Menschen in Lettland Vom Tellerwäscher zum Internetprofi

Zwischen Resignation und Aufbruchstimmung, Internetbüro und Kuhstall, Wirtschaftsboom und Korruption - die junge Republik Lettland muss sich noch finden. Sechs Porträts, die Einblick in den Alltag des baltischen Tigerstaates geben.

Von Frederik Hartig


Lauris Liberts (30 Jahre), Riga

Wir sitzen in weißen Ledersesseln, um uns herum arbeiten Leute an Computern. Das Summen der Rechner und das Klappern der Tastaturen erfüllt den Raum. Lauris dreht das Thinkpad zu uns und zeigt die aktuelle Zugriffstatistik. Wenn sich insgesamt 10.000 User angemeldet hätten, wäre er damals mehr als zufrieden gewesen, sagt er. Lauris Liberts ist der Gründer von "Draugiem.lv", einem Kommunikationsportal im Internet ähnlich MySpace und StudiVZ, auf dem man sich ein Profil erstellt, Fotos und Filme hochlädt, die Fotos anderer User kommentiert und über Musik, Filme und Reisen diskutiert.

Internet-Portal-Gründer Lauris Liberts: "Keine Arbeit, sondern Lifestyle"
Carsten Wilde

Internet-Portal-Gründer Lauris Liberts: "Keine Arbeit, sondern Lifestyle"

Aus der Sicht junger Letten muss seine Biografie wie eine dieser Legenden klingen, die den Mythos vom Tellerwäscher zum Millionär aufrechterhalten. Schon allein deswegen weil Lauris tatsächlich in den USA gekellnert und Geschirr gespült hat. Nach einem Wirtschaftsstudium in Riga war er in der Marketingabteilung bei Tele2 und bei einer Leasingfirma angestellt. Daneben hatte er an einigen Businessprojekten im Internet mitgearbeitet, an einer Plattform für Immobilienanzeigen und an einem Projekt für Möbelherstellung, das aber Pleite gegangen war.

Doch die Zeit als Tellerwäscher liegt weit zurück: Das Unternehmen läuft bestens, anderthalb Millionen Mitglieder zählt Draugiem.lv heute, davon fast 750.000 Letten, und das ist annähernd ein Drittel der Bevölkerung des Landes. Seit einem Jahr ist die Plattform in mehreren Sprachen (deutsch: freundeweb.net) erreichbar, Lauris setzt darauf, auch Menschen außerhalb Lettlands für sein Netzwerk zu interessieren.

Wo soll es hingehen mit Draugiem, fragen wir ihn: "Wir sind kein Großunternehmen", antwortet Lauris. "Wir bleiben eine kleine Firma, small, tiny, flexible. Denn was wir hier tun, ist keine Arbeit, sondern Lifestyle."

Gemeinsam mit dem Programmierer Martins hatte Lauris begonnen, das Portal zu entwerfen. Er hatte die Idee, Martins das technische Knowhow, und da Lauris nichts bezahlen konnte, hielt er den Programmierer bei Laune, indem er das Essen für ihn kochte. Lauris lacht, während er das erzählt. Inzwischen kümmern sich 22 Mitarbeiter um Entwicklung und Support der Plattform.



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