Küstenjobs auf Mallorca: Die Sonnenmänner

Von Helge Sobik

Der eine fischt Goldmakrelen an der Ostküste, der andere war Leuchtturmwärter in Mallorcas Westen. Der eine sieht die Sonne jeden Tag als Erster, der andere sieht sie als Letzter. Zwei Männer, zwei besondere Jobs - tauschen wollen sie auf keinen Fall.

Küstenzauber: Mallorca von Ost nach West Fotos
Helge Sobik

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Sie kennen einander nicht: nie gesehen, kein einziges Mal über den Weg gelaufen. Sie wohnen zu weit auseinander, führen Leben voller Gegensätze. Der eine ist durchtrainiert, ein Schrank mit schulterlangen blonden Haaren, ein Sonnyboy von Mitte 40. Der andere ist grauhaarig, hager, vergeistigt, trägt einen grauen Pullover über dem Karohemd, dazu eine dünne Strickjacke - Typ Philosophielehrer. Anfang 60 ist er.

Zwischen den beiden liegt alles, was auf Mallorca an einem Tag geschehen kann: von Ferienflirt bis Feierabendbier, von Urlaubsliebe bis Ehekrach, von Träumen bis Fluchen. Von Ankunft bis Abreise.

Denn der eine ist der Mann, der die Sonne jeden Morgen als Erster im äußersten Insel-Osten vor Cala Rajada aus dem Meer aufsteigen sieht. Die anderen Fischer spotten manchmal über ihn, weil er diese Uhrzeit liebt und immer als erster noch knapp bei Dunkelheit ablegt. Er hat seine Gründe: "Weil der Sonnenaufgang totaler Friede ist und in großer Stille geschieht. Es ist ein großartiges Gefühl, ihn hier jeden Tag aufs Neue zu erleben", sagt Joan Fuster und fährt sich ein wenig verlegen durch den blonden Vier-Tage-Bart.

Der andere war bis vor kurzem der Leuchtturmwärter von Port d'Andratx im äußersten Inselwesten - zuständig für die teils unbemannten Türme an den Küsten des Tramuntana-Gebirges, für Leuchtbojen vor der Steilküste, für Lichtsignale auf den Klippen. Er war der Mann, der die Sonne auf Mallorca als letzter untergehen sah. Jetzt sind all diese Feuer automatisiert, ein Leuchtturmwärter wird hier nicht mehr gebraucht.

Aber Bernat Reus hat noch die Schlüssel - und schaut ab und zu ganz privat an den alten Arbeitsstätten vorbei. Im richtigen Moment natürlich. Weil der Sonnenuntergang so schön ist und er sich davon nicht trennen kann. Vor allem nahe von Sa Mola, am westlichsten Leuchtfeuer der Insel.

Yachthäfen, Ferienhotels, Bauernhäuser

Zwischen diesen beiden Männern liegt alles, was Mallorca ausmacht - geografisch der zersiedelte Osten, die beiden Großstädte Manacor und Palma, die Oliven- und Mandelhaine der Gegend von Felanitx und Llucmajor, Berge und Yachthäfen, Ferienhotels und Bauernhäuser, viele Villen und ein paar einfache Schäferkaten. Zeitlich liegt ein Urlaubstag mit allen seinen Möglichkeiten zwischen Joan und Bernat. Ganz nach Geschmack, nach Wunsch, nach Fügung.

Die beiden bekommen wenig davon mit, interessieren sich nicht mal dafür. Ihnen sind die Urlauber willkommen, aber deren Alltag überschneidet sich nicht mit ihrem. Sie begegnen sich allenfalls von Weitem. Die Fremden essen den einen oder anderen Fisch, den Fuster gefangen hat. Ihre Kreuzfahrtschiffe navigieren mit Hilfe der Türme, die Bernat Reus gewartet hat.

Ein bisschen sind die Leben der beiden Männer Beweis dafür, dass diese Insel nicht nur den Tourismus kennt. Mallorca ist größer als diejenigen ahnen, die noch nie dort waren - und bietet aller Bauwut, allem Fremdenverkehrsboom zum Trotz noch immer Freiraum für den ganz normalen Inselalltag. Es mag Siedlungen vom Reißbrett geben - aber nicht Leben, die in Schablonen passen.

