Sommersonnenwende Fünf schlaflose Nächte durch Nordosteuropa

Wer rund um die Sommersonnenwende in Nordosteuropa unterwegs ist, kann die Woche zu einem endlosen Tag machen. Marc Oliver Rühle hat die weißen Nächte an fünf unterschiedlichen Orten erlebt.

Marc Oliver Rühle

"Es war eine wundervolle Nacht, eine solche Nacht, wie sie vielleicht nur vorkommen kann, wenn wir jung sind" - so beginnt Fjodor Dostojewskis Buch "Weiße Nächte". Er schreibt über die Nächte in Nordeuropa, in denen es rund um die Sommersonnenwende nie richtig dunkel wird. Wir wollten wissen, wie das ist.

Den Termin dafür gibt jedes Jahr die Astronomie vor: Sommersonnenwende ist immer am 21. Juni. Ihre Mittsommerfeiern legen einige der Nordländer aber auf den jeweils nächstgelegenen Samstag. Den kulturellen Höhepunkt erreichen die weißen Nächte darum in diesem Jahr erst am 23. Juni.

Wir begannen unsere Erkundung der Mittsommerzeit im vergangenen Jahr in Sankt Petersburg. Am späten Nachmittag des 20. Juni steht dort die Sonne noch immer hoch über dem Newski-Prospekt, der historischen Prachtstraße der zweitgrößten Stadt Russlands. Hier reihen sich Cafés, Palais, Kathedralen und Kaufhäuser aneinander wie zu Zaren-Zeiten. Überall flanieren Einwohner und Touristen.

Selbst gegen 20 Uhr zeichnet sich kein Sonnenuntergang ab. Wir erleben eine kognitive Dissonanz: Man weiß, dass es Abend ist, aber man fühlt, dass das nicht stimmen kann.

Der Milchhimmel: Zeit der Undunkelheit

Nach dem Abendessen an einem der vielen Newa-Kanäle ist es dann so weit: Die Sonne versinkt um 22.23 Uhr. Doch sie steht nur knapp unter dem Horizont, der wie von einer Feuersbrunst hell erleuchtet wirkt. Nach und nach entsteht eine Form der Dunkelheit, die eher an eine anhaltende, silbrig-graue Morgendämmerung erinnert. So neigt sich zwar laut Uhrzeit der Tag dem Ende zu, nicht aber das Tageslicht.

Und dann ist es, als gieße jemand Milch in den Abendhimmel. Gegen ein Uhr versteht man, warum man von weißen Nächten spricht. Vor dieser Kulisse leihen allein die Silhouetten der prunkvollen Gebäude der Nacht ein paar dunkle Schatten. Und dann ist es mit einem Mal drei Uhr am Morgen und der neue Tag, der gefühlt noch der vorherige ist, beginnt.

Sonnenaufgang: War da Nacht?

Auf der Taxifahrt ins Hotel rauscht die schlaflose Stadt vorüber, noch immer ist der Newski-Prospekt voller Menschen. Eine halbe Stunde später geht die Sonne schon wieder auf.

Entsprechend seltsam ist das Zubettgehen. Das Hotelzimmerrollo ist keine große Hilfe. Aller Müdigkeit zum Trotz erfasst eine Energie den Körper, die uns nach kurzem Schlaf wieder nach draußen drängt.

Am Abend geht es nach Westen, mit dem Expresszug gen Helsinki. Nur drei Stunden und 27 Minuten dauert die Fahrt. Wir haben Zeit. Es ist der 21. Juni, der längste Tag des Jahres.

Fotostrecke

11  Bilder
Mittsommer in Nordosteuropa: Weiße Nächte

Wir erreichen Helsinki kurz nach Sonnenuntergang, um 23.57 Uhr. Eine friedliche Ruhe liegt über der Stadt. Im Norden schimmert es Dunkelblau, kontrastreicher als vor 24 Stunden, schärfer in den Abstufungen. Bereits ab zwei Uhr bis zum Sonnenaufgang gegen vier zwitschern die Vögel - ein weiteres Schlafhindernis. Das permanente Licht bringt jeglichen Rhythmus durcheinander.

Raus aus der Stadt: Licht muss man feiern

Am dritten Reisetag führt die Route nach Westen, aufs Land in die Nähe von Turku. Die Landschaft ist hier flach und kieferngrün, es gibt weniger Menschen. Wir wollen zum Mittsommerfest am Abend. Mit dem Überlandbus geht es zur Ortschaft Kaarina, rund 160 Kilometer von Helsinki entfernt.

Die Dorfgemeinschaft kommt unweit eines kleinen Wäldchens zusammen. Es gibt einige Hütten, Holztische und -bänke. Torten, geräucherten Fisch, die ersten Kartoffeln des Jahres. Dazu Bier, manchmal etwas Nieselregen und viele Kinder.

