ochi Yosuke nickt, als er das hört. Und er spricht viel mit seinen Händen. Meist unterstützen seine Finger die gesprochenen Sätze mit kurzen schnellen Bewegungen, wuseln hektisch vor seinem gewaltigen Bauch. Er sagt: "Mein Traum war es, einmal der Beste in etwas zu sein." Also fuhr er vor drei Jahren zu den japanischen Meisterschaften. Er gewann souverän, flog zum ersten Mal nach Finnland und wurde prompt Weltmeister.

Als er auch das Jahr darauf in Oulu den Titel holte, kamen die ersten Werbeangebote. Für eine deutsche Firma sollte er in einem Spot Luftgitarre spielen und zwischendurch Kartoffelchips essen. "Die wollten aber nur sehr wenig zahlen", sagt Yosuke. Aus dem Engagement wurde nichts.

Seit er aber in einem Kinoclip die unsichtbaren Saiten zupft und die Besucher anschließend bittet, ihre Mobiltelefone auszuschalten, wird er häufiger auf den Straßen Tokios erkannt. Er muss Autogramme geben und in Fotohandys lächeln. Manchmal stellen sich wildfremde Menschen im Einkaufszentrum oder am Bahnhof einfach neben ihn und beginnen plötzlich wild mit den Armen zu zappeln. Sie wollen ihrem Idol zeigen, was sie können. "Luftgitarre spielen kann schließlich jeder", sagt Yosuke, "zumindest ein bisschen."

Ochi Yosuke hat das alles gespeichert, all diese kleinen Momente, in denen er für wenige Minuten ein Rockstar war. Augenblicke wie kurz nach seinem Auftritt im vergangenen Jahr, als er von einem jungen Finnen nach einem Autogramm gefragt wurde und mit einem imaginären Stift eine unsichtbare Widmung auf ein nicht vorhandenes Stück Papier schrieb und so tat, als puste er die Schrift trocken, damit das Geschriebene nicht verwischt. Der Fan verstand zunächst nicht recht. Als er dann aber das eingebildete Autogramm überreicht bekam, klarte sein Blick auf. "Ein echter Ochi", sagte er und zeigte das Nichts in den Händen stolz seinen Freunden.

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DPA / SPIEGEL ONLINE
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