Viertausender-Besteigung: Mountain-Porn am Matterhorn

Wer Marathon und Ironman gehabt hat, der will noch höher hinaus, am besten aufs Matterhorn. Am Mount Everest des kleinen Mannes lebt der Männermythos zwischen Bergtod und Fußschweiß. Auch Flachlandtiroler Achim Achilles ist vom Schweizer Nationalfelsen fasziniert. Eine Liebeserklärung.

Matterhorn: Der schönste Berg der Schweiz Fotos
Stephan Orth

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Edward Whymper war der Erste auf dem Matterhorn, ein Brite, was die Schweizer bis heute schmerzt. Whymper kletterte im August 1865, zu einer Zeit, da es weder Goretex noch Bohrhaken noch Rettungshubschrauber gab. Und den Mythos lieferte der Erstbesteiger gleich mit. Beim Weg hinab stürzten vier Mann aus seiner Siebener-Seilschaft in den Tod, weil das Hanfseil riss.

Oder hatte Whymper die Leine gekappt, um das eigene Leben zu retten? Nicht jede Leiche wurde gefunden, aber ein Stück vom morschen Seil wird seither wie eine Reliquie verehrt. Ach Matterhorn, du alte Sau, so geil und grausam gleichermaßen. Du bist besser als jeder Marathon, genauso ungesund für den Körper, exklusiver Balsam für die Wohlstandsseele, Viagra für das Angstzentrum wegen dieses netten Restes an Todeswahrscheinlichkeit.

Okay, der Berg im Wallis ist nur halb so hoch wie der Mount Everest, aber mindestens so gefühlsecht. Über 500 Menschen fanden den Tod am Sehnsuchtsberg, abgestürzt, kreislaufverendet, von tückischem Bröckelstein erschlagen.

Wer die Tour überlebt, und das sind die meisten, nervt Mitmenschen für den Rest seiner Tage mit Heldengeschichten vom Horn. Manager, die sich mal wieder spüren wollen, depressive Familienväter in der Midlife-Krise, die auf Heldentod hoffen, Angeber, die das Gipfelbild als Bildschirmschoner brauchen. Ach, und danke, liebe Felsenkante, für die sieben Zentimeter lange Fleischwunde im Schenkel, die man sich notfalls nachher noch rasch selbst beibringt; Matterhorn-Narben sind die Eisernen Kreuze unserer Tage.

Echte Kletterer belächeln den Berg, sein Ruf hallt gleichwohl weltweit; der steile grauweiße Zahn oberhalb von Zermatt gehört wie Fuji, Kilimandscharo oder Mount Everest zur Premiumklasse globaler Erhebungen.

"Echte Angst, echte Gefahr, echtes Adrenalin"

Hunderttausende zahlen bereitwillig jedes Jahr jene Mondpreise, die den Zermattern und Tausenden Servicekräften aus der ganzen Welt in unwirtlicher Gegend ein Leben in Wohlstand bescheren. Tausende lauern in diesen Sommertagen wieder auf gutes Wetter, um sich einen Lebenstraum zu erfüllen: einmal da oben stehen, mit bebenden Knien am Gipfelkreuz, dem Schweizer natürlich. Dass wenige Meter weiter die italienische Spitze liegt, ist weitgehend untergegangen im Kult um den Schicksalsberg, der zum 150. Jahrestag der Erstbesteigung 2015 deutlich anziehen dürfte.

Tragödien, Endorphinfluten und im Tal die angstbebende Dirndlbraut - in Zeiten von Laktoseterror und Sohlenlüftung zur Schweißfußprophylaxe bietet der Schweizer Nationalberg echte Angst, echte Gefahr, echtes Adrenalin und für den Rest des Lebens echtes Did-it-Glück. Was dem Bezahlfernsehgucker seine TV-Erotik, das bedeutet dem Menschen mit Restnatürlichkeit der Aufstieg zum Toblerone-Gipfel. Marathon, Ironman, Finalkarten für DSDS - wer alles hatte im Leben und die letzte Grenze sucht, der krönt sein Dasein mit dem Höhepunkt im eisigen Wind, 4468 Meter über einem Meeresspiegel, an dessen Stränden Millionen rundum-sorglos-versicherter Normalos grillen. Der Berg als Extremsex-Ersatz - Mountainporn am Matterhorn.

Als habe RTL inszeniert, teilen sich Zermatt-Touristen in drei Gruppen. Da sind die Sandalenträger, die im Örtchen Postkarten kaufen, Fotos vom Berg machen und allenfalls mit der Seilbahn bis Schwarzsee fahren, was schon mal die ersten 1000 Höhenmeter bedeutet.

