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Mikrobrauereien in Dänemark: Drachenblut für Wikinger

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Immer nur Einheitspils? Bei den Dänen regt sich der Widerstand. Über hundert Mikrobrauereien haben im Königreich eröffnet, die ungewöhnliche Biere mit Zutaten wie Lakritz und Walnussöl kreieren - und auch Touristen in ihre Gemäuer lassen.

Mikrobrauereien in Dänemark: Ale mit Lakritz, Weizen mit Koriander Fotos
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Niels Buchwald schaut sinnierend in die Ferne: "Wie eine Sinfonie" sei ein Bier, sagt er mit kratziger Stimme, es funktioniere nur als Ganzes. Wie einzelne Instrumente in einem Musikstück dürften auch einzelne Aromen in dem Getränk nicht hervorstechen. Der dänische Braumeister, der sich als eine Art Komponist, auf jeden Fall als Kreativer versteht, nippt an einer Probe eines Ales aus drei Sorten Hopfen und drei Sorten Malz, das er gerade aus dem schlanken, stählernen Lagertank gezapft hat.

In der menschenleeren kleinen Halle hinter ihm glänzen Maischpfanne und Läuterbottich, zischend spült ein Automat mit Hochdruck Fässchen. Heute ist Putztag im Aarhus Bryghus im Industriegebiet von Aarhus, an nur zwei Tagen pro Woche wird hier gebraut, 2000 Hektoliter im Jahr. Hier und da liegen noch Utensilien wie Felle und Lederstiefel für das Moesgård-Wikingerfestival herum, wo Buchwald am vergangenen Wochenende war; dafür hatte er mal sein Drageblod gebraut, das Drachenblut, ein Bier mit tiefroter Farbe.

Als der heute 53-Jährige seinen ersten großen Brauauftrag bekam, hatte er kein Sudhaus, weder Malz noch Hopfen oder gar ein Label. "Ich hatte nur ein paar in der Garage gebraute Flaschen Bier, einen Namen und eine Idee", sagt er: Nach 20 Jahren in großen dänischen Bierkonzernen wollte er endlich sein eigenes, handgemachtes Øl herstellen. Das war im Mai 2005. Er reiste in die USA, in das Mekka der Mikrobrauer, verschiffte in zwei Containern die Maschinen eines insolventen Kollegen und legte los. Vier Monate später lieferte er die ersten Fässer aus; heute zeigt er auch Gruppen gerne sein Sudhaus, ein Extraraum mit Bar ist für Verkostungen gedacht.

Wie ein Spatz vor einem Löwen

Wie in den USA und Großbritannien in den Achtzigern gab es in Dänemark im letzten Jahrzehnt einen Boom an Mikrobrauereien, die sich mit viel Kreativität gegen das Einheitsbier stemmen. Gegen das "gekochte Bier", wie ihre Fans sagen, das pasteurisierte, länger haltbar gemachte Gebräu aus den Bierfabriken des Königreichs. Ihre Stellung symbolisiert wohl kaum etwas besser als das Logo der Rise Bryggeri auf Ærø: ein winziger Spatz, ein Bein frech vor das andere gestellt, vor einem Löwen, der mit dem Schwanz schlägt - David vor Goliath, hier die kleinen Braustätten mit wenigen tausend Hektoliter Produktion, dort der Konzern Carlsberg, der mehr als 100 Millionen Hektoliter ausstößt.

Anders als das Aarhus Bryghus, das sich hinter schlichten Bürogebäuden und Lagerhallen versteckt, liegt die Rise-Brauerei in einem idyllischen Dorf auf dem höchsten Punkt der Ostseeinsel Ærø, gleich hinter einer der typischen weißen Burgkirchen. In dem kleinen Hofladen haben Urlaubsradler einen Stopp eingelegt, mit Helm und Handschuhen stehen sie an kleinen Tischen und testen sich für 20 Kronen (3 Euro) pro Person durch zwölf Sorten, durch India Pale Ale, Valnød, Dark Ale. Der damals 35-jährige Börsenmakler Christoph Seidenfaden hat die 130 Jahre alten Gebäude reaktiviert, seit 2003 zieht nach fast 50-jähriger Braupause wieder der Geruch von Hopfen und Malz durch die Räume.

