Auf der Autobahn kurz vor Paris müsste eigentlich der Zauberer von Oz mit einem Schild stehen: "Herzlich Willkommen im Disneyland, dem magischen Land hinter dem Regenbogen". Und eine kleine Warnung dürfte nicht fehlen: "Achtung, Sie verlassen die Realität!" Denn sobald man die Hotels des französischen Freizeitparks betreten hat, ist man schon mittendrin in der Zauberwelt - ob man will oder nicht.
Hier trällert allerorts in den Aufzügen eine Stimme: "Do you believe in magic?" Sie singt es immer wieder aufs Neue, auf dem Weg zum Frühstück oder Abendessen, oder wenn man zurück muss, weil man etwas im Zimmer vergessen hat. Immer wieder: "Glaubst du an den Zauber?" Ich frage meinen achtjährigen Sohn Paul, mit dem ich hierher gereist bin, aber er schüttelt nur mit dem Kopf.
Als Kind bin ich mit Disney-Klassikern wie "Das Dschungelbuch" und "Bernhard und Bianca" groß geworden, aber mein Sohn Paul kennt kaum einen dieser legendären Trickfilme. Als er kleiner war, hat er zur Musik von "Madagascar" getanzt, er zitierte aus "Ice Age" und nachdem er "Kung Fu Panda" sah, wollte er unbedingt einen Kampfsport erlernen. Keiner dieser mit dem Computer generierten Filme stammt von Disney, das Micky-Maus-Imperium war nur eine Randerscheinung seiner Kindheit. Wie also findet so ein Junge Disneyland?
Das Land hinter dem Regenbogen besteht aus leuchtenden Primärfarben, schier unerschöpflichen Fressbuden, die unaufhörlich betörende Düfte aussenden - und Musik. Immer und überall Musik. Im Disneyland geht es von einer Geräuschkulisse in die nächste: Von den magischen Liedern über die Melodien aus "Fluch der Karibik" bis zu den Hits von Michael Jackson. Ruhe gibt es in diesem Land nicht, das dieser Tage seinen 20. Geburtstag feiert.
Eigentlich ist es nicht nur ein Land, sondern es sind zwei. Es gibt den Disneyland Park und den Walt Disney Studios Park. In Ersterem wohnen Micky, Donald, Goofy, Schneewittchen und die anderen klassischen Figuren, in Letzterem kann man ein bisschen hinter die Filmkulissen der Traumfabrik schauen.
Im Piratenschiff ist es zu nass
Im Disneyland Park wird man auf der Main Street empfangen, der Nachbildung einer amerikanischen Hauptstraße im Stil der fünfziger Jahre. Sie führt schnurstracks auf ein wunderschönes rosa Schloss zu. Es ist dasselbe Schloss, das sich auch im Logo des Disney-Konzerns findet. Weil man es schon so oft gesehen hat, nimmt man es eigentlich nicht mehr war.
Um das Schloss sind vier Welten angeordnet: Discoveryland, Fantasyland, Adventureland und Frontierland. Ich schleppe Paul ins Fantasyland, die Attraktionen dort sind an die Disney-Klassiker angelehnt - von Pinocchio bis Peter Pan. "So, was willst du machen?", frage ich Paul, aber er zuckt nur mit den Schultern. Die Attraktionen hier sind wohl eher etwas für die ganz Kleinen - wir suchen besser eine andere Welt auf.
Im Adventureland sieht es schon anders aus, denn Disney hat nicht nur Zeichentrickfiguren zu bieten: Hier hausen die Piraten aus "Fluch der Karibik" und Indiana Jones nimmt einen mit der Achterbahn auf Tour durch den "Tempel der Gefahren". Dazu muss man allerdings mindestens 1,40 Meter groß sein - und das ist Paul nicht. Im Piratenschiff wird man nass, dazu hat Paul auch keine Lust. "Eigentlich will ich nur auf den Spielplatz", sagt er.
Das Disneyland Paris ist eine einzige Reizüberflutung. Es gibt zu viel von allem: zu viel Musik, zu viel Essen, zu viele Fahrgeschäfte. Eigentlich müsste man meinen, dass die Kinder von heute an das Überangebot und die Schnelligkeit gewöhnt sind - von ihren Spielkonsolen und den neuen Fernsehserien, deren Schnittfolge so schnell ist und deren Figuren so viel quasseln, dass man als Erwachsener Kopfschmerzen bekommt. Aber nein, mein Kind wird lethargisch.
"Auf den Spieplatz kannst du auch zu Hause - wir sind doch in Disneyland", sage ich. Paul überlegt: "Vielleicht können wir Autogramme der Charaktere sammeln gehen?" Jungs in diesem Alter sammeln ja alles: Fußballkarten, Pokemon oder Star-Wars-Figuren. "Und wen würdest du gerne treffen?" frage ich. "Darth Maul", sagt er.
Künstliche Welt in einer künstlichen Welt
Darth Maul ist ein Bösewicht aus "Star Wars" und lebt bekanntlich im Weltraum, weswegen wir ins Discoveryland laufen. Im Discoveryland dreht sich alles um Technik und Raumfahrt. Dort lebt zum Beispiel der Astronaut Buzz Lightyear aus "Toy Story". Sein "Laser Blast", bei dem man in kleinen Wagen durch eine Kulisse fährt und böse Außerirdische abschießen darf, ist die neueste Attraktion des Parks. Paul ist begeistert von der Schießerei und dem Punkte sammeln. Da muss man keine Entscheidungen treffen, immer nur auf die nächste Zielscheibe draufhalten.
Ein paar Häuser weiter spielt Michael Jackson in einem 3-D-Film die Hauptrolle: Als Captain EO kämpft er für das Gute. Der Film ist aus den achtziger Jahren. Der King of Pop, der künstlichste aller Menschen, rettet eine künstliche Welt in einer künstlichen Welt. Viel weiter kann man sich von der Realität kaum entfernen. "Michael Jackson, das ist doch der, der die ganzen Tabletten genommen hat", sagt Paul. "Hat er die genommen, weil er sein Leben blöd fand?" Ich antwortete: "Das kann schon sein, dabei hatte er einen eigenen Freizeitpark in seinem Garten." Darth Maul läuft uns nicht über den Weg, aber es gibt einen Flugsimulator, der uns auf den Todesstern von "Star Wars" bringt.
Pauls Augen sind riesig, als wir den Simulator verlassen. "Wow, das war cool!" schreit er mir in seiner Aufregung ins Ohr. Danach ergießt sich eine detaillierte Erklärung des Todessterns und der Raumschiffe über mich, die ich nicht verstanden und deshalb sofort wieder vergessen habe. Wenn es nach Paul ginge, hätten wir den Flugsimulator auch für den Rest des Tages nicht verlassen.
Mein Sohn ist ein Gewohnheitstier, hat er einmal etwas gefunden, das er mag, gibt es keinen Grund mehr, sich für etwas Neues zu entscheiden oder etwas Besserer zu suchen. Genau das ist es aber, was man tun sollte, wenn man im Disneyland ist: Für einen Spielplatz und zwei Fahrgeschäfte - die Ausbeute unseres Tages - ist der Spaß einfach zu teuer.
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