Málaga in Spanien Touristen in der eigenen Stadt

Hohe Schulden und kaum Arbeit: Auch im spanischen Málaga leiden die Einwohner unter der Wirtschaftskrise. Dem Tourismus in der andalusischen Stadt tut das keinen Abbruch - und selbst für die Einheimischen gibt es noch immer viel zu entdecken.

Franz M. Rohm

Vom kleinen Platz an der Ecke Puerta del Mar und Herrería del Rey in der Altstadt von Málaga ist der transparent-blaue Himmel zu sehen. Die Temperaturen sind auch im Spätherbst mild, viele Touristen und Einheimische wandeln in der Altstadt mit den schmuck restaurierten Kolonialstil-Fassaden der Jahrhundertwende durch die engen Gassen und genießen die Ruhe und den Müßiggang.

In dem Traditions-Frühstückslokal Casa Aranda sitzt man auf quietschenden Aluminiumstühlen und isst süße Churros aus einem Teig, der in heißem Fett ausgebacken wird. 45 Cent kostet das Stück, man tunkt es in dicke, herbe Trinkschokolade und trinkt dazu einen kleinen starken Milchkaffee, den Cortado.

"Wenn man hier sitzt, denkt man, es gäbe keine Krise", sagt Margarita Gimenez. Alle Terrassen-Plätze sind besetzt, fünf Kellner flitzen von Tisch zu Tisch, bringen Gebäck und Kaffee. "Man muss genauer hinsehen", sagt die 62-Jährige, die in Málaga geboren ist. Mehr Losverkäufer als früher seien unterwegs, auffallend viele Mittzwanziger, die nichts zu tun haben, und Bettler. Manche erklären auf einem Karton mit umständlichen Worten ihre Misere, andere schreiben nur zwei Worte: "Habe Hunger."

"Die Älteren arbeiten, die Jüngeren nicht", erklärt Margarita. Ihre beiden Kinder leben noch zu Hause, die 27-jährige Tochter hat Englisch auf Lehramt studiert, und findet keine Anstellung, der 25-jährige Sohn macht Fortbildungen für Stellen, die es kurz danach nicht mehr gibt. "Diese Generation wird den Boomjahren geopfert." Margarita weiß auch, dass ohne den Bauboom und die Tourismusmillionen die Stadt den Wandel vom verkehrsinfarktbedrohten Moloch zur Metropole der Costa del Sol mit einer Verdopplung der Einwohner auf 700.000 nicht geschafft hätte.

"Es war wie Monopoly"

Margarita berichtet davon, wie die Stadt als Drehkreuz für den Massentourismus der Costa del Sol in den neunziger Jahren systematisch herausgeputzt wurde. Die verfallene Innenstadt, deren Grundmauern auf Phönizier, Römer und Mauren zurückgehen, mit Dutzenden kleiner Gassen, Plätze und Straßen wurde Haus für Haus renoviert und saniert. Viel Geld brachten die Touristen seit den achtziger Jahren in die Stadt mit der gewaltigen, eintürmigen Kathedrale. Im vergangenen Jahr wurden mehr als neun Millionen Besucher gezählt, eine Steigerung von mehr als drei Prozent.

Seit den neunziger Jahren sorgten Bauboom und Immobilienspekulation für eine beispiellose Goldgräberstimmung. Die Quadratmeterpreise für Eigentumswohnungen stiegen und stiegen. 2007, kurz vor dem Platzen der Immobilienblase, lagen sie im Zentrum bei 7000 bis 10.000 Euro. "Jeder kaufte Wohnungen, es war wie Monopoly."

Viele von Margaritas Bekannten gaben ihre Arbeit auf und begannen Jobs im Wohnungsbau, wo sie das Doppelte wie vorher verdienten. "Jetzt sind sie arbeitslos, können die Raten für ihre Wohnungen nicht bezahlen und werden zwangsgeräumt. Es ist ein Drama", erzählt sie. Noch immer seien die Preise für Wohnraum viel zu hoch. "Es wird noch mehr Tränen geben", ist Margarita sicher.

In ihrer Freizeit versucht Margarita, der Krise Positives abzugewinnen: Sie unternimmt mit ihren Kindern, die nun mehr Zeit als vorher haben, Ausflüge in die Stadt. "Wir besichtigen Málaga wie Touristen", sagt sie, "die Kinder informieren sich und führen mich dann." Zum Beispiel in das im vergangenen März eröffnete Museum Carmen Thyssen, das in einem restaurierten Renaissance-Palast und in einem modernen Erweiterungsneubau hochkarätige spanische Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts vereint.

