Mittsommer auf den Schären: Schwedens blumige Sommersause

Sie stecken sich Blüten ins Haar, schmücken einen Maibaum und zelebrieren die langen Tage des Jahres. Ende Juni feiern die Schweden den Mittsommer. Auf einer der 5000 Inseln vor Västervik geben sie den Deutschen darin sogar Nachhilfe.

Schweden: Picknick auf dem Schärenfelsen Fotos
TMN

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Västervik - Flinke Hände schmücken die Maibaumstange mit zwei Kränzen. Die Zuschauer applaudieren, als kräftige junge Männer den Mittsommerbaum aufrichten. Ein Musikantentrio spielt auf, alle singen Volksweisen und Trinklieder. Die Leute, die herbeiströmen, bringen noch mehr Blumen mit: Eichenlaub und Ginsterzweige, Lupinen und Margeriten. Idö feiert Mittsommer, in Schweden das zweitwichtigste Fest des Jahres hinter Weihnachten.

Rund 300 Kilometer südlich der Hauptstadt Stockholm breitet sich vor Västervik auf 70 Kilometern Länge eine wenig erschlossene Welt kleiner Inseln aus. Nur die beiden größeren Inseln Idö und Hasselö sind im Sommer durch Schiffslinien mit dem Festland verbunden. Andere sind nur ein paar Quadratmeter groß und ragen als blanke Felsen aus dem Meer.

Anders als die Schären vor Stockholm sind die meisten der Inseln vor Västervik unbewohnt. Segler und andere Wassersportler steuern die Buchten an und erleben hier beim Picknick auf den Schärenfelsen die pure Einsamkeit.

Die lebendige Kleinstadt Västervik mit rund 21.000 Einwohnern hat für Feriengäste viel zu bieten. Mehr als 3000 Stuga, kleine Ferienhäuser, gibt es hier in allen Komfort- und Preisklassen, vom Luxushaus bis zur Behelfsunterkunft. Die nobelste Variante wartet mit Seeterrasse und Panoramablick in die Schärenwelt auf. Die bescheideneren Stuga bieten zwar ebenfalls schöne Aussichten, aber meistens keinen Stromanschluss. Sie sind mit Omas Möbeln bestückt und die Toilette befindet sich im Herzhäuschen nebenan.

Mittsommertraining für die Deutschen

Die Hochsaison ist kurz und entspricht in etwa den schwedischen Schulferien: Am Mittsommerwochenende um den 22. Juni und zwischen 2. Juli und 19. August zieht es die Schweden an die Ostseestrände und in die Schärenwelt. In den ersten Juniwochen und im September ist es weitaus ruhiger in der Ferienregion. Die Mietpreise für Urlaubsquartiere sind dann deutlich niedriger. "In dieser Zeit kommen die Ruhesuchenden zu uns", sagt Tourismuschefin Stine Porsgaard.

Nach den Schweden selbst stellen die Deutschen die größte Urlaubergruppe. Für sie haben die Västerviker ein spezielles Mittsommertraining erfunden. Am Vortag erfahren sie beim Mittsommerlunch und während eines Grillabends mit Gitarrenmusik von Fremdenführern mehr über die Bräuche der Mittsommerfeier. "Genau seit 50 Jahren feiern wir Midsommarafton, den Mittsommerabend, immer an dem Freitag, der zwischen dem 20. und dem 26. Juni liegt", sagt Mittsommer-Expertin Susanne Rehorn.

1953 wurde dieser Festtag per Gesetz festgelegt, die meisten Geschäfte sind dann geschlossen. "Bei uns fahren viele auf die Schäreninsel Idö und tanzen um den Maibaum", sagt Rehorn. Diese Bezeichnung des geschmückten Baumstammes habe allerdings nichts mit dem Monat Mai zu tun, sondern gehe vielmehr zurück auf das altertümliche Wort Maja, was soviel bedeute wie "mit Blumen schmücken".

Der schwedische Mitsommerabend beginnt bereits am Mittag - bei einem üppigen Mahl mit Hering, neuen Kartoffeln, Bier, Schnaps und anschließender Kaffeetafel mit Erdbeertorte. Wie auf der Schäreninsel Idö sind in Västervik an mehr als 20 Plätzen Urlauber zum Mitfeiern willkommen. Tourismuschefin Porsgaard rät allerdings: "Urlauber sollten sich zuvor informieren, wo sie mitfeiern können." Denn es gebe auch kleine Siedlungen in der Großgemeinde Västervik, wo die Einheimischen an diesem Festtag lieber unter sich bleiben möchten.

Kanutour durch die Schären

Das Freizeitangebot in Västervik ist groß. Urlauber radeln auf der gekennzeichneten Kustlinjen-Route von Loftahammar über die stille Landstraße zum abgelegenen Flecken Flatvarp, machen eine Kanutour durch die Schären oder laufen die Tagesetappe auf dem Tjustleden-Wanderweg. Wer nur entspannen will, kann an einem der Sandstrände einfach den Tag verbummeln. Sogar Kletterer reisen ins Schärenland, um eine der hoch aufragenden Klippen zu bezwingen.

Auch wer sich für den Fischfang interessiert, findet das passende Angebot. Zwischen Mai und September nimmt Tomas Liew nach Absprache Feriengäste mit an Bord, um zwischen den kleinen Eilanden die Netze und Reusen auszulegen.