Die zweite, weitaus kleinere Gruppe, klettert von hier immerhin weitere 700 Höhenmeter bis zur Hörnlihütte, um wenigstens mal den kräftigen Duft des Basislagers zu schnuppern. Denn hier nächtigen die Helden, in einem muffig-wildromantischen Massenlager, um am nächsten Morgen pünktlich ab 3.50 Uhr mit knapp hundert anderen um die Wette die letzten 1200 Höhenmeter über Grat und Schulter zum Gipfel zu klettern, zwischen drei und sechs Stunden lang, je nach Kondition und Knieschlottern. Wenn der Hintern über dem Nichts baumelt und nur noch Vertrauen zählt in die Kraft von Seil und Karabiner und Bergführer, dann fiept manches Großmaul plötzlich nur noch. Der Berg ist gerecht.

Gipfeltraum für jedermann

Der Aufstieg von der Hörnlihütte ist eine ordentliche Leistung, keine Frage, aber nichts Übermenschliches. Der Zermatter Naturbursche Andreas Steindl hat die 2900 Höhenmeter von Dorf bis Gipfel in zwei Stunden und 57 Minuten geschafft, ganz ohne Seilbahn oder rackernden Sherpa. Bergsteiger-Legende Hans Kammerlander bestieg alle vier Hauptrouten nacheinander weg, in gut 23 Stunden. Da relativiert sich die alltägliche Volkskletterei ein wenig.

Mal ehrlich: Auch ein mäßig fitter Niederländer mit fortgeschrittener Adipositas darf halbwegs sicher sein, zum Gipfel gehievt zu werden, wenn er zwei Bergführer-Tagessätze von je 600 Franken berappt und die Nacht im animalischen Dunst der Hörnlihütte überlebt hat. Nur umkehren wollen darf er nicht.

Am Boden bleiben: Laufen und Lust, in zehn Schritten zu mehr Spaß am Leben, von Achim Achilles

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1.
Becks0815 06.08.2013
Zitat von sysopWer Marathon und Ironman gehabt hat, der will noch höher hinaus, am besten aufs Matterhorn.
Wie gut dass es Berge gleich in der Nähe gibt, die in ihrer Schönheit mit dem Horn durchaus konkurieren können (das Weisshorn ist ein heisser Anwärter darauf) und wo man seine Ruhe hat. Wie schön auch zu wissen dass nächstes Jahr die Hörnlihütte umgebaut wird und man dann den Berg wohl eher besteigen kann als dieses Jahr. Es gibt übrigens noch eine Kategorie von Matterhorntouristen. Das ist die Gruppe die ihre Version der Aufnahme des Titelbilds vom Horn schiessen wollen. Diese Gruppe trifft man dann abends, nachts und früh morgens am Stellisee.
2. optional
robmax 06.08.2013
Sehr geehrter Hr. Achilles. Ihrer saloppen Schreibweise nach zu urteilen dürften Sie das Matterhorn sicher in einer Stunde Solo geklettert haben. Oder gehören Sie zu den Personen welche sich anmassen verächtlich über etwas zu schreiben obwohl sie dies selbst gar nicht kennengelernt haben ?
3. Am Matterhorn kann man auch 'richtig' klettern
südtirol11 06.08.2013
Unter Bergsteigern, die mehr als einen der 'normalen' Aufstiege klettern können, gilt der Zmutt-Grat immerhin als einigermaßen anspruchsvoll. Dann gibt es noch diverse Routen in der Nordwand, die zwar nicht (mehr) als absolute Top-Wege gelten, aber doch beachtenswert sind. Nebenbei gibt es noch eine Menge Wege, die mehr vom Geltungsdrang der Erstbegeher als von großartigen sportlichen Leistungen kundtun.
4. Mountain Porn?
Turin 06.08.2013
Das verspricht ja ein lustig sarkastischer Artikel zu werden. Vielen Dank. Eines sollte man aber nicht vergessen. Es gibt ein schöne bon mot in der Kletterszene: "Die Berge sind die Tempel der Kletterer, nicht ihre Huren!" Dessen sollte man sich stets besinnen.
5. Keine Dirndl im Wallis
medwediza 06.08.2013
Zitat von sysopTragödien, Endorphinfluten und im Tal die angstbebende Dirndlbraut Matterhorn in der Schweiz: Achim Achilles am Viertausender - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/matterhorn-in-der-schweiz-achim-achilles-am-viertausender-a-915046.html)
Witzig und unterhaltsam geschriebener Bericht. Macht Spaß, ihn zu lesen. Nur eine kleine Korrektur: im Wallis gibt es keine Dirndl (kennt man in der ganzen Schweiz nicht), ergo auch keine wartenden Dirndlbräute. Da verwechselt der Autor die Region um das Horn mit bayerischen Landen. Kann ja mal vorkommen...
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.