Müllimport auf Mallorca: "Das ist ein Anschlag auf die Insel"

800 Kilo Müll pro Kopf und Jahr: Auf Mallorca häuft sich so viel Unrat wie an kaum einem anderen Ort in Europa. Doch das reicht der Inselregierung nicht. Sie kauft nun zusätzlichen Abfall an und verbrennt ihn bei Palma de Mallorca - ein offenbar lukratives Geschäft. Anwohner und Umweltschützer laufen Sturm.

Proteste auf den Balearen: Mallorca startet Müllimport Fotos
REUTERS

Madrid/Palma de Mallorca - Mallorca ächzt seit Jahren unter dem Massentourismus. Nun wird die spanische Ferieninsel weiteren Umweltbelastungen ausgesetzt: Die Regierung importiert seit Freitag fremden Abfall, um die riesige, hochmoderne Müllverbrennungsanlage Son Reus besser auszulasten.

Einheimische und Umweltschützer sind empört. Bei einer Protestveranstaltung setzten sich Aktivisten Atemschutzmasken auf, um vor den Folgen des umstrittenen Müllprojekts zu warnen. Gebracht haben diese Kundgebung und viele andere Aktionen zuvor - vorerst zumindest - kaum etwas.

"Die Euro-Scheiße ist schon hier. Wir wollen nicht zur Mistgrube Europas werden", war auf einem Plakat zu lesen, mit dem Demonstranten am Freitag vor der Anlage protestierten. Am Wochenende forderten die oppositionelle Linkskoalition PSM-IV-ExM und die Umweltschutzgruppe Gob den Rücktritt von Umweltsekretärin Catalina Soler. Mallorca werde nicht nur einen Imageschaden mit negativen Folgen für Tourismus und Wirtschaft erleiden. Die Gegner des Projekts - zu denen besorgte Anwohner, Hoteliers und sogar Rentnerverbände gehören - warnen zudem vor ernsten Gefahren für die öffentliche Gesundheit.

700 bis 800 Kilo Müll pro Kopf und Jahr

Die auf den Balearen regierende konservative Volkspartei PP und der Betreiber der Müllverbrennungsanlage, das Unternehmen Tirme, erklären derweil, man importiere nicht "stinkenden Müll", sondern Brennstoff, mit dem man 34 Millionen Kilowattstunden Strom produzieren werde. Das entspreche dem Verbrauch von 6870 Haushalten auf Mallorca.

Die Menge der auf den Balearen erzeugten erneuerbaren Energie werde um 7,45 Prozent zunehmen, der Ausstoß von Kohlendioxid werde sich um 44.300 Tonnen verringern, heißt es. Zudem werde man eine Erhöhung der Müllgebühren vermeiden und im Euro-Krisenland Arbeitsplätze schaffen.

Wichtig für die Betreiber der Müllverbrennungsanlage: Der Profit soll mindestens 1,7 Millionen Euro pro Jahr betragen. Gegner behaupten, bei der Entscheidung der Behörden zugunsten des Vorhabens habe nur das eine Rolle gespielt. Obwohl auf Mallorca mit 700 bis 800 Kilo pro Kopf und Jahr so viel Abfall produziert wird wie kaum sonstwo in Europa und die Recyclingquoten sehr niedrig sind, war die erst 2007 erweiterte Anlage zuletzt mit einer Verbrennungsmenge von 400.000 Tonnen im Jahr nicht einmal in der Hochsaison ausgelastet. Den Rest des Jahres ist sie erst recht nicht rentabel.

"Supermacht in Sachen Mülltourismus"

Müllimport ist in den vergangenen Jahren zu einem der lukrativsten Geschäfte geworden. Auch Deutschland importiert Abfall. In Urlaubs- und Naturparadiesen wie Mallorca ist das aber eher selten. Auf der Baleareninsel begann das Projekt mit einem Probelauf. Zunächst trafen am Freitag auf einer Fähre 140 Tonnen Müll aus dem katalanischen Sabadell ein. Laut der "Mallorca Zeitung" wurde der Müll in Barcelona auf Lastwagen geladen und per Fähre nach Palma de Mallorca verschifft. Von dort fuhren die Fahrzeuge zur nur knapp zehn Kilometer nördlich der Stadt liegenden Verbrennungsanlage.

In den kommenden Wochen solle anhand von insgesamt 1000 Tonnen Müll geprüft werden, ob die Qualität des Brennstoffs auch in der Praxis zufriedenstellende Ergebnisse liefert, heiß es in dem Bericht. Weitere 40.000 Tonnen könnten dann aus der Anlage in Sabadell nach Mallorca geliefert werden.

Nach einer mehrwöchigen Testphase sollen bis zu 100.000 Tonnen pro Jahr, möglichst bald auch doppelt so viel, importiert werden. Eventuell auch aus anderen Ländern Europas. Gespräche mit Italienern scheiterten aber, weil die Geschäftspartner angeblich Mafia-Verbindungen hatten.

