150 Jahre Erstbesteigung Mein Matterhorn

Das Matterhorn ist für ihn der Berg der Berge: Seit seiner Kindheit in Hannover träumt Hilmar Schmundt von dem Schweizer Gipfel. Der Aufstieg brachte ihn den Tragödien im Fels näher - und dem wahren Helden des Horns.

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Ein kalter Wind pfeift aus der Nordwand hoch. 2000 Meter steiler Fels, eisige Überhänge, tief unten liegt irgendwo der Gletscher. Noch 300 Meter bis zum Gipfel. Vor mir liegt die Schlüsselstelle, die berühmte Schulter kurz unter dem Matterhorn-Gipfel. Hier müssen wir links hinauf über ein steiles Firnfeld queren.

Hier ungefähr ereignete sich vor 150 Jahren die Tragödie, kurz nachdem der britische Abenteurer Edward Whymper mit sechs anderen den Gipfelsieg gefeiert hatte. Hier wurde Douglas Haddow schwindlig, einem gänzlich unerfahrenen Jungen aus England: Er wankte, er rutschte, er riss drei weitere Bergsteiger mit. Die anderen hatten Glück, das Seil barst. Sie überlebten - dank Materialversagen. Ihre Kameraden aber rissen sich, verbunden zu einem tödlichen Knäuel, gegenseitig über die eisige Kante ins Nichts.

Diese Szene ist mir vertraut wie ein Kinderlied. Ich bin in Hannover aufgewachsen, wo der Inbegriff einer Gipfeltour auf den Rodelberg führte, eine fast 20 Meter hohe Rampe im Stadtwald Eilenriede. Eines Tages fuhren wir mit dem Zug über München und Innsbruck nach Bruneck. Am Brenner begann mein Vater, mir die Geschichte von der Erstbesteigung des Matterhorns vorzulesen. Seitdem ist mir der Berg nie wieder aus dem Kopf gegangen.

Matterhorn-Quiz
Das Matterhorn ist mit seinen 4478 Metern eigentlich nichts Besonderes - es ist nicht der höchste Berg der Alpen, nicht einmal der Schweiz. Aber es ist der schönste. Denn es hat ungewöhnlich viele Gesichter.

Von jeder Richtung aus wirkt der Berg anders. Unten vom Ort aus gesehen zeigt er das typische Profil, das vor allem durch einen optischen Effekt viel steiler wirkt, als es wirklich ist. Von der Nordwand aus dagegen gleicht er einer grauweißen Eispyramide, von Osten aus eher einer lang hingestreckten Sphinx, von Süden sieht er aus wie eine lange Flucht von Graten. Und von oben wie ein formloser Schutthaufen. Horu wird das Matterhorn in Zermatt genannt, Mont Cervin im Westen, Cervino in Italien.

"Mannestreue bewährt sich im Tod"

Schon als Kind verfiel ich also der Cervinomanie. Selbst seichte Harzwanderungen müssen sich seitdem an der Erstbesteigung des Matterhorns messen lassen. Ich wurde Alpenvereinsmitglied.

Aber je mehr ich in den Bergen unterwegs war, desto mehr verdunkelte sich mein Bild vom Matterhorn. Immer wieder begegnete ich bei anderen Seilschaften genau der infantilen Gipfelgier des Erstbesteigers Edward Whymper. Immer mehr verachtete ich seinen überhasteten Aufstieg, nur weil er Angst hatte, dass der italienische Bergführer Jean-Antoine Carrel ihm zuvorkommen könnte.

Immer mehr verschiedene Matterhörner kamen mit den Jahren in meinem Kopf zusammen. Während des Studiums schaute ich "Der Berg ruft!" von Luis Trenker: ein vertikaler Western, der vielleicht den ersten echten Cliffhanger zeigt. Wohliger Grusel. Ich las den Tatsachenroman "Der Kampf ums Matterhorn" von 1928. Abgründe tun sich auch auf der Metaebene auf, bei Heldengefasel wie diesem: "Frauenliebe gilt dem Lebendigen, Mannestreue bewährt sich im Tod."

Auch das gehört leider zum Matterhorn: das Kokettieren mit dem Heldentod. Über 500 Bergsteiger sind hier über die Jahre verunglückt.

Zermatt ist ein Mekka dieses Totenkults: Das gerissene Seil von 1865 liegt im Museum auf roten Samt gebettet, gefeiert als Reliquie. Und auf dem Friedhof hinter der Kirche reihen sich skurril verzierte Bergsteigergräber - wie etwa der Jesus, gekreuzigt an einen Bergpickel, mit einem Seil über der Schulter.