Ausländische Touristen halten die Stadt am Leben

Zehn Fußminuten entfernt befindet sich das Picasso-Museum. Der Jahrhundertkünstler wurde 1881 in Málaga geboren, auch sein Geburtshaus ist inzwischen zu besichtigen. Zweimal pro Woche begleiten die Kinder die Mutter zum Einkauf in den vor eineinhalb Jahren restaurierten Zentralmarkt im Jugendstil, dessen Besuch in jedem Stadtführer zu den touristischen Höhepunkten gehört.

Mittag essen sie günstig im Restaurant El Chinitas, wo man lokale Spezialitäten wie Cazuela de Fideos, sämige Meeresfrüchtesuppe mit Nudeln, serviert, und klassische Tapas wie gegrillte Boquerones, Sardinen, Meeresfrüchte und preiswerte Fischgerichte. "Zum Glück haben wir noch immer so viele ausländische Touristen", sagt Chef Angel Sanchez Rosso, der das vor 27 eröffnete Lokal mit seinem Vater betreibt. Noch traditioneller ist die Antigua Casa de la Guardia, in der preiswerte Málagaweine aus dem Fass und kleine Tapas angeboten werden.

Auch für die Historie der Stadt interessiert Margarita ihre Kinder. Bei vielen Neubauten in der Altstadt wurden Reste der römischen und arabischen Schutzmauern, Stadttore und unterirdische Lagerhallen entdeckt. Die wichtigsten Funde wurden konserviert. Besichtigen kann man sie zum Beispiel im Keller des Luxushotels Vincci Selección Posada del Patio, fünf Fußminuten vom Zentralmarkt entfernt. Reste des römischen Amphitheaters finden sich am Fuß der beeindruckend restaurierten, mächtigen Alcazaba, dem Verwaltungskomplex der Mauren, der von den Einwohnern Málagas "Kleine Alhambra" genannt wird.

Margaritas Sohn töpfert im besetzten Kulturzentrum "La Casa Invisible" und hofft, dass der kreative Freiraum nicht neuen Bauprojekten weichen muss. Nach Sonnenuntergang füllen sich die Gassen der Altstadt mit Malageños und Urlaubern, die in einem der vielen neuen Lokale speisen, deren Angebot von traditionellen Tapas bis zur Avantgarde-Küche reicht. "Wir versuchen, nicht dauernd an die Krise zu denken und lenken uns ab, indem wir gemeinsam die Stadt neu entdecken", sagt Margarita Gimenéz, "als Touristen in der eigenen Stadt."

Weitere Informationen
Allgemeine Informationen
Spanisches Fremdenverkehrsamt Berlin, Lietzenburger Straße 99, Tel. 030 8826543, www.spain.info
Anreise
Flüge von allen größeren deutschen Flughäfen
Unterkunft
www.visitacostadelsol.com bietet zahlreiche Unterkünfte in Málaga, das Hotel Málaga Centro, Calle Marmoles 6, Buchung per Internet ab 60 Euro pro Person im Doppelzimmer, www.malagacentrohotel.com
Essen + Trinken
Casa Aranda, Herrería del Rey 3, tägl. 8-13 und 17-21 Uhr, Tel. 0034/95/2222812, www.casa-aranda.net
El Chinitas, Calle de Moreno Monroy 4, Tel. 0034/95/2210972, tägl. 13-16 und 20-24 Uhr, www.elchinitas.com
La Antigua Casa de Guardia, Alameda Principal 18, Tel. 0034/95/2214680, tägl. 9-22 Uhr, www.antiguacasadeguardia.net
Sehenswertes
Museo Carmen Thyssen, Plaza Carmen Thyssen/Calle Compania 10, Di-So 10-20 Uhr, www.carmenthyssenmalaga.org
Museo Picasso, Museo Picasso de Málaga Calle San Agustín, Tel. 952 12 76 00, Di-Do + So 10-20, Fr+Sa 10-21 Uhr, www.museopicassomalaga.org