"Bis jetzt ist alles phantastisch gelaufen, ein Teil des Mülls ist schon verbrannt", wurden Sprecher der Firma Tirme am Wochenende von spanischen Medien zitiert. Die Gegenseite sieht das ganz anders. Das Abfallgesetz der Insel, auf der 800.000 Einwohner ständig leben und jährlich zwölf Millionen Menschen ihren Urlaub verbringen, verbiete den Müllimport ausdrücklich. Das Projekt sei ordnungswidrig, meint PSM-IV-ExM-Sprecherin Magdalena Palou. "Das ist ein Anschlag auf die Insel." Mallorca werde so zur Supermacht in Sachen Mülltourismus.

Das ganze Thema treibt einem Restaurantbesitzer in Palma de Mallorca Sorgenfalten auf die Stirn. "Mit der Krise haben wir doch schon genug. Wenn jetzt ihr von der Presse über den Müllimport schreibt, können wir nächsten Sommer einpacken." Noch besorgniserregender sind die Worte von Gob-Umweltschützerin Margalida Ramis und von Jaume Bonet, Sprecher des Mallorquiner Rentnerverbands. Beide wiesen am Freitag auf Regierungsstudien hin, wonach die Zahl der Krebsfälle in Wohngebieten nahe der Müllverbrennungsanlage zugenommen habe.

jus/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. das
martin-z. 14.01.2013
macht doch keinen unterschied ob der müll auf dem festland oder auf mallorca verbrannt wird. wo ist das problem?
2. Müllverbrennung auf Spanisch ;-)
Niamey 14.01.2013
Zitat von sysopDPA800 Kilo Müll pro Kopf und Jahr: Auf Mallorca häuft sich so viel Unrat wie an kaum einem anderen Ort in Europa. Doch das reicht der Inselregierung nicht. Sie kauft nun zusätzlichen Abfall an und verbrennt ihn bei Palma - ein offenbar lukratives Geschäft. Anwohner und Umweltschützer laufen Sturm. http://www.spiegel.de/reise/europa/mallorca-startet-muellimport-einwohner-und-umweltschuetzer-protestieren-a-877327.html
Ne, mal im Ernst jetzt: Die Spanier lassen Müll hunderet von Kilometern durch die Gegend transportieren um ihre moderne Müllverbrennungsanlage auf Mallorca auszulasten. Wer hätte das gedacht, das sie es den Deutschen nachmachen werden. Nun ja, als quasi 17. Bundeland mit guten Connections nach D, ist das auch kaum verwunderlich. Das klingt mir auch fast wie die italienische Müllmafia und die korrupten Kollegen aus Griechenland. Es gibt nichts, was an spniens Küsten und auf den Inseln nicht mit Korruption zu tun hätte. Ganze Lokalregierungen sind in den letzten 30 Jahren dort als korrupt verurteilt worden. EU Milliarden sind dort in schwarzen Löchern versickert und keiner hat sich auch nur einen Teufel darum geschert. Eventuell ist die Anlage noch aus dem EU Topf bezahlt und dann privatisiert worden. Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor????
3. Erneuerbar?
travelfox42 14.01.2013
Zitat: "Die Menge der auf den Balearen erzeugten erneuerbaren Energie werde um 7,45 Prozent zunehmen, der Ausstoß von Kohlendioxid werde sich um 44.300 Tonnen verringern, heißt es." Zählt Müll jetzt zu den "erneuerbaren" Energien? Obwohl, Müll ist wirklich erneuerbar, er entsteht immer wieder neu. :-) Aber das Verbrennen von Müll erzeugt doch auch CO2 oder wird da jetzt hier rausgerechnet? Strange....
4. Stimmt.
prontissimo 14.01.2013
Zitat von martin-z.macht doch keinen unterschied ob der müll auf dem festland oder auf mallorca verbrannt wird. wo ist das problem?
Nicht der Ort der Verbrennung ist das Problem, die Erzeugung des Mülls ist das Problem. Alles doppelt und 3-fach verpackt, Plastik for ever. Dann Größenwahn von Politikern, Müllverbrennungsnalagen völlig irrwitziger Dimensionen ( Siehe Trienekens Köln und Co. ) Der Mensch ist das Problem.
5. Hochmoderne Anlage
Dr.W.Drews 14.01.2013
Wenn es sich tatsächlich um eine hochmoderne Anlage handelt gehe ich davon aus, daß hier keine unnötigen Giftstoffe freigesetzt werden. Hochmoderne Verbrennungsanlagen sind umweltfreundlich und die thermische Verwertung von Müll ist ökologisch sinnvoll. Es wäreallerdings zu prüfen ob diese Anlage tatsächlich höchste Anforderungen erfüllt. Wenn dem so ist ist es egal ob die Anlage auf Mallorca oder einem anderen sensiblen Gebiet steht. Was wären denn die Alternativen für die Stromerzeugung dort?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Mallorca
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 23 Kommentare

Bevölkerung: 46,196 Mio.

Fläche: 505.988 km²

Hauptstadt: Madrid

Staatsoberhaupt:
König Felipe VI.

Regierungschef: Mariano Rajoy

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Spanien-Reiseseite


Forum
Getty Images
Mallorca für alle: Abseits von Ballermann und Co. zeigt die Baleareninsel erst ihre wahre Schönheit. Sind auch Sie ein Insel-Fan? Welche Tipps haben Sie?