Matterhorn König und Killer der Alpen

Wüsste er vom heutigen Rummel auf dem Matterhorn, würde sich Edward Whymper wohl im Grab umdrehen. Seit seiner Erstbesteigung im Jahr 1865 haben Heerscharen von Alpinisten den 4477,54 Meter hohen Gipfel erklommen - darunter Beinamputierte und 90-jährige Greise.


Zermatt - 2500 Bergsteiger versuchen alljährlich, den unbestrittenen Schönheitskönig unter den europäischen Viertausendern zu bezwingen. Bis zu 1500 kommen auch oben an. Unter den Übrigen siegt oft im letzten Moment die Vernunft, und sie kehren um, andere müssen von der Bergwacht aus misslichen Lagen befreit werden. Für rund zehn Personen pro Sommersaison endet das Abenteuer tödlich.

Matterhorn: Unangefochtener Schönheitskönig der europäischen Viertausender
GMS

Matterhorn: Unangefochtener Schönheitskönig der europäischen Viertausender

Im Alpinen Museum von Zermatt ist es zu besichtigen: das zerrissene Seil, dessen Enden an jenem 14. Juli 1865 die Grenze zwischen Leben und Tod markierten. Oben, auf der sicheren Seite, hielten sich der Londoner Zeichner und spätere Schriftsteller Whymper sowie die beiden Zermatter Bergführer Peter Taugwalder Vater und Sohn. Unterhalb der Bruchstelle stürzten deren französischer Kollege Michel Auguste Croz und die Engländer Robert Hadow, Reverend Charles Hudson und Lord Francis Douglas in den Tod.

Kurz zuvor hatte die Gruppe auf dem Gipfel gestanden und nicht nur das atemberaubende Panorama der Walliser Bergwelt erblickt, sondern 200 Meter unterhalb auch ihre von der italienischen Seite her anrückenden Konkurrenten um den Bergführer Jean-Antoine Carrel. Jeweils acht Mal hatten Whymper und Carrel zuvor vergeblich versucht, das Matterhorn zu erobern - eine bis dahin ungelöste Herausforderung.

Für Zermatt hat sich das Unglück als Glücksfall erwiesen. War das abgeschiedene Bergdorf noch Anfang des 19. Jahrhunderts kaum im Stande, seine Einwohner zu ernähren, standen nun Abenteurer aus aller Welt Schlange, um es Whymper gleichzutun. Bergsteigen war schon damals kein billiges Vergnügen: 100 Franken verlangte ein einheimischer Führer Ende des 19. Jahrhunderts für die gefährliche Tour.

Auch von den "Mittelstationen" ein erhebender Anblick
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Auch von den "Mittelstationen" ein erhebender Anblick

Einem Gast namens Winston Churchill war das zu viel. Der junge Offizier wählte einen anderen Viertausender, der nur die Hälfte kostete. Heute müssen für die Besteigung des Matterhorns mehr als 700 Euro einkalkuliert werden.

Die Fremdenverkehrsvertreter Zermatts versuchen mitlerweile, Bergsteiger auf andere Ziele umzulenken, um den Stau am Matterhorn aufzulösen. Wer den Berg aller Berge mit einem Führer besteigen will, muss seit diesem Jahr zunächst an einem anderen Gipfel Kondition und Kletterkunst beweisen. Mehr als 30 Viertausender gibt es in der Umgebung des Ortes, die dem Matterhorn zumindest in einem Punkt überlegen sind: Dort herrscht noch jene Ruhe, die eigentlich zum Bergerlebnis gehört.

Aber so effektvoll sich Castor und Pollux, Breithorn oder Monte Rosa auch in Szene setzen - an die Majestät des Matterhorns reicht keiner heran. Kein Designer hätte diese Felspyramide großartiger entwerfen können, als es die Natur durch die Kollision der Kontinente und das Zusammenspiel von Wasser und Wind vermocht hat. Jeder Knick und jede Falte sitzen am rechten Platz, das Licht modelliert zu jeder Tageszeit andere Konturen heraus. Selbst wenn sich das Massiv in Wolken hüllt, ist das Tal von seiner bedrohlichen Präsenz erfüllt.

Die charakteristische Silhouette des Matterhorns findet sich als inoffizielles Wappen der Gegend auf ungezählten Souvenirs wieder, die am Fuße des Berges in den Läden Zermatts verkauft werden. Das ehemalige Bergdorf hat sich zu einer Kleinstadt von rund 5000 Einwohnern entwickelt, die in einer Reihe mit mondänen Schweizer Ferienorten wie St. Moritz oder Davos steht. Längst bestimmen Skifahrer das Bild in den Straßen. Und rund um das Klein Matterhorn ist sogar im Sommer Skifahren möglich.

Zeugnisse der alpinistischen Frühzeit finden sich im Ort aber immer noch zur Genüge: Da ist zum Beispiel das Hotel "Monte Rosa", in dem ab 1854 die ersten Bergsteiger logierten, oder die Englische Kirche oberhalb des Alpinen Museums. Sie wurde 1871 gebaut, als absehbar war, dass noch mehr tollkühne Briten ihr Leben fern der Heimat bei der Ausübung ihres Hobbys riskieren würden. Absturzopfer aus aller Herren Länder liegen auf dem Bergsteigerfriedhof nahe der Dorfkirche, darunter der Whymper-Begleiter Hadow, dessen Ausrutscher 1865 die Katastrophe auslöste.

Mit der Erstbesteigung kehrte am Matterhorn noch lange keine Routine ein. Schließlich war mit dem so genannten Hörnligrat erst der leichteste der möglichen Wege auf die Spitze begangen. Bis tief ins 20. Jahrhundert sollte es dauern, bis alle Wände und Grate gemeistert waren. Sieger und Verlierer dieses fortgesetzten Kampfes sind im Alpinen Museum dokumentiert, das sich derzeit selbst vor einem schwierigen Gipfelsturm befindet: In den kommenden Jahren soll Geld für einen Neubau gesammelt werden. An regnerischen Tagen treten sich hier auf engstem Raum Hunderte von Besuchern auf die Füße - ein Gedränge wie frühmorgens auf dem Matterhorn.

Tobias Wiethoff, gms



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