Vor etwas mehr als 15 Jahren kam er auf die Schäreninsel Sladö und ist seitdem Fischer. "Meine Frau Karina wurde hier geboren, ich stamme aus Västervik", erzählt der rüstige Rentner, der einst für das Rote Kreuz in Sri Lanka und Nordkorea unterwegs war. In der Einsamkeit von Sladö - sechs Männer und Frauen, ein Hund und eine Katze leben hier - hat Liew seine Ruhe gefunden. "Nicht so ganz", wirft Liew schmunzelnd ein.

Plattfisch im Netz

Früh aus den Federn, heißt es für ihn und die Gäste am Morgen, wenn sie zusammen mit Tomas die Netze einholen. Strahlend steht die Sonne am tiefblauen Himmel über dem Schärengarten. Kein Windzug regt sich, nachdem tags zuvor ein Gewittersturm die Fluten aufgewühlt hatte. Viel zappelt dieses Mal nicht in den Netzen. Ein paar Plattfische, ein Dorsch und ein Seebarsch haben sich in den Maschen verfangen. Vielleicht liegt es am Wetterwechsel.

Doch der Fischer gerät ins Schwärmen: von den 5000 Inseln vor Västervik, vom Herbst auf den Eilanden mit stabiler Witterung, den goldgelben Farben des Birkenlaubs und den wenigen Urlaubern, die noch im Oktober in den schönsten Schären Schwedens unterwegs sind. "Richtig hart wird es bei uns erst in den Monaten danach", sagt Liew.

"Im Spätherbst und Frühjahr ist die Eisdecke der zugefrorenen Ostsee tagelang nicht dick genug, um darauf mit dem Schneemobil von Sladö bis Västervik zu kommen." Der Schiffsverkehr ist längst eingestellt. Dann sind die sechs Menschen, ein Hund und eine Katze ganz auf sich alleine gestellt. Aber bis zum Winter sind es noch ein paar Monate. Jetzt kommt erst einmal Mittsommer.

Bernd F. Meier/dpa/jus

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Hysterisches Midsommerfest.
vongestern 13.06.2013
Wenn es nur 3 Monate im Jahr gibt, in denen man ohne Winterkleidung sich im Freien aufhalten kann, dann feiert man eben diesen kurzen Sommer wie in der Steinzeit.
2. Diese ganze Schweden-Lobhudelei
alter_verwalter 13.06.2013
Diese ganze Schweden-Lobhudelei ist einfach nur nervig. Die Leute da sind geistig so unglaublich verklemmt und politisch korrekt, dass es schon weh tut. Dass so ein Land immer als romantisches Idyll herhalten muss, ist einfach peinlich. Da gibt es in Deutschland viele interessantere Aspekte, über die man viel zu wenig liest.
3.
Monsterpudel 13.06.2013
Zitat von vongesternWenn es nur 3 Monate im Jahr gibt, in denen man ohne Winterkleidung sich im Freien aufhalten kann, dann feiert man eben diesen kurzen Sommer wie in der Steinzeit.
Sie scheinen sich ja auszukennen. In Wirklichkeit tragen die Skandinavier genauso lange keine Winterkleidung wie wir. Denn wenn Sie in Skandinavien längst einen Mantel bräuchten, spielt man dort noch in Shirts und Shorts Federball. Schon mal beobachtet, dass ein Zentralafrikaner noch friert, wenn Sie meinen es sei heiß? Genauso ist es auch andersherum. Aber Hauptsache mal etwas von sich gegeben zu haben, strotze es auch noch so von Sinn- und Ahnungslosigkeit.
4. Aber, aber Monsterpudel!
vongestern 13.06.2013
Zitat von MonsterpudelSie scheinen sich ja auszukennen. In Wirklichkeit tragen die Skandinavier genauso lange keine Winterkleidung wie wir. Denn wenn Sie in Skandinavien längst einen Mantel bräuchten, spielt man dort noch in Shirts und Shorts Federball. Schon mal beobachtet, dass ein Zentralafrikaner noch friert, wenn Sie meinen es sei heiß? Genauso ist es auch andersherum. Aber Hauptsache mal etwas von sich gegeben zu haben, strotze es auch noch so von Sinn- und Ahnungslosigkeit.
Ach, Monsterpudel. Ich lebe seit 43 Jahren in Stockholm. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich den Sinn des "hysterischen" Feierns des Sommers verstanden habe. Heute nehme ich genauso daran Teil, wie die "Einheimischen". Man hat eben nur 3 Monate im Jahr, draussen sich aufzuhalten, ohne krank zu werden. Im übrigen sind die Leute in Schweden genauso "normal" wie woanders.
5. Typisch
Curaidh 13.06.2013
Zitat von alter_verwalterDiese ganze Schweden-Lobhudelei ist einfach nur nervig. Die Leute da sind geistig so unglaublich verklemmt und politisch korrekt, dass es schon weh tut. Dass so ein Land immer als romantisches Idyll herhalten muss, ist einfach peinlich. Da gibt es in Deutschland viele interessantere Aspekte, über die man viel zu wenig liest.
Ohne eigene Erfahrung erstmal drauflosmeckern? Mein Vorschlag: Erst einmal ein paar Jahre hier in Schweden leben, und dann reden. Im Vergleich mit Deutschland ist das hier definitiv das reinste romantische Idyll. Und ich habe mehr als 30 Jahre Deutschland hinter mir.
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