Eine leichte Aufgeregtheit setzt ein, wie zu Weihnachten. Eine Art Maibaum wird aufgestellt. Es werden spezielle Speisen zubereitet, Verwandtschaft zusammengetrommelt, aufwendige Blumenkränze geflochten und die Häuser mit Birkenzweigen geschmückt.

Juhannus nennt man das Mittsommerfest in Finnland. Dann, so munkelt man, käme sogar der zurückhaltende Finne raus aus seiner Haut, tanze und singe ausgelassen - so will es der Brauch. Etwa um 22 Uhr wird das Feuer entzündet, ursprünglich ein heidnischer Tribut an Ukko, den Gott des Donners, der auch den Regen befehligte - also jemand, mit dem man sich gut stellen sollte. Man feiert, dass der Winter so fern ist und der Sommer so gegenwärtig.

Wir erleben den Morgen darauf mit Melancholie. Der Abschied von dieser Weitläufigkeit, von Mittsommer und weißen Nächten fällt schwer.

Was bleibt?

Am helllichten Abend verlässt die Fähre Turku gen Stockholm, unserer letzten Station. Etwa acht Stunden dauert die Überfahrt nach Schweden. Die Nacht ist wolkenlos. Durch das Bullauge der Kabine scheint das Meer dunkler als der Himmel.

Der Sonnenaufgang um etwa 3.30 Uhr gibt den Augen dann den Rest und der erschöpfte Schlaf fällt zwar tief, aber wieder viel zu kurz aus. Wir landen gegen sieben.

Müde von fünf erhellten Nächten und einem gefühlten 120-Stunden-Tag lässt sich das königliche Stockholm kaum mehr aufnehmen. Irgendwann ist es auch hier soweit: Die Straßenlaternen leuchten auf und die Nacht hat offiziell begonnen. Doch das Rot der Sonne steht noch am Horizont.

Noch einmal wandern wir durch dieses Zwischenreich, das weder hell noch dunkel werden will. In der mittelalterlichen Altstadt herrscht eine Piazza-Atmosphäre wie in Italien. Überall Menschen, die den Un-Rhythmus des Lichts genießen.

Und dann scheint es, als gehe dort hinter den großen Kirchtürmen schon gleich wieder die Sonne auf.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ellrodt 21.06.2018
1. Maistang...
heißt eigentlich schon genau das, was sich anbietet: Mai-Stange, also der gute alte Maibaum, der in Skandinavien inzwischen vorwiegend zu Mitsommer aufgestellt wird (z.B. in Norwegen aber auch noch am 30. April / 1. Mai). Weil im Westen Finnlands (Turku) viele Finnlandschweden leben, ist der Name geblieben. Finnisch heißt das dann Juhannussalko = Johannis-Stange.
Sibylle1969 21.06.2018
2.
Ich hatte mal die Gelegenheit, an einem 19. Juni geschäftlich in Helsinki zu sein. Leider war es bewölkt, so dass die Weiße Nacht nicht so richtig zur Geltung kam. Gegen Mitternacht riss die Bewölkung dann doch auf, und ich war beeindruckt, am nördlichen Horizont noch letzte Strahlen Sonnenlicht zu sehen. Richtig dunkel war es nicht. Um 3:30 Uhr war es schon wieder taghell.
sikasuu 21.06.2018
3. Ja Mitsommer in Suomi:-) ist schon gewöhnungsbedürftig!
Den letzten 2017, ca. 65°N, 30′ O, (ein bisschen weiter nördlich als Helsinki &Leningrad, gab es 5°C, Regen, 70km nördlich waren am gleichen Tag 10-15 cm Schnee gefallen, Wind 4-5 Bft.... . Hatten die halben Wintersachen wieder ausgepackt um auf dem Steg dem Feuer zu zuschauen, wie üblich aus zersägten alten Holzbooten... Lapin Kulta/Karhu war "naturgekühlt", am Tanzplatz 5 große Feuer (sonst wäre man/Frau trotz Tanz "erfroren" ;-) ... . ... aber schön wars doch:-)
mol1969 21.06.2018
4. Nordsee
Selbst innerhalb Deutschlands sind die Unterschiede deutlich spürbar. Ich war Anfang Juni auf der Nordseeinsel Föhr, fast 1000 KM nördlich von meiner süddeutschen Heimat. Sonnenuntergang war kurz vor 22:00 Uhr, bis gegen 22:30 Uhr war es nicht richtig dunkel. Als ich wieder nach Hause kam, kam es mir hier richtig dunkel vor. Die Differenz wird bei einer knappen halben Stunde gelegen haben.
lachina 21.06.2018
5. Wir in Kiel haben so ein bißchen davon....
es wird schon dunkel, aber erst gegen 22.30 - und im Norden sieht man einen Schimmer, wie einen Vor- Sonnenaufgang, der die ganze Nacht bleibt. Und vor 4 Uhr fangen die Vögel und die Möwen an, Krach zu machen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.