Bunte Türen von Madeira: Kuss für die Kunst

Von Bernadette Olderdissen

Große Münder, kleine Gesichter und ein Feuerwerk aus Metall: Wer durch die Gassen von Funchal auf Madeira flaniert, sieht zahlreiche bunt gestaltete Türen. Ein Kunstprojekt soll die Altstadt nach und nach in ein Freilichtmuseum verwandeln - Urlauber dürfen mitmalen.

Türen von Funchal: Kunst am Haus Fotos
João Leça

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Rua Santa Maria, Nummer 39. Mit gerunzelten Stirnen steht ein englisches Ehepaar vor der Tür. "Für mich ist dies ein explodierender Planet", sagt der Mann, lächelt und berührt vorsichtig die metallenen Strahlen, die aus einer Art großem, umgedrehten Teller an der Tür sprudeln. Seine Frau fährt mit den Fingern das glatte, kühle Material hinab. "Es ist wie ein Silvesterfeuerwerk", stellt sie fest, "an den unteren Enden sprühen die letzten Funken."

Das Türblatt gehört zu einem Projekt, das seit 2011 heruntergekommene oder schmucklose Türen in der Altstadt von Funchal in Kunstwerke verwandelt. "artE de pOrtas abErtas", Kunst der offenen Türen, heißt es, erzählt Hernando Urrutia, der Urheber des Tür-Feuerwerks in der Hauptstadt von Madeira. "Wir wollen damit den Fassaden ein neues Aussehen geben und all denen, die hier leben, aber auch Besuchern, eine neue Wahrnehmung der Altstadt vermitteln."

Das englische Paar ist begeistert von den Verschönerungsmaßnahmen von Häusern, Restaurants und Geschäften. "Wir machen jedes Jahr Urlaub auf Madeira", erzählen sie. "Früher sind wir vor allem in die Altstadt gekommen, um in den verschiedenen Restaurants zu essen. Die Gebäude wirkten leider farblos und etwas verfallen. Jetzt ist alles anders." Der Gang durch die Gassen sei nun wie der Besuch eines Kunstmuseums - jedoch an der frischen Luft und gratis.

Öffentlicher Kuss

Wenige Türen weiter, an der Nummer 41, begrüßen unzählige lächelnde Gesichter die Passanten in der Rua Santa Maria. Die winzigen weißen Skulpturen stehen so dicht wie Köpfe von Konzertbesuchern. Auf einer der Türhälften glitzert ein kleiner viereckiger Spiegel in der Sonne. Wer davor stehen bleibt, sieht sich darin, mitten unter den detailliert geformten Gesichtern.

Die madeirische Künstlerin Patricia Sumares möchte den Betrachtern den Eindruck vermitteln, sich innerhalb des Hauses zu befinden. "Ich möchte die Straßen der Stadt etwas menschlicher machen, so dass viele Besucher Funchal wie ihr eigenes Zuhause empfinden, einen Ort, an dem sie sich wohlfühlen", erklärt die Bildhauerin aus Calheta. Hinter ihr amüsieren sich einige Kinder dabei, die Gesichter mit ihren Händen zu umschließen.

Romantisch präsentiert sich die Tür Nummer vier in der Rua dos Barreiros, einer Nebenstraße der Rua Santa Maria. Vor einem rosafarbenen Hintergrund küsst ein junger Mann eine Frau mit langen schwarzen Haaren, die er eng umschlungen hält. Lachend nimmt die Malerin Fatima Spinola die Position der Frau ein und erzählt, dass sie sich selbst mit ihrem Freund porträtiert hat. "Diese einfache Tür, durch die nie jemand hinein oder hinaus geht, hat mich inspiriert. Dahinter befindet sich nur Gas."

Ihr Werk trage den Namen "Jenseits des glücklichen Endes", sagt die 28-Jährige. "Das Bild schlägt eine Brücke zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre. Es spricht von Ankunft und Abschied, von flüchtigen Küssen, öffentlich oder verborgen. Vor allem aber ist es ein Zeichen dafür, dass die Liebe existiert - egal, welches Ende sie auch erwartet."

Kultur- und Straßenfete in Funchal

Andere Türen wiederum präsentieren die Schönheit Funchals und Madeiras wie eine Ansichtskarte. "Ich habe für die Tür Nummer 127 das Motiv der Forte de São Tiago gewählt", sagt der junge Carlos Sousa. Die Festung sei eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Funchals. Er erinnert sich an die zwei Nachmittage, an denen er die Tür bei etlichen Bieren bemalte und dabei mit vielen Touristen plauderte, die sich für seine Arbeit interessierten.

"Ich habe dabei auch João Carlos Abreu persönlich kennengelernt, er hat meine Arbeit sehr geschätzt", erzählt Sousa. Abreu, der ehemalige Regionalsekretär für Tourismus auf Madeira, habe das Projekt der offenen Türen Ende 2010 begonnen, gemeinsam mit einem spanischen Künstler namens José Maria Montero, der viele Künstler kontaktiert und für das Projekt gewonnen hat.

So viel Arbeit will auch bewundert werden, und die Insulaner lieben es, ihre Kultur zu feiern, am besten im Frühling auf der Straße. "Wir haben eine Leidenschaft für Feste im Freien", erzählt Ligia Pinto, Empfangsdame des Hotels Residencial da Mariazinha an der Rua Santa Maria. Ende Mai findet das Fest der Kulturen statt, bei dem das Interesse der Einheimischen und Touristen am Kulturschatz Madeiras geweckt werden soll. Dieses Jahr ist das Thema vor allem die neue Straßenkultur.

Ein Eingang wie ein Bücherregal

"Was die Künstler gemeinsam in so kurzer Zeit geleistet haben, ist unglaublich", sagt Pinto. Bis zum 3. Juni werden noch die Festas da Sé gefeiert, ein typisches Straßenfest. Dabei können alle Besucher in den Restaurants der Altstadt heimische Spezialitäten und Wein probieren. Die Straßen werden zu dem Anlass geschmückt, und Blaskapellen spielen in der Altstadt auf.

Künstler, Hoteliers und die Stadt hoffen jedoch, dass die nun farbenfrohen Straßen das ganze Jahr über mehr Besucher anlocken werden. "Aber es gibt noch immer viel Arbeit", sagt Pinto. "Noch sind nicht alle Türen bemalt. Wenn Sie möchten, können auch Sie eine Tür gestalten! Sprechen Sie mit Herrn Abreu, er hat eine Bar hier in der Rua Santa Maria."

Zwar weiß sie den Namen der Bar nicht, doch verfehlen könne man sie nicht: Der Türeingang sei ihrer Meinung nach der schönste von allen, gestaltet wie ein Bücherregal. "Man steht davor und fühlt sich zuhause - und das ist letzten Endes der Sinn unseres Projektes."

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insgesamt 2 Beiträge
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1. optional
denkmal! 30.05.2012
"...Patricia Sumares will mit ihrem Kunstwerk die Straßen menschlicher machen." Schade dass dies nur so Wenige wollen!
2. Madeiras Türen
mokzo 12.11.2013
Sehr interessante Kunstwerke, hier findet ihr weitere Impressionen http://artonpicture.de/kalender-2014/
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