Friedhof in Zermatt: Bergpickel mit Jesus
Hilmar Schmundt

Friedhof in Zermatt: Bergpickel mit Jesus

Todeskult und Massentourismus treten hier als unselige Zweierseilschaft auf. Als ich das Horu vor ein paar Jahren selbst bestieg, erlebte ich den Berg als Spaßmaschine. An der Einstiegsstelle mussten wir nachts um halb vier fast eine halbe Stunde lang Schlange stehen, bevor ich in die Bergtour einsteigen konnte. Das Horu als Steingewitter des Fun.

Preis für die schönste Nichtbesteigung

Trotzdem bleibt das Matterhorn für mich der Berg der Berge. Denn schließlich kann ich Hobbybergsteiger mich schlecht beklagen über all die anderen Hobbybergsteiger. Diese Grantelei ist so, als würde ich ins Fußballstadion gehen und dann über all die anderen Fans meckern.

Heute stört mich der Massenbetrieb immer weniger - im Gegensatz zu Rücksichtslosigkeit und Leichtsinn, die oft damit einhergehen. Einen "Gipfel zu machen" gilt als Sieg. Die Umkehr dagegen gilt als Scheitern, dabei erfordert sie oft viel mehr Augenmaß und Selbstsicherheit. Alpinistenpreise für Gipfelsiege gibt es zuhauf. Neuerdings wünsche ich mir einen Preis für den perfekten Rückzug.

Im Video: Vertikale Pilgerreise von Hilmar Schmundt

Hilmar Schmundt
Diesem Preis für die schönste Nichtbesteigung ist für mich dieser 14. Juli geweiht. Denn am 14. Juli bleibt das Matterhorn einen ganzen Tag lang gesperrt. Eine gute Entscheidung. Denn sonst hätte sich wohl eine entfesselte Menge von selfieknipsenden Hobbyhelden durch die Wand gewälzt - wie durch das baskische Pamplona beim berühmten Stierlauf.

Für mich ist dieser Ruhetag am Horn nicht dem Erstbesteiger Edward Whymper gewidmet, sondern John Tyndall. Der Brite war einer der bekanntesten Forscher seiner Zeit, ein Universalgelehrter und ein Pionier der Klimaforschung.

Und vielleicht sogar ein besserer Bergsteiger als Whymper. Er kam dem Gipfel im Juli 1862 so nah wie sonst keiner, noch heute heißt die Südwestschulter des Matterhorns daher Pic Tyndall. Doch Tyndall brach die Tour ab, als ihm die Route zu schwierig erschien: "Der Gipfel war fast nur noch einen Steinwurf entfernt. Der Gedanke an einen Rückzug war extrem bitter."

Tyndall setzte Rettungsexpedition in Gang

Tyndall rang sich zur Umkehr durch - und ging leer aus. Die Nachwelt vergaß seine Leistung, seine Umsicht, seinen Mut. Whymper kam ihm zuvor mit seinem leichtsinnigen Stunt, der am 14. Juli gefeiert wird.

Als Tyndall von der Tragödie am Matterhorn erfuhr, war er es, der eine groß angelegte Rettungs- und Suchaktion in die Wege leitete: Er wollte sich vom Gipfel in die Nordwand abseilen. Er ließ tausend Meter hochwertiger Seile von London nach Zermatt liefern. Die Aktion scheiterte an einem Wetterumschwung. Drei Jahre später gelang Tyndall dann ein Bravourstück: die Überschreitung des Matterhorns von Süden nach Norden.

Aufstieg am Matterhorn: Geduld, Verantwortung und Schönheit
Hilmar Schmundt

Aufstieg am Matterhorn: Geduld, Verantwortung und Schönheit

Dieser 14. Juli, an dem endlich wieder einmal Ruhe am Horu herrscht, ist für mich John Tyndall gewidmet, dem Patron eines aufgeklärten Alpinismus, bei dem es nicht um rücksichtslose Rekorde geht, sondern um Geduld, Verantwortung und Schönheit. Noch ist das Kinderbuch nicht geschrieben, das die Matterhorn-Saga aus Tyndalls Perspektive besingt. Und das ein Vater seinem Kind vorlesen könnte als poetische Einstimmung auf einen Bergurlaub.

Am Dienstag herrscht einen Tag lang Verschnaufpause. Am 15. Juli schwappt dann die Cervinomanie wieder gnadenlos Richtung Gipfel, mitsamt Vordrängeln, Schlangestehen und einem ohrenbetäubenden Gewhymper.

BBC-Doku über die Geschichte der Atombomber

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