Landunterkünfte in der Republik Moldau Aus Alt mach Öko

Echte Ochsenkarren, alte Weinpressen, verfallene Steinhäuser: Die kleine Gemeinde Butuceni in der Republik Moldau prosperiert nicht gerade. Ein Ex-Anwalt machte aus der Not eine Tugend: Er gründete ein Ökodorf - und will Touristen in die Ödnis locken.

Martin Cyris

Von Martin Cyris


Der kräftige Ochse zieht stoisch einen knarrenden Holzkarren hinter sich her. An den hölzernen Felgen drehen sich abgefahrene Autoreifen. Auf der ungefederten Rappelkiste hält Radu die Zügel in der Hand und grüßt. Der Bauer aus dem Dorf Butuceni hat Maishalme geladen. Die bringt er als Winterfutter in den Stall zu seinen Schafen.

Ochsenkarren sind in weiten Teilen Europas zur Rarität geworden. Ein Relikt aus Urgroßmutters Zeiten. Doch in den ländlichen Regionen der Republik Moldau, auch als Moldawien bekannt, poltern noch viele dieser Vehikel über die zumeist staubigen Straßen. Sogar so manchen Pflug ziehen die Ochsen hinter sich her.

Butuceni befindet sich eine gute Autostunde nördlich der moldauischen Hauptstadt Chisinau, die Grenze zur Ukraine ist nur wenige Kilometer entfernt. Osteuropäische Randlage. Ein Platz, um in Vergessenheit zu geraten. Aber auch, um die Zeit zu vergessen. Das Dorf liegt in einem canyonartigen Flusstal, das stark an die Moselschleife erinnert. Felswände umarmen das Dorf. Sie sorgen für ein Gefühl des Beschütztseins, der Stille, der Aufgehobenheit.

Gesünderes Essen und ein entschleunigtes Leben

Viel ist hierzulande nicht bekannt über die Kultur des kleinen Landes, etwa so groß wie Nordrhein-Westfalen. 2005 hatte es mal einen großen Auftritt, beim Eurovision Song Contest. Die Rockband Zdob si Zdub, nationale Superstars, erregte mit einer trommelnden Großmutter auf der Bühne Aufsehen. "Bunica bate toba" so ihr Song, auf Deutsch etwa: "Oma haut die Trommel."

Ex-Anwalt Anatolie Botnaru besitzt mehrerer Öko-Unterkünfte in Butuceni
Martin Cyris

Ex-Anwalt Anatolie Botnaru besitzt mehrerer Öko-Unterkünfte in Butuceni

In ihrer Tracht sah die Oma aus wie viele Alte in Moldaus Dörfern. "Ach, Zdob si Zdub", sagt Anatolie Botnaru und winkt verächtlich ab, "die sind bloß Fake." Der Besitzer mehrerer Öko-Unterkünfte in Butuceni mag es echt und unverfälscht.

Tradition und Authentizität muss Botnaru nicht erst suchen, beides ist in Butuceni ganz selbstverständlich da, Alltagssituation. In fast jedem Hof stehen Trinkwasserbrunnen, alte Butterfässer, Weinpressen mit Handkurbeln. Nicht zur Dekoration, sondern zur Verwendung.

200 Häuser gibt es in Butuceni und zwei Krämerläden, so genannte Magazine. Dort gibt es alles, von Gummistiefeln über Dosenwurst bis zu Schnaps. Bedarf für die übrig gebliebenen 150 Einwohner. Der Rest ist in die Hauptstadt Chisinau abgewandert, weil sie zwar dem Land etwas abgewinnen konnten - die Böden sind äußerst fruchtbar -, aber nicht dem Landleben.

Nach und nach hat Anatolie Botnaru in den vergangenen Jahren mehrere Häuser gekauft, um sie vor dem Verfall zu retten und in Landunterkünfte für Gäste umzuwandeln. Im Restaurant gibt es ausschließlich zu essen, was in den Vorgärten und auf den Feldern wächst. "Die Bauern sind zu arm, um Schädlingsbekämpfungsmittel zu kaufen", sagt Botnaru. Armut sei deshalb auch eine Chance. Für gesünderes Essen und ein entschleunigtes Leben.

Bioabfälle werden kompostiert statt verbrannt. Geheizt wird mit traditionellen Grundöfen, sogar Holzofensauna und Swimmingpools gibt es. Wenn der Strom ausfällt - keine Seltenheit - stehen überall Kerzen parat. Mittlerweile besitzt der Ex-Anwalt 17 Gebäude plus Bauernhof mit traditioneller Bewirtschaftung - ein kleines Öko-Dorf im Dorf. Geld gemacht hat Botnaru mit der Erfindung und dem Bau von technischem Zubehör in der Weinabfüllung. Wein ist Hauptexportgut des Landes.

Als Moldau noch Sowjetrepublik war, wurde in Butuceni Tabak angebaut und weiterverarbeitet. "Die Kolchose trug den Namen 'Sieg', stell dir das mal vor", sagt Anatolie Botnaru und klopft sich vor Lachen fast auf die Schenkel - um gleich darauf heftig den Kopf zu schütteln. "Der Sozialismus hat die Arbeitsmoral unserer Bevölkerung kaputt gemacht", sagt er. Eigeninitiative sei vielen abhanden gekommen. "Heute Morgen habe ich jedem einzelnen gesagt, wo der Sand abgeladen werden soll, wenn die Lieferung kommt. Kaum bin ich weg, rufen sie mich an und fragen, wo der Sand abgeladen werden soll. Es ist zum Verrücktwerden", sagt Botnaru.

Wie in guten alten Zeiten: Ein Bauer mit Pferdegespann
Martin Cyris

Wie in guten alten Zeiten: Ein Bauer mit Pferdegespann

Für sein Öko-Dorf nimmt er daher vieles selbst in die Hand. Botnaru hängt in Eigenregie Plakate auf, die zu besonnener Fahrweise in Butuceni mahnen. Nicht nur wegen der Luft, sondern vor allem wegen der immensen Staubentwicklung. Er redet auf seine Nachbarn ein, Bioabfälle zu kompostieren statt zu verbrennen. Baugenehmigungen holt er ein, wenn die Umbauten bereits über die Bühne sind. "Die Beamten stehen meistens mit offenem Mund da und sagen: 'vorbildlich'", erzählt Botnaru. Den Beamten fehlen freilich Vergleiche, weil es andere derartige Projekte in Moldau nicht gibt. Außerdem existieren keine landesweit anerkannten Standards oder Zertifizierungen für Öko-Unterkünfte.

Künftig will Botnaru auch im Winter Gäste bewirten. Etwa Pärchen, die sich auf historischen Pferdekutschen durch die romantische Landschaft ziehen lassen. Von überall her ist das Kloster Orheiul Vechi zu sehen. Es thront auf einem Grat über dem Dorf. Wegen eines Formfehlers wurde die Anerkennung als Unesco-Weltkulturerbe verweigert. Doch demnächst soll es mit dem Titel klappen.

In einem angrenzenden Felsenkloster wohnen eine Handvoll Mönche in bescheidendsten Verhältnissen. Es kann besichtigt werden. Die Klosterkapelle wird gerne von Brautpaaren aufgesucht. Ein verfallenes Tabaklager aus Kolchosezeiten will Botnaru in ein Café verwandeln.

Außerdem träumt er von einem Besucherzentrum. Er geht davon aus, dass immer mehr Touristen den Weg nach Butuceni und zum Kloster Orheiul Vechi finden. "Du glaubst gar nicht wie sehr ich mich jedes Mal freue, wenn ich Englisch, Deutsch oder Holländisch in Butuceni höre", sagt Botnaru. Dann wisse er, dass Europa Moldau nicht vergessen habe.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
ec109 29.01.2015
1. Nicht nur in Moldawien
In Bosnien-Herzegowina, wo ich herkomme, gibt es genau solche Dörfer auch noch bzw. komme ich aus so einem Dorf! Wunderbar zur Erholung und zur Entschleunigung!!!
tradepro 29.01.2015
2. Klingt Idyllisch, ist es aber nicht
Klingt unheinlich idyllisch. Moldawien ist ein bitterarmes Land und die Menschen auf dem Land leben in erbärmlichen Bedingungen. Kein Holz zum Heizen in den sehr kalten Wintern & baufälligen Häusern. Nicht ausreichend zu Essen. Keine medizinische Versorgung etc. etc. Selbst in den wenigen größeren Städten ist das Leben hart. Derzeit bricht alles zusammen weil die im Ausland (Russland, Europa etc.) tätigen nicht mehr in der Lage sind Geld nach Hause zu senden. Idyllisch vielleicht für einen Europäer, nicht aber wenn man sein ganzes Leben & die letzten Jahre in der Pension so verbringen muss
Monsieur_Saupiquet 30.01.2015
3. Hauptstadt
Lieber Redakteur, ich empfehle VOR dem Schreiben des Artikels erstmal sich zu informieren. Aus CHISINAU so eben mal CHIINU zu machen ist schon ein fataler Fehler. Aber vielleicht gibt es bei Ihnen auch noch eine sowjetische Besatzungszone, wenn man von Moldawien spricht. Es heisst Republik Moldau.
JensA 30.01.2015
4. man kauft ein Dorf und zwingt die Einwohner mitzuspielen
Ich würde das nicht so toll finden, wenn jemand mein Dorf aufkaufen würde und sich mit Geld zum Meinungsführer aufschwingt. Bei allem wirtschaftlichen Vorteilen nicht. Zwischen Vorbildfunktion und persönlicher Vereinnahmung gibt es einen deutlichen Unterschied.
egoneiermann 30.01.2015
5.
Vielleicht sollte man das Land wirklich mal besuchen solange es noch existiert. Sowohl Rumänien als auch Russland sehen das als ihr Territorium an. Ich tippe mal auf Russland, die sind ja dabei die Eroberungen von der ollen Katharina zu widerholen.
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