Franz Michael Rohm, SRT



insgesamt 10 Beiträge
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derletztdemokrat 11.10.2012
1. Drogenkranke
habe mir die Fotos angeschaut. Entweder sind die Fotos uralt, weil noch Raucher in der Bar zu sehen sind, oder es hat sich wieder geändert. Aber wer noch Kohle für Zigarettendrogen hat dem geht es noch zu gut scheinbar. Wann verschwinden diese ewigen stinkenden Belästiger aus der Öffentlichkeit?
treppenlaeufer 11.10.2012
2. Zweimal Auto aufgebrochen
Andalusien ist der einzige Ort, wo ich (als vorsichtiger Vielreisender) bisher Opfer von Kriminalitaet wurde - gleich zweimal dann auch noch. Einmal das Auto in einer belebten Strasse am helligten Tage fuer 90min geparkt, komme zurueck, Scheibe eingeschlagen und Jacken weg (sonst war nicht im Auto, die Jacken waren auch nichts besonderes, hofften wohl auf Geld darin oder so). Beim zweiten Besuch wieder Auto tagsueber abgestellt, wieder Scheibe eingeschlagen. Aegerlicherweise meine Brille (kein Designerstueck) geklaut, sonst war nichts drin (Handschuhfach extra offen gelassen, keine Kofferraumabdeckung, so dass man sah, dass da nichts im Auto war). Das war's fuer mich und Andalusien, besonders Malaga.
fuengirolo 11.10.2012
3. mal wieder typisch....
Schön das einem außer den lästigen Rauchern und den Kriminellen nichts zu dem Thema Malaga einfällt....
dranier 11.10.2012
4. Ein schönes Bild
Ein schönes Bild, was hier gezeichnet wird. Leider bezieht sich das Bild nur auf die sicherlich herausgeputzte Innenstadt. Fährt man vom Flughafen in die Innenstadt ergibt sich ganz schnell ein anderes Bild. Ein Bild voller Armut und Depression. Über dem Paseo Maritiomo dann das Bild von Reichtum und Luxus. Malaga ist halt sehr unterschiedlich. @ Beitrag 1. Was soll hier ein Kommentar zur Suchterkrankung Nikotin? Ist wohl eher fehl am Platz. Militante Nichtraucher oder Exuser können sich besser wo anders austoben. @ Beitrag 2: Ich lebe seit nun 8 Jahren auch in Andalusien und mir ist noch nichts gestohlen worden. Ich fühle mich hier genauso sicher, wie in jeder deutschen Stadt. Viele Grüße aus dem sonnigen Andaluzia
mark e. ting 12.10.2012
5. hmm
Ja die Innenstadt von Malaga ist sehr schön gemacht, auch der neue Hafen ist gut geworden. Drum herum ist es aber ziemlich schäbig. Bei dem Satz "5 Kellner flitzen um die Tische" kann ich mir ein Lachen nicht verkneifen. Ja tatsächlich arbeiten meist mehr Bedienungen in den Cafes, Bars und Restaurant, als Gäste da sind. Aber von rumflitzen kann keine Rede sein. Die stehen lieber alle zusammen hinterm Tresen und telefonieren oder tauschen Klingeltöne aus oder versuchen krampfhaft einen Gast anderweitig zu ignoroieren. Schon komisch dieses Gehabe, denn so viele Menschen sind arbeitslos und jammern rum, aber die wenigen, die Arbeit haben, nehmen die absolut nicht ernst. Eigentlich müssten die sich voll reinhängen, da mindestens 100 Leute auf der Strasse Schlange stehen, um demn Job zu übernehmen. Warum also passiert es so häufig, dass man sich hier einfach nur ärgern muss? Das mag mehrere Ursachen haben: 1. sind die Andalusier meistens (nicht alle) ziemlich faule Menschen. 2. haben sie nie gelernt was Service bedeutet. Zudem sind sie nicht an Trinkgeld gewohnt (Spanier hier zahlen normal kein Trinkgeld oder nur wenioge Cent), also sind sie nicht von gutem Service abhängig. 3. sind die Andalusier meist (nicht alle) ziemlich arrogant und vor allem ignorant. Gepaart mit der Faulheit ist das eine fatale Kombination. Mich wundert es also nicht, dass hier nichts vorwärts geht. Nur will mir nicht in den Kopf, dass die wenigen, die einen Job haben, den nicht besser machen, um den auch zu behalten. Aber anscheinend interessiert das ja auch die Arbeitgeber nicht. Das werden sie schon noch lernen, wenn hier in Spanien bald wirklich alles den Bach runter geht, die Lichter ausgehen und kein Geld mehr da ist, da bin ich mir sicher.
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