Die Milchbar, ein Relikt des Sozialismus Pierogi für alle

Ein Mittagessen für 6,06 Zloty: Krumme Preise und der Charme der Siebziger machen die Milchbars in Polen aus. Von Zehntausenden während des Sozialismus sind nur noch wenige übrig geblieben - jetzt werden sie wiederentdeckt.

Agnes Sofie Nowicki / TMN

Fünf Pierogi auf einem weißen Teller aus schlechtem Porzellan. Weiße Teigbrocken, buttrig glänzend, einfach zusammengekippt. In ihrem Innern soll sich laut Karte Fleisch befinden. Ein Anblick, der nicht zum Anbeißen ist.

Dann wird es heiß im Mund, es schmeckt gleichzeitig nach Brühe, nach Kartoffeln, Hackfleisch, Pfeffer und Zwiebeln. Würzig, aber nicht salzig, mächtig, aber nicht fettig - großartig und lecker. Der zweite Bissen ist noch zögerlich, der dritte fast gierig.

Willkommen in der Milchbar Familijny auf Warschaus Flaniermeile, der Nowy Swiat!

In Polen existieren derzeit noch rund 140 Milchbars, auf Polnisch heißen sie Bar Mleczny. Früher gab es hier ausschließlich fleischlose Produkte zu kaufen, darauf spielt der Name an. Heute bekommen Besucher auch Fleischgerichte.

Ihre große Zeit hatten die Bars im Sozialismus, damals gab es rund 40.000 davon. Jeder sollte sich pro Tag eine warme, nahrhafte Mahlzeit leisten können - das war die Idee: keine aufwendige Einrichtung und keine Bedienung, aber gutes, bezahlbares Essen. Damals wie heute subventioniert der Staat die Bars, und sie sind für jeden zugänglich.

Mit einem modernen Restaurant hat die Bar Familijny nichts zu tun: Auf dem Boden liegen weiße Fliesen, Vasen mit künstlichen Blumen stehen auf Kunststofftischen. Die Wände sind mit Holz vertäfelt, wie es schon seit Jahren aus der Mode ist. Rechts an der Wand neben dem Eingang hängen zwei große Schilder, darauf stehen auf Polnisch die Namen der Speisen und dazu die Preise.

Man bestellt und bezahlt an der Kasse. Die Portion Pierogi kostet 6,06 Zloty, das sind umgerechnet knapp 1,50 Euro. Mit dem Bon geht man zur Essensausgabe, einem Rechteck in der Holzvertäfelung. Dort reicht eine Frau die Teller durch.

Unechte Milchbars runden auf

Agnes Sofie Nowicki kennt die Milchbars von klein auf, sie hat eine polnische Mutter. Wenn die Familie in den Ferien nach Polen fuhr, habe die Mutter nach der Ankunft oft als Erstes gesagt: "Ich möchte jetzt erst einmal in eine Milchbar gehen!" Ihr Vater habe dann nur die Augen verdreht. Doch für seine Frau waren diese einfachen Bars polnische Klassiker und Teil ihrer Geschichte.

Nowicki hat an der Kunsthochschule in Düsseldorf Design studiert und ihre Abschlussarbeit über die polnischen Milchbars geschrieben. Für die Arbeit wurde sie mehrmals ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten internationalen Red-Dot-Design-Award.

Es gibt echte und unechte Milchbars, sagt die Expertin. Die echten erkennt man daran, dass die Preise Nachkommastellen haben und die auch noch krumm sind. Das liegt daran, dass der Staat die Hälfte des Wareneinkaufs bei den Milchbars subventioniert. Die Ware wird jeden Tag frisch auf dem Markt eingekauft. Diesen Preis müssen die Betreiber wiederum auf die Kundschaft umlegen. Die unechten Milchbars runden die Preise auf.

Die echten Milchbars sind außerdem in der Regel als private Handelsgenossenschaften organisiert. Jede Bar macht ihr eigenes Programm. Deshalb sind die Speisen auch überall etwas unterschiedlich. Systemgastronomie gibt es nicht. Die Breslauer Milchbar Mis in der Ulica Kuznicza 48 etwa serviert "Barszcz", Borschtsch. Im Apetyt in Posen gibt es "Pierogi z truskawkami": Pierogi, gefüllt mit Erdbeermarmelade und garniert mit Erdbeeren, Zucker und Schlagsahne.

Liebenswürdiges Relikt aus der Vergangenheit

Für ihre Abschlussarbeit hat Agnes Sofie Nowicki auch Menschen gefilmt, die in den Milchbars essen. Sie lud Fremde ein und bat, im Gegenzug mit der Kamera bei der Mahlzeit dabei sein zu dürfen. Wenn sie erklärte, dass die Videos für ihre Abschlussarbeit zum Thema Milchbars sind, schüttelten ihre Protagonisten immer wieder ungläubig den Kopf. "Was ist denn an den Bars interessant?"

Für viele Polen sind die Milchbars keine besonders schönen Orte. "Sie sind eher etwas, für das man sich schämt", sagt Nowicki. Sie gelten als Arme-Leute-Lokale, wo jene hingehen, die sich keine besseren Restaurants leisten können. Für Nowicki sind es spannende Räume, in denen Menschen, die sonst kaum aufeinander treffen, wie Studenten und Rentner, an einem Tisch sitzen.

In den Achtziger- und Neunzigerjahren sei das Bild der Milchbars in Polen sehr negativ gewesen, erzählt Nowicki. In dem polnischen Film "Mis" ist sogar zu sehen, wie Personen sich an einen Tisch in der Milchbar setzen und das Geschirr am Tisch festgekettet ist. Auch wenn es das in der Realität nie gegeben hat, so traf die Stimmung im Film wohl doch das Lebensgefühl vieler Polen. Die Bars gelten als dreckig und das Personal als ruppig.

Inzwischen ändert sich das. Vereinzelt entstehen neue Milchbars, die modern aussehen und optisch nichts mehr gemein haben mit den traditionellen Selbstbedienungslokalen. Doch auch die alten, wie aus der Zeit gefallen scheinenden Milchbars haben bei Jüngeren wieder Zulauf.

Vergleichbar mit der deutschen "Ostalgie" sei dieses Phänomen aber nicht, glaubt Nowicki. Denn es sei keine Sehnsucht nach einem verlorenen System. Im Gegenteil: "Die Älteren können inzwischen vergessen, und die Einrichtung Milchbar tut weniger weh." Für die Jüngeren seien sie ein liebenswürdiges Relikt aus der Vergangenheit.

Und manchem zeigen sie in einer Welt, in der man täglich Küchen aus aller Welt probieren kann, wo die eigenen Wurzeln liegen.

Kristin Kruthaup/dpa/abl



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