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Matterhorn-Hüttenwart Kurt Lauber: "Wir wollen den Berg entschleunigen"

Ein Interview von Stephan Orth

Das Matterhorn feiert den 150. Jahrestag seiner Erstbesteigung mit einer ungewöhnlichen Idee: Einen Tag lang soll niemand auf den Gipfel. Hüttenwart Kurt Lauber erklärt, warum - und verrät, wie er in Sekunden erkennen kann, ob jemand gipfeltauglich ist.

Hörnlihütte am Matterhorn: Letzter Stopp vorm Gipfel Fotos
REUTERS

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Zur Person
  • Hervé Le Cuff
    Kurt Lauber, Jahrgang 1961, ist Bergführer und Rettungsspezialist mit mehr als tausend Rettungseinsätzen. Seit mehr als 20 Jahren leitet er die berühmte Hörnlihütte am Matterhorn - fast jeder Bergsteiger, der von der Schweizer Seite auf den Gipfel will, übernachtet dort. Wenn er nicht auf der Hütte ist, lebt Lauber von Oktober bis Mai in Zermatt.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit mehr als 20 Jahren Hüttenwart am Matterhorn. Ihre Hörnlihütte wurde gerade umgebaut - gefällt Ihnen die neue Version?

Kurt Lauber: Ich muss mich noch daran gewöhnen. Wir haben das Gebäude bis auf die Außenmauern ausgehöhlt und neu gemacht. Die Küche ist größer, es gibt keine Plumpsklos mehr, dafür eine neue Wasserversorgung und Solarenergie. Und: Wir haben nun weniger Schlafplätze, 130 statt 170.

SPIEGEL ONLINE: Machen Sie sich damit nicht das Geschäft kaputt?

Lauber: Am Matterhorn sind zu viele Menschen unterwegs. Der Weg zum Gipfel ist ein reiner Felsgrat mit Steinschlaggefahr. Wir wollen den Berg entschleunigen. Auch Campieren ist ab jetzt oberhalb von 2800 Metern verboten, dadurch gehen weitere 30 Übernachtungsmöglichkeiten verloren.

SPIEGEL ONLINE: Zu diesen Ansätzen passt die Art, wie Sie das 150. Jubiläum der Erstbesteigung durch Edward Whymper feiern.

Lauber: Unsere Idee ist, den Berg für einen Tag in Ruhe zu lassen. Niemand soll am 14. Juli auf den Gipfel gehen. Ein schöner Gegensatz zum Motto "schöner, besser, spektakulärer", das sonst für solche Veranstaltungen gilt.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich das durchsetzen? Abriegeln kann man einen Berg nicht.

Lauber: Wir hoffen auf den gesunden Menschenverstand. Die Hörnlihütte wird an dem Tag nicht für Bergsteiger geöffnet, genausowenig wie das Rifugio Abruzzi auf der italienischen Seite.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein Buch herausgegeben, in dem Bergführer ihre besten Anekdoten vom Matterhorn berichten. Welche Episode würden Sie erzählen?

Lauber: Einmal erwischte ich vier spanische Bergsteiger dabei, wie sie Wasser aus der Kloschüssel schöpften. Sie wollten damit kochen, das machten sie angeblich immer so. Auf meinen Hinweis, dass das keine gute Idee sei, erwiderten sie, ich solle mich um meine eigenen Probleme kümmern. Am nächsten Mittag kam ein Notruf vom Gipfel: Mehrere Männer brauchten einen Rettungshubschrauber, weil sie unter Bauchkrämpfen litten. Da ich auch Bergretter bin, machte ich den Einsatz selber. Am Gipfel konnte ich mir ein kleines Lächeln nicht verkneifen: Es waren die vier Spanier, die nun doch zu "meinem Problem" geworden waren. Für den Heli mussten sie später 4000 Franken bezahlen - wenn sie auf meiner Hütte Trinkwasser gekauft hätten, hätten sie viel Geld gespart.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich die Matterhorn-Bergsteiger verändert in den letzten 20 Jahren?

Lauber: Ich habe das Gefühl, dass die Leute heutzutage weniger Eigenverantwortung kennen. Es gibt in ihrem Leben zu viele Regeln, das ganze Jahr hindurch, sie sind das so gewohnt. Manche können dann im Gebirge nicht verstehen, dass nicht überall ein Warnschild steht, wo es gefährlich werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft raten Sie Bergsteigern ab von der Tour?

Lauber: Ich halte niemanden davon ab, die sind alle alt genug. Wer hierher kommt, hat die Entscheidung gefällt, dass er da hoch will. Wenn mich jemand fragt, was ich denke, gebe ich natürlich eine Einschätzung.

SPIEGEL ONLINE: Wie erkennt man in ein paar Sekunden, ob jemand gipfeltauglich ist?

Lauber: Ich sehe es daran, wie jemand läuft, schon nach fünf Metern. Ich lasse die Leute einfach eine Treppe an der Hütte hochsteigen: Wer geübt und trittsicher ist, schaut dabei nicht auf seine Schuhe, sondern geradeaus. Wer beim Treppengehen seine Füße fixiert, ist vermutlich kein guter Bergsteiger.

Bei SPIEGEL ONLINE lässt sich diese Frage zur Gipfeltauglichkeit übrigens (fast) genauso präzise klären - mit unserem Matterhorn-Quiz!

Matterhorn-Quiz

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insgesamt 14 Beiträge
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    Seite 1    
1. ich schaue
uwe4321 08.07.2015
als gelegentlicher Bergwanderer auch nicht auf meine Füße - allenfalls wenns für mich schwieriger wird und ich den nächsten Tritt suchen muß. Trotzdem traue ich mich nicht auf diesen Gipfel, da kenne ich meine Grenzen. Und von unten sehen die Gipfel meist viel schöner aus...
2.
MatthiasPetersbach 08.07.2015
alte Sightseeingregel: Berge von unten, Kirchen von außen, Kneipen von innen.
3. bergführer-expertise
matteo51 08.07.2015
wow. hätte ich nicht gedacht, dass man daran einen guten bergsteiger erkennt...ich gehe öfter in die berge, und ich schaue auf meine füsse, bzw. wo ich hintrete. frust, dass ich erkennen muss, dass ich noch viel üben muss;) - ein guter versuch, das mit der entschleunigung....allerdings bin ich skeptisch was den gesunden menschenverstand der bergsteiger angeht....
4.
cor 08.07.2015
Zitat von MatthiasPetersbachalte Sightseeingregel: Berge von unten, Kirchen von außen, Kneipen von innen.
... und Langeweile auf maximal.
5.
MatthiasPetersbach 08.07.2015
Zitat von cor... und Langeweile auf maximal.
….man muß nicht alles ernst nehmen.
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