Seidenfaden, der eigentlich in London und Mailand lebt, konzipierte seine Mikrobrauerei mit einem Kniff: Der Aktienspezialist gewann rund 140 Anteilseigner - und damit auf der ganzen Insel Botschafter für sein neues Bier. Dennoch war der Start holprig, noch immer wirft Rise keinen Gewinn ab. Die Lage auf einer Insel ohne Brücke macht den Vertrieb schwierig, die Konkurrenz unter den neuen kleinen Brauereien ist groß. Denn waren es Anfang der Neunziger nur rund ein Dutzend dänische Brauereien, schoss ihre Zahl Ende des Jahrtausends auf bald 200. Nach der ersten Euphorie über die neue Geschäftsidee sind heute 140 Mikrobrauereien übrig geblieben, verteilt auf ganz Dänemark, von Skagen bis Sønderborg - und immer gut für eine Stippvisite mit Verkostung.

Einzige Weißbierbrauerei nördlich von Bayern

Wie in Rise richten sich viele der dänischen Brauer mit ihren Ale-Sorten an den kreativen Kollegen in den USA und Großbritannien aus, die sich um so was wie ein deutsches Reinheitsgebot nicht scheren. Ob Lakritz wie im Dark Ale von Rise oder Fruchtsaft wie im Drachenblut von Niels Buchwald - beim Mikrobrauer ist alles möglich.

Sogar dass die einzige Brauerei nördlich von Bayern, die ausschließlich Weißbier produziert, in Dänemark liegt: die Indslev Bryggeri auf Fünen. Auf der Suche nach dem Besonderen - neben den vielen Ales - verlegte sich Anders Busse Rasmussen 2005 auf das in Dänemark eher unübliche Weizengetränk. Der 34-Jährige hatte gerade erst das 1897 von seinem Urgroßonkel gebaute Brauereigebäude zurückgekauft, einen massiven Backsteinklotz mit Gebrauchsspuren, nicht weit entfernt von der Lillebælt-Brücke, über die die Urlauber auf die Insel kommen. Und Rasmussen hatte den Münchner Stefan Stadler als Braumeister gewonnen.

"Früher habe ich nur am Computer gesessen und von da aus den Brauprozess gesteuert", sagt der schlanke 54-Jährige, der im Münchner Hofbräuhaus gelernt hat und vor 18 Jahren zu einer großen Brauerei auf Seeland wechselte. "Das war eine Bierfabrik mit 1,5 Millionen Hektoliter Produktion im Jahr, dies ist eine Biermanufaktur." Stadler zieht die Klappe der Würzepfanne auf und schüttet Hopfenpellets aus einem kleinen Eimer hinein. Die goldfarbene Flüssigkeit wird sprudelnd gequirlt, es dampft. Später nimmt er eine Probe und misst die Stammwürze, außer ihm arbeiten in dem kleinen Brauhaus nur drei Aushilfen. Dies sei kein Nine-to-five-Job, sagt er, aber hier kann er experimentieren. Nach den Bergen seiner Heimat sehne er sich nicht zurück, er liebt das dänische Meer.

Duft nach Schoko und Kaffee

Klassisch bayerisch ist jedoch sein Svane-Weizen: "Es schmeckt nach Banane und Nelke", sagt Stadler. Typisch belgisch ist das Hvid mit Koriander und Bitterorangenschalen, und dunkel und stark das Sort Hvede, das nach Kaffee und Schokolade riecht. "Die Trinkgewohnheiten ändern sich", sagt er. Als er 1993 nach Dänemark kam, hätten alle Brauereien exakt das gleiche Pils gebraut. Inzwischen haben die Dänen gemerkt, dass es auch anderes gibt - und würden die Spezialbiere der Mikrobrauereien wie Wein genießen.

Für die neu gewonnene dänische Biervielfalt beziehen die Brauer Hopfen aus den USA, Neuseeland und Bayern, testen schwarzen und geräucherten Malz, bedienen sich bei Weizen, Dinkel oder Gerste, verwenden Quentchen an Anis, Apfelsaft oder Walnussöl - die Experimentierlust kennt keine Grenzen. Doch wann welche Zutat in Maische-, Würzepfanne oder Gärtank landet, über solche Rezeptdetails schweigen Bier-Künstler wie Stadler und Niels Buchwald aus Aarhus.

Wichtig sei doch allein die gelungene Komposition der Aromen.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Auf zum Wettstreit...
janchristof 26.08.2011
Da ich ab und zu mal in Finnland unterwegs bin, fiel mir doch beim Lesen dieses Artikels die Lokalbrauerei Plevna in Tampere ein. Dort gibt es das sogenannte "Plevna's Vehnä Olut", ein Weißbier. Na sowas, wenn doch in Dänemark das "nördlichste" Weißbier gebraut wird. Da hat Frau Blinda wohl einfach blind vertraut und aufgeschrieben ohne gründlich zu recherchieren. Ich bin mir sicher, dass es noch viel mehr Weißbier aus dem Norden gibt und deswegen freue ich mich auf Eure Erfahrungen, werte Mitforisten.
2. Reinheitsgebot
veremont 26.08.2011
Ist doch nur eine Frage der Zeit bis das Reinheitsgebot in Deutschland gekippt wird. Es bringt für deutsche Bierbrauer nur Nachteile auf dem Markt. Die sog. "Reinheit" muss ein Bier welches in die ganze Welt exportiert wird (und auch gekauft wird) sowieso haben, unabhängig von irgendwelchen Geboten die damals in Süddeutschland erfunden wurden weil die alles was am Wegesrand wuchs in ihre Bottiche gekippt haben. Das Norddeutsche Bier war immer Exportbier (Hanse)und hatte schon immer - auch VOR dem Erlass des Reinheitsgebotes eine erstklassige Qualität. Nicht umsonst wurde es rund um den Erdball verkauft. Nicht nur die Dänen machen es vor, auch die Niederländer sind kreativ. Das Massenbier in Deutschland ist eben genau so langweilig wie "rein". Als Tipp mal abseits der 0815 Biere mal ein Störtebeker probieren! Es sind die kleinen, innovativen Brauereien die weltweit Bierpreise absahnen und genau diese Brauereien sehnen sich nach einem Wegfall des "Reinheitsgebotes" welches völlig überholt und schon damals unnötig gewesen ist.
3. warum in die Ferne schweifen
Mueller-Luedenscheid 26.08.2011
Berlin z.B. http://www.brauhaus-lemke.com/index.php
4. Viel nördlicher
Johannes1957 26.08.2011
Zitat von janchristofDa ich ab und zu mal in Finnland unterwegs bin, fiel mir doch beim Lesen dieses Artikels die Lokalbrauerei Plevna in Tampere ein. Dort gibt es das sogenannte "Plevna's Vehnä Olut", ein Weißbier. Na sowas, wenn doch in Dänemark das "nördlichste" Weißbier gebraut wird. Da hat Frau Blinda wohl einfach blind vertraut und aufgeschrieben ohne gründlich zu recherchieren. Ich bin mir sicher, dass es noch viel mehr Weißbier aus dem Norden gibt und deswegen freue ich mich auf Eure Erfahrungen, werte Mitforisten.
Mir fällt, spontan, die Mackbrauerei in Tromsø ein, die auch ein Weizenbier braut wie einige norwegische Brauereien. Insofern kann die nördlichste Weizenbierbrauerei nicht in Dänemark liegen. Nur zur Info, ich lebe seit 5 1/2 Jahren in Norwegen.
5. Skal!
Robert Rostock, 26.08.2011
Zitat von Johannes1957Mir fällt, spontan, die Mackbrauerei in Tromsø ein, die auch ein Weizenbier braut wie einige norwegische Brauereien. Insofern kann die nördlichste Weizenbierbrauerei nicht in Dänemark liegen. Nur zur Info, ich lebe seit 5 1/2 Jahren in Norwegen.
Das dürfte dann wahrscheinlich wirklich die nördlichste sein Aber: Im Artikel steht ja nicht nur "nördlichste Weißbierbrauerei", sondern sogar "einzige Weißbierbrauerei außerhalb Bayerns". Und da gibt es sogar in Deutschland etliche. Wie z.B. in Stralsund (Bernstein-Weizen) oder Flensburg.
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Brauereien in Dänemark
Rise Bryggeri
Vandværksvej 5, 5970 Ærøskøbing
Telefon: 0055 6252 1132
Kontakt: risebryggeri@risebryggeri.dk

Der Verkaufsraum mit Verkostung ist Mai bis 15. September täglich von 10 bis 14 Uhr geöffnet, danach nur freitags 10 bis 14 Uhr.

Führungen durch die Brauerei und Verkostung sind ab zehn Personen möglich und kosten 75 Kronen (10 Euro) pro Person.

Aarhus Bryghus
Gunnar Clausens Vej 26, 8260 Viby J, Dänemark
Telefon: 0045 8689 2040
Webseite: www.aarhusbryghus.dk

Besuch ist für Gruppen ab 15 Personen möglich. Eine Tour mit Bierprobe dauert 1,5 Stunden und kostet an Werktagen bis 16 Uhr 100 Kronen (14 Euro) pro Person, am Wochenende 120 Kronen pro Person.

Kontakt: Tonni Mikkelsen, tkm@aarhusbryghus.dk

Indslev Bryggeri
Store Landevej 13, 5580 Nr. Åby
Telefon: 0045 64 44 15 07
Webseite: www.indslevbryggeri.dk

Besuch ist für Gruppen ab 15 Personen möglich. Eine Tour mit Bierprobe dauert 2 Stunden und kostet 145 Kronen (20 Euro) pro Person.

Übersicht über Mikrobrauereien in Dänemark

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