Vom Lehrertraum zum Leuchtturmwärter

Bernat Reus zum Beispiel verschlug es nur durch Zufall in diesen Job, den loszulassen ihm so schwer fällt. In seinem eigentlichen Beruf wurde seinerzeit Ende der sechziger Jahre in Spanien kaum noch einer eingestellt, und viele Studenten mussten umschulen, kaum dass sie ihr Diplom in den Händen hielten. Reus hatte Geschichte studiert, drüben auf dem Festland in Katalonien, wollte Lehrer werden wie seine Frau. Stattdessen wurden beide in Lehrgängen zu Leuchtturmwärtern ausgebildet und sind seit 1968 verbeamtet.

"Ach", fasst Reus den Beruf zusammen, der für ihn mal nur zweite Wahl gewesen war und dann doch zur Lebensaufgabe wurde: "Der Reiz liegt darin, dass der Leuchtturmwärter-Job eigentlich viel weniger eine Arbeit und viel mehr eine Lebensweise ist. Alle müssen an einem Strang ziehen, es gibt viel Freizeit und keinen festen Zeitplan. Gearbeitet werden muss zu jeder Tages- und Nachtzeit immer sofort - aber nur dann, wenn etwas kaputt gegangen ist. Es gibt wenig Geld dafür, aber viel Wohlgefühl und schließt die ganze Familie ein." Er hat all das schätzen gelernt. "Jeder Moment", sagt er heute, "ist unfassbar schön, wenn man aufs Meer hinausschauen kann - und der Sonne beim Versinken zusieht."

Ob er dann manchmal daran gedacht hat, dass weit in seinem Rücken bereits die Lichter der Kneipen an der Bucht von Palma angegangen sind, die Musik aus den Boxen bis auf die Straße dudelt und die ersten drinnen zu tanzen beginnen? Hat er nicht. Nicht hier, nicht in diesem Beruf, nicht bei dieser Aussicht. Genauso wenig wie an das, was geradeaus in Blickrichtung hinter dem Meer irgendwann kommt und doch für ihn unsichtbar ist. "Du lernst als Leuchtturmwärter, von allem in einer ungeahnten Weise loszulassen", philosophiert er und zupft die Strickjacke zurecht, "das können sich viele gar nicht vorstellen."

Und dann gibt er zu, dass er das Berufsleben seiner Zunft seit der Pensionierung nur in Rosa-Rot ausmalt. Und dass es auch ganz andere Facetten gehabt hat, wenn etwa bei Sturm das Licht ausfiel, und er ganz nach oben auf den Turm oder zu einer Leuchtboje hinausfahren musste, und alles - so schnell es geht - improvisieren und wieder zum Laufen bringen musste, damit kein Schiff auf die Klippen fehlgeleitet würde, nur weil eine Glühbirne ihren Geist aufgegeben hat.

Als seine Frau und er in den Ruhestand traten, mussten sie das Leuchtturmwärterhaus in Port d'Andratx räumen. Heute ist dort ein Labor untergebracht. Aber die beiden hatten Glück. Sie konnten ins zufällig gerade freie Nachbarhaus einziehen - und den Blick, von dem sie nicht mehr lassen mochten, so ins Rentnerleben hinüberretten. Den auf das Meer. Und auf die untergehende Sonne, die den großen Bogen über die Insel schlug, nachdem Joan Fuster sie morgens vor Capdepera aus dem dunklen Wasser des Mittelmeers hat aufsteigen sehen.

Was die Sonne wohl in der Zwischenzeit macht?

"Hispaniola dos Mil" heißt sein Fischerboot mit der Kennung 3a-PM-1-4-00 am Rumpf, mit dem er je nach Jahreszeit zwischen vier und sechs Uhr früh hinausfährt, um gegen zwei oder drei am Nachmittag nach getaner Arbeit und mit ein paar Hundert Kilo Fischen wieder im Hafen von Cala Rajada festzumachen.

"Am liebsten", sagt er, "bin ich im Sommer und Herbst dort draußen unterwegs. Dann ist es warm, und wir drei Mann an Bord haben nur Badehosen und T-Shirts an, spritzen uns mit Schläuchen zur Erfrischung gegenseitig nass - und die Sonne schaut dabei zu."

Schon sein Vater war Fischer, sein Großvater war Fischer - und seine Schwägerin fischt. Sie ist in Cala Rajada die einzige Frau in diesem Beruf. Das gibt Hoffnung, dass er eines Tages sein Boot an eine seiner beiden Töchter wird weitergeben können: "Die ältere ist 17 und macht sich nichts aus Fischerei. Die jüngere, Marina, ist dreizehn und findet's toll, frühmorgens aufs Meer hinaus zu fahren."

Ob er mal darüber nachgedacht hat, jeden Morgen der erste Mallorquiner zu sein, der die Sonne aufgehen sieht? Er schweigt einen Moment, legt sich dann fest: "Nie", sagt er. "Aber es ist ein schöner Gedanke". Für ihn sei es normal. Gewohnheit. Alltag. Seit er 16 ist: "Da denkt man darüber nicht nach. Da schaut man eher, wo man diesen Morgen am besten Llampugas, die Goldmakrelen, fängt." Er lehnt sich gegen das Bootsführerhaus und verschränkt die Arme.

"Bernat Reus?" Der Mann, der die Sonne als letzter untergehen sieht? Er wiederholt den Namen dreimal, als ob er in Gedanken alle Bernats durchginge, von denen er weiß. Dann ist sich sicher: Den kennt er nicht. Aber gehört hat er von ihm. Der Leuchtturmwärter von Punta de Capdepera, einem der letzten noch bemannten Feuer auf der Insel, hat ihm von Reus erzählt. Und er würde ihn inzwischen sehr gerne mal selber kennenlernen.

"Wir könnten uns darüber unterhalten, was die Sonne in der Zwischenzeit macht und was sie wohl alles auf Mallorca gesehen haben wird, ehe sie bei ihm drüben im Westen verschwindet." Würde er tauschen und künftig lieber den Untergang beobachten wollen? Er antwortet wie aus der Pistole geschossen: "Gar nicht. Der Aufgang ist das bessere Gefühl. Denn dann steht noch alles bevor."


Dieser Text stammt aus dem Buch "Miró und der Mann mit der Mandarinenkiste" (Picus Verlag, 14,90 Euro).

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
Hamberliner 07.01.2013
Zitat von sysopDer eine fischt Goldmakrelen an der Ostküste, der andere war Leuchtturmwärter in Mallorcas Westen. Der eine sieht die Sonne jeden Tag als Erster, der andere sieht sie als Letzter. Zwei Männer, zwei besondere Jobs - tauschen wollen sie auf keinen Fall. Mallorcas Küsten: Zwei Männer schwärmen von Sonnenauf- und -untergang - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/mallorcas-kuesten-zwei-maenner-schwaermen-von-sonnenauf-und-untergang-a-875474.html)
Der Artikel geht an der Realität vorbei. Auch Mallorca, die durchaus nicht schöne heile Welt zwischen Joan und Bernat, ist Wirtschaftskrise pur. Ich kenne den (verbeamteten) Chefarzt einer mallorquinischen Klinik, dessen Gehalt halbiert wurde und der sich nur noch mit Gemecker herumschlagen muss, weil wegen der Mittelkürzungen gar nichts mehr funktioniert und alle bei ihm Frust und Unmut abladen.
2. Nicht so miesepetrig Hamberliner
nandolino 07.01.2013
Es gibt auch noch ein Leben abseits aller Krisen. Vielleicht keine deutsche Tugend.
3. ....
jujo 07.01.2013
Zitat von sysopDer eine fischt Goldmakrelen an der Ostküste, der andere war Leuchtturmwärter in Mallorcas Westen. Der eine sieht die Sonne jeden Tag als Erster, der andere sieht sie als Letzter. Zwei Männer, zwei besondere Jobs - tauschen wollen sie auf keinen Fall. Mallorcas Küsten: Zwei Männer schwärmen von Sonnenauf- und -untergang - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/mallorcas-kuesten-zwei-maenner-schwaermen-von-sonnenauf-und-untergang-a-875474.html)
Als Seemann kann ich die Gefühle der Männer gut nachvollziehen. Als I.Offz. (Seewachen von 04-08 und 16-20 Uhr) habe ich jahrelang auf allen Meeren die Sonne auf und untergehen sehen, das waren teilweise atemberaubende Momente, diese kann man nicht erklären, das muss man erleben, diese können auch keine Bilder oder Filme nachvollziehbar zeigen. Das ist nichts weltfremdes das ist Leben!
4. Wohnung in DE vermieten........
habnichviel 07.01.2013
und ab dorthin. Kann mir aber gut vorstellen, daß die Wohnungssituation dort so ist wie im Ländle, 2Zimmer und gleich doppelter Preis, Extra Stuhl 20Euro. Die Säckl sind nämlich überall und nicht nur in Berlin. Möchte dort nicht unter deren Knechtschaft leben.
5. Just do it.
Campos123 07.01.2013
Vor ca. 45 Jahren kam ich in dem glauben nach Mallorca, "Hier ist nur Sonne und hier muss man nicht arbeiten". Dann hatte ich keinen Sprit für die Rückfahrt. Heute lebe ich auf meiner Finca als "Prestamista" saludos
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