Solbrekka in Island So lebt es sich in einem Dorf mit acht Einwohnern

Eine Kirche und ein Kühlhaus, viel mehr gibt es in Solbrekka nicht. In dem Dorf im Osten Islands leben nur noch drei Familien. Fotografin Marzena Skubatz hat sie in der Einsamkeit besucht.

Marzena Skubatz

Ein Interview von


  • Marzena Skubatz.
    Marzena Skubatz, Jahrgang 1978, ist als Kind mit ihren Eltern aus Polen nach Deutschland ausgewandert. Ihre Faszination für abgelegene Gegenden hat sie nach Island geführt, wo sie jedes Jahr mehrere Wochen verbringt. Mehr Infos zur Fotografin auf ihrer Website.

SPIEGEL ONLINE: Frau Skubatz , Sie haben mehrere Monate an einem Fjord im Osten Islands gelebt, in der Nähe von Solbrekka, einem Dorf mit nur acht Einwohnern. Wie kam es dazu?

Skubatz: Ich wollte nach dem Studium unbedingt in die Natur - und nach Island. Im Internet bin ich zufällig auf eine Frau gestoßen, die an diesem Fjord lebt und Hilfe auf ihrem Hof brauchte. Ich bin 2012 dorthin gefahren und acht Monate geblieben. So habe ich dann auch die Einwohner von Solbrekka kennengelernt.

SPIEGEL ONLINE: Diese Menschen stehen im Zentrum Ihres Bildbandes "The Priest's Ravine". Was hat Sie an ihnen fasziniert?

Skubatz: Am meisten ihre Gemeinschaft, wie eng alle zusammenarbeiten und wie familiär dort alles ist. Sie helfen sich gegenseitig, sind sehr herzlich und alle eng mit dem Ort verbunden. Obwohl sich die Dorfbewohner tagtäglich vielen Herausforderungen stellen müssen, ziehen sie nicht weg.

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Marzene Skubatz:
The Priest's Ravine

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SPIEGEL ONLINE: Einige sind aber schon gegangen. Während Ihrer Zeit vor Ort lebten dort noch 18 Menschen.

Skubatz: Ja, mittlerweile wohnen da nur noch drei Familien.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das also für Herausforderungen, von denen Sie sprechen?

Skubatz: Der Alltag in Solbrekka ist nicht einfach. Die Menschen sind sehr vom Wetter und der Natur abhängig, weil sie alle immer draußen arbeiten. Und sie können nur durch Schafzucht und Fischfang Geld verdienen - deshalb sind die anderen weggezogen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre da nicht der Tourismus eine gute Einkommensquelle?

Skubatz: Sie machen nicht viel, um Touristen dorthin zu locken. Es gibt beispielsweise kaum Möglichkeiten, am Fjord zu übernachten, und kein Restaurant. Auch wenn die Dorfbewohner damit Geld verdienen könnten: Sie haben lieber ihre Ruhe.

SPIEGEL ONLINE: Spüren die Einwohner nichts von dem Tourismusboom auf Island?

Skubatz: Sie merken schon, dass es deutlich mehr Touristen als früher gibt. Aber es kommen immer noch wenige zu ihnen, weil der Pass nach Solbrekka nicht einfach zu befahren ist. Man braucht ein gutes Auto - und Mut. Im Winter ist die Straße gar nicht passierbar.

Fotostrecke

14  Bilder
Leben in der Abgeschiedenheit: Isländisches Dorf im Fjord Mjoifjordur

SPIEGEL ONLINE: Weshalb sind all Ihre Fotos nur im Herbst und Winter entstanden?

Skubatz: Ich finde diese Jahreszeiten am spannendsten, weil die Stimmung während dieser Monate ganz anders ist. Solbrekkas Einwohner sind dann von der Außenwelt relativ abgeschnitten. Sie können den nächsten Fjord nur per Boot erreichen, weil der Pass zugeschneit ist. Und bei zu starker Kälte sind sie sogar komplett isoliert. Die Menschen sind aber an diese Einsamkeit gewöhnt. Sie sind dann sehr nach innen gekehrt und ruhig.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie war das für Sie? Sie leben ja sonst in Berlin und führen dort ein ganz anderes Leben.

Skubatz: Ja, aber genau deshalb wollte ich dorthin, weil es eben so gegensätzlich zu meinem sonstigen Alltag ist. Für mich war das sehr entschleunigend, genau das habe ich gesucht. Man muss aber schon der Typ dafür sein. Ich persönlich kann damit ganz gut umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal fallen Internet und Telefon am Fjord wochenlang aus. Hat Ihnen das nicht gefehlt?

Skubatz: Mich hat es nicht gestört, ich brauchte das dort nicht. So konnte ich mich besser auf meine Arbeit konzentrieren. Für die Leute ist es aber sehr schlimm, weil sie jeden Tag telefonieren. Meine Gastgeberin ist sogar einmal aufs Dach gestiegen, um die Antenne vom Schnee zu befreien.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie am meisten vermisst in der Zeit?

Skubatz: In Berlin muss ich nur aus dem Haus gehen, und schon habe ich ein riesiges Essensangebot. Dort am Fjord war das manchmal schwierig, vor allem weil ich kein Fleisch esse. Es gibt dort nur Sachen, die man länger lagern kann, deshalb ist die Vielfalt nicht sonderlich groß. Aber ich bin trotzdem gut damit zurechtgekommen. Ich wusste ja auch, dass es nicht auf Dauer sein wird und ich irgendwann nach Berlin zurückkehre. Langfristig würde mir das Kunst- und Kulturangebot fehlen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die Zukunft von Solbrekka aus?

Skubatz: Es wird nicht mehr lange dauern, bis dort keiner mehr leben wird. Deshalb will ich mit meinen Bildern diesen Ort festhalten, so wie er jetzt ist - als etwas Besonderes. Für mich ist er ein Stück Zuhause geworden, ich fühle mich den Menschen sehr verbunden. Solange sie dort leben, werde ich einmal im Jahr hinfahren.

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