Mein Weg auf den Mont Blanc Mal in die Gletscherspalte springen

Spaltenbergung, Selbstrettung, Gehen auf Steigeisen - all das muss perfekt beherrschen, wer einen Berg wie den Mont Blanc bezwingen will. Katherine Rydlink macht sich in den Ötztaler Alpen fit dafür.

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Ein kurzer, hoher Schrei - und von Elena ist nichts mehr zu sehen. Dafür zieht es heftig am Seil. Die 27-Jährige ist in eine Gletscherspalte gerutscht und hängt jetzt hilflos in ihrem Klettergurt. Am anderen Ende des Seils stemmen Matthias und ich die Zacken unserer Steigeisen ins Eis, um nicht nach vorne gezogen zu werden.

Matthias, der direkt hinter Elena gelaufen ist, beginnt hektisch mit seinem Eispickel auf den Gletscher einzuhacken. Er kratzt altes Eis beiseite, um die Eisschraube hineinbohren zu können. Meine Oberschenkel brennen, ich muss mich mit voller Kraft gegen den Zug lehnen. Endlich hat Matthias vorschriftsmäßig die Schraube gesetzt und seine Schlinge eingeknotet - damit wird Elenas Gewicht aufgefangen und meine Beine können sich wieder entspannen.

Zur Person
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    Katherine Rydlink, geb. 1988, arbeitet seit drei Jahren bei SPIEGEL ONLINE. Sie kommt aus Würzburg. Erst im flachen Norddeutschland hat sie ihre Liebe zum Klettern entdeckt. Auf einem Viertausender stand sie noch nie. Einen Versuch ist es trotzdem wert, denkt sie, und will in diesem Sommer den Mont Blanc besteigen. Drei Monate hat sie für die Vorbereitung.

Nun bin ich dran: Wie war das noch einmal mit dem Prusik? Ich zögere. Achja. Ich fädele den Klemmknoten, überprüfe ihn sorgfältig und laufe langsam das Seil entlang bis vor zum Spaltenrand. Dort unten hängt Elena und sieht fast ein bisschen gelangweilt aus.

"Alles okay?", frage ich. "Ja", kommt es von unten. "Dann holen wir dich jetzt hoch", kündige ich an und lasse ihr am Seil einen Karabiner hinunter. Auf mein Kommando ziehen wir die 27-Jährige aus der Spalte. "Joa, das hätt' scho' no' a bissl schneller gehn können, gell?", sagt Abi, unser Bergführer, in seinem Tiroler Dialekt. "Mit den Knoten, das war noch a bissl unsicher, aber eh scho' gut so."

Elenas Sturz war kein echter. Sie ist mit Absicht in die Spalte gesprungen, damit wir die Spaltenbergung üben können - eine unverzichtbare Übung, wenn man auf einem Gletscher unterwegs ist.

Ambitionierte Ziele für nicht einmal sieben Tage

Beim "Grundkurs Eis" am Taschachgletscher in den Ötztaler Alpen lernen wir, wie wir uns in Schnee und Eis sicher bewegen können. Fünf Leute sind wir, allesamt mit sehr unterschiedlichen Vorkenntnissen und sehr unterschiedlichen Zielen. Doch in dieser Woche müssen wir lernen, uns zu vertrauen.

Abi bringt uns bei, auf Schneefeldern und Gletschern zu gehen, Stürze abzubremsen, wie wir uns in einer Seilschaft sichern und welche Ausrüstung wir für eine Hochtour benötigen. Auch Selbstrettung, Wetter- und Kartenkunde, Abseilen und Eisklettern gehören zum Ausbildungsprogramm.

Ambitionierte Ziele für nicht einmal sieben Tage. Aber auch notwendige, denn wenn ich den Mont Blanc besteigen will, muss ich all die Techniken beherrschen. Mehr noch: Ich muss sie so gut beherrschen, dass ich nicht mehr darüber nachdenken muss, was zu tun ist.

"Die Spaltenbergung muss ma' üben, gell, immer und immer wieder", sagt Abi. Die Knoten, die Technik - all das müsse man verinnerlichen und automatisieren. Eigentlich heißt Abi Albert Kirschner, aber so nennt ihn hier niemand. Der 53-Jährige ist seit mehr als 30 Jahren Bergführer, seit 1995 arbeitet er beim DAV Summit Club, der Bergschule des Deutschen Alpenvereins (DAV).

DAV Summit Club
DAV Summit Club
Der DAV Summit Club ist die Bergsteigerschule des Deutschen Alpenvereins (DAV). Weltweit bietet der Club Aus- und Fortbildungskurse sowie Expeditionen zu teilweise entlegenen Zielen an. Begleitet werden die Touren durch geprüfte Bergführer.
Info/Kontakt
www.dav-summit-club.de
info@dav-summit-club.de
Telefon: +49 89 23239734
Hauptsitz: München
Grundkurs Eis
Der DAV-Summit-Club-Kurs "Grundkurs Eis" befasst sich mit einer intensiven Eisausbildung am Gletscher. Sieben Tage lang lernen die Teilnehmer wichtige technische Grundkenntnisse, wie etwa das Gehen auf Steigeisen, den Einsatz von Eispickel und Eisgeräten, Spaltenbergung, Selbstrettung