Frühlingsinsel Madeira soll grüner werden

Madeira protzt im Frühjahr mit einem Blütenmeer. Die Bergwelt jedoch ist karg und schroff. Die Insulaner wollen dies ändern - damit auch die Hänge der höchsten Gipfel bald lila leuchten.

Oliver Gerhard / SRT

"A trabalhar!" schallt eine Stimme - an die Arbeit! Es ist früher Samstagmorgen, doch der Gipfel des 1818 Meter hohen Pico do Arieiro, des dritthöchsten Bergs Madeiras, glüht schon. Rund 30 Männer, Frauen und Kinder schwärmen über die Hänge aus, der Jüngste ist vier, der Älteste 85 Jahre alt. Die ehrenamtlichen Helfer hacken Löcher in den steinigen Boden, pflanzen Setzlinge, umhegen sie mit Steinwällen, wässern sie.

"Wir machen das so lange, bis wir die Bergwüste in eine Oase verwandelt haben", sagt Raimundo Quintal, grauer Bart, dunkle Brille, Jeans. Der promovierte Geograf wirbelt hin und her, verteilt Ratschläge, packt mit an. Seit mehr als 20 Jahren kämpft er in der Vereinigung der "Freunde des ökologischen Parks Funchal" dafür, dass die Gipfelzone des Pico do Arieiro wieder grün wird.

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Portugiesische Insel: Grüner, bunter, Madeira

Mehr als 50.000 einheimische Bäume und Büsche haben sie bisher gepflanzt: Lorbeerbäume und Zedern-Wacholder, Baumheide, Strauchmargeriten und Madeira-Natternköpfe, deren Blüten die Berghänge jeden Frühling in ein sanftes Lila tauchen. "Hier oben arbeiten wir ohne Subventionen und ohne EU-Mittel", sagt Raimundo Quintal.

Der 63-Jährige ist der bekannteste Umweltschützer der Insel: Er hat Bücher über Madeiras Flora geschrieben, tritt regelmäßig im Fernsehen auf und war acht Jahre lang Umweltstadtrat der Hauptstadt Funchal - bis er entnervt über die Politik das Handtuch warf.

Schroffe Schluchten, glitzerndes Meer

Die karge Vegetation in Madeiras Bergwelt ist kein Phänomen der Neuzeit: Als portugiesische Seefahrer das damals unbewohnte Eiland 1419 in Besitz nahmen, war es von Urwald bedeckt - sie nannten es deshalb "Madeira", Holz. Und machten sich gleich ans Roden, um Felder anzulegen. Sieben Jahre lang soll die Insel der Legende nach gebrannt haben. Die härtesten Hölzer verwendeten die Kolonisten, um Schiffe und Häuser zu bauen.

Mittagspause! Das Küchenteam verteilt dicke Weißbrotscheiben mit Hartkäse und Marmelade aus den Uvas da Serra, Blaubeeren, die hier in bis zu vier Meter hohen Büschen wachsen. Nun haben die Helfer endlich auch Zeit für einen Blick auf das Panorama: die Felszacken der umliegenden Gipfel, die schroffen Schluchten, den glitzernden Ozean in der Ferne.

Raimundo Quintal fährt indessen talabwärts: in das andere, das grüne Madeira. In einem verschlafenen Dörfchen schlägt der Geograf einen Pfad zwischen Natursteinmauern ein. Auf schmalen Terrassen wachsen hier Süßkartoffeln und Bananen, wilder Knoblauch sprießt unter Weinreben.

Die weißen Blüten der weiß blühenden Sumpfpflanze Calla wuchern wie Unkraut am Wegesrand, dazwischen leuchten rote Chilischoten. Spinnennetze schimmern zwischen Mandarinen- und Olivenbäumen, es duftet nach Eukalyptusöl und verbranntem Holz.

"Mutter der Levadas"

Hier erstreckt sich die üppige Bilderbuchinsel, die sich mit Beinamen wie "Blume des Ozeans" und "Insel des ewigen Frühlings" schmückt. Während es im übrigen Europa noch kalt und grau ist, überzieht ein Blütenmeer hier schon die Natur.

Der Pfad taucht nun in den berühmten Lorbeer-Urwald ein. Wasser rieselt durch Moose und Farne. Es sammelt sich in Becken, plätschert in Bächen die Steilhänge hinab. Und tost in einem Wasserfall in ein grünes Amphitheater. Steinwälle fangen das Nass ein und dirigieren es in einen schmalen Kanal.

"Dies ist die Mutter der Levadas", sagt Quintal. Um den trockenen Süden Madeiras zu bewässern, legte man die "Levadas" genannten Kanäle an, die sich über mehr als 2000 Kilometer durch die Insel schlängeln.

"Levadeiros" kümmern sich darum, dass jeder Landwirt seinen Anteil an Wasser erhält. Neben dem Pastor und den Lehrern galten sie früher als die wichtigsten Männer im Ort. Heute müssen sie manchmal Wasserdieben ins Gewissen reden, die heimlich die Kanäle anzapfen.

Unterhalb des Waldes kleben Bauernhäuser an den Hängen, in ihren Vorgärten wetteifern Rosen, Lilien und Strelitzien im Farbspiel, abgefallene Azaleenblüten bilden einen rosa Teppich, der leise unter den Füßen knirscht. "Unsere Gärten sind unsere Visitenkarten", sagt Raimundo Quintal, "wir Madeirer hatten schon immer einen grünen Daumen."

Wenn er mit seiner Arbeit auf dem Pico do Arieiro fertig ist, wird auch die Bergwelt wieder blühen - ein weiterer Farbtupfer auf der Frühlingsinsel.

Oliver Gerhard ist Autor bei srt und wurde bei seinen Recherchen vom Fremdenverkehrsamt Madeira und der Quinta da Casa Branca unterstützt.

Oliver Gerhard, srt/abl

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hexenbesen.65 20.04.2018
1.
Madeira ist eine wunderschöne Insel. Wir waren mal (leider nur ) für einen Tag dort. Alleine die von Künstlern angemalten Haustüren..ein Traum ! (Damit haben sie wieder Touristen angelockt). Hoffentlich hat diese Aktion erfolg ! Und bitte, keine Massentouris-Hotels mehr. Macht nicht den Fehler wie Mallorca. Wenn es unsere Gesundheit zulässt, werden wir mal länger als nur einen Tag auf Madeira sein...Als wir dort waren (im Februar) blühte schon vieles--einfach nur ein Traum, soviele Farben !
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