Tourenski in Nordnorwegen Weit weit fjord

Polarlichter gucken im Winter, Skifahren noch im Frühling - alles möglich am nordnorwegischen Lyngenfjord. Was selbst erfahrene Tourengeher vor allem aber fasziniert: der weite Blick aufs Meer.

Stefan Herbke/SRT

Ein Schneesturm mit Eiskristallen wie Nadeln fegt über die Berge am Lyngenfjord. Im nächsten Augenblick taucht die Sonne die frisch verschneiten Hänge in grelles Licht, während über dem Meer schon die nächste dunkle Wolke heranzieht. Henrik Solberg kennt das launische Wetter hier in Nordnorwegen seit seiner Kindheit.

Der 33-Jährige ist in Manndalen südöstlich von Lyngseidet aufgewachsen. Seit drei Jahren führt er Tourengeher auf die Gipfel, die sich über dem Lyngenfjord erheben. So wechselhaft wie das Wetter ist auch der Schnee - Solberg kennt 104 verschiedene Ausdrücke für ihn. "Clay powder" nennt er etwa den zementartigen Schnee am Berg Storhaugen, gleich oberhalb von seinem Heimatort. Die Abfahrt führt hier im Slalom zwischen eng stehenden Zwergbirken hindurch.

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Nordnorwegen: Skifahren mit Meerblick

Seine Ausbildung zum "Artic Nature Guide" absolvierte Solberg in Svalbard auf Spitzbergen. Im Vergleich zu den einsamen Weiten dort sind selbst die Lyngenalpen dicht besiedelt. Und das obwohl Lyngseidet als einer der Hauptorte um den Lyngenfjord gerade einmal rund 800 Einwohner hat, von denen allerdings viele entlang der Küste in kleinen Häusern wohnen. Nur selten sind diese so schön bunt, wie es Postkartenmotive aus Norwegen suggerieren.

"Die Leute früher haben nicht viel gebraucht", sagt Solberg und blickt vom Storhaugen auf die weit verstreuten Häuser, die wie hingewürfelt erscheinen. "Sie haben sich überall niedergelassen, wo Platz für ein Haus und eine kleine Farm war - also genug Gras für eine Kuh, ein paar Schafe und Hühner."

Bei einer Pause serviert Solberg Hotdogs und getrocknetes Rentierfleisch. Schon bei der Abfahrt hatte er Zweige gesammelt. Mit der Birkenrinde, die ätherische Öle enthält und daher auch im feuchten Zustand brennt, entfacht er ein Lagerfeuer.

Vergletscherte Berge direkt am Meer

Eingerahmt vom Ullsfjord im Westen und dem Lyngenfjord im Osten erheben sich die Lyngenalpen. Rund um den Jiekkevárri, dem mit 1834 Metern höchsten Gipfel, ragen teils vergletscherte Berge - hier und da mit steilen Abbrüchen - direkt über dem Meer auf. Dazwischen erstrecken sich hindernislose, weite Hänge, die das Gebiet bei Skitourengehern besonders beliebt machen.

"Vor etwa 15 Jahren ging es los, da kamen die ersten ausländischen Bergführer mit ihren Gästen und haben Touren vom Boot aus durchgeführt", sagt Georg Sichelschmidt von der Touristeninformation Visit Lyngenfjord. Für die Einheimischen zuerst eher ein ungewohnter Anblick, waren sie selber früher höchstens mit Langlaufskiern unterwegs. "Mittlerweile ist die Skitourenzeit von März bis Mitte Mai absolute Hochsaison", sagt der Tourismus-Chef.

Der Storhaugen oberhalb von Manndalen zählt bei den Gästen eher zu den Geheimtipps. Die breiten Hänge des Berges bei Djupvik östlich des Lyngenfjords stehen hingegen auf dem Programm jeder Bergsteigerschule, die Skitouren in der Region anbieten. Viele Gipfel sind nur zwischen 1000 und 1200 Metern hoch. Doch die Touren starten auf Meereshöhe und sind variantenreich - und begeistern auch anspruchsvolle Skifahrer. So wie den Ötztaler Bergführer Paul Walser, der hier Urlaub macht.

Als Walser seine erste Tourenwoche in den Lyngenalpen plante, konzentrierte er sich eher auf schwieriger zu befahrene Gletschergipfel wie den Jiekkevárri. Doch die anfängliche Skepsis gegenüber den leichteren Klassikern war schnell vorbei.

"Gletscherberge habe ich auch in den Alpen", sagt Walser. "Außerdem sieht man von den höchsten Gipfeln gar nicht so gut aufs Meer - und dieser Blick macht doch den Reiz der Skitouren in den Lyngenalpen aus." Durch die vorgeschobene Lage der Hänge bei Djupvik kann man über den Fjord und auf die gegenüberliegenden Lyngenalpen schauen.

Nordlichter für die Touristen, Vogelgezwitscher für die Einheimischen

Ab Ende April ist es selbst abends noch hell genug, um zu einer Skitour, die auf 1200 Höhenmeter führt, zu starten. Das tägliche Zeitfenster wird nur durch die Wetterverhältnisse und die eigene Kondition begrenzt. Der Schnee ist kompakt und wird im Tagesverlauf nicht zwangsläufig schlechter.

"Du bist dann zum Sonnenuntergang am Gipfel", sagt Walser beim abendlichen Anstieg auf den Storgalten. "Doch das macht nichts aus, weil du immer noch genügend Licht hast zum Runterfahren." Vor der Abfahrt nimmt er sich die Zeit für einen Blick über den Fjord und die vorgelagerten Inseln auf die untergehende Sonne.

Was für Urlauber faszinierend ist, ist für Henrik Solberg alltäglich - ebenso wie die Nordlichter. Zahlreiche Besucher kommen im Hochwinter nach Nordnorwegen, um das Himmelsspektakel zu erleben. "Die Zahlen explodieren", sagt Sichelschmidt. Allein Tromsø habe im Januar 2017 ein Plus von 45 Prozent bei den ausländischen Gästen verbucht. Viele davon sind aus Japan, da junge Paare mit Kinderwunsch dem Polarlicht mythische Kräfte zuschreiben.

Mittlerweile kann auch Solberg die Faszination nachvollziehen, doch früher hat er über die Lichterscheinungen gar nicht nachgedacht - "die Nordlichter waren einfach da." Außergewöhnlich sind für ihn ganz andere Dinge: "Wenn nach zwei Monaten Dunkelheit Anfang Februar zum ersten Mal wieder die Sonne zu sehen ist. Oder wenn im April die ersten Vögel zurückkommen".

Stefan Herbke, srt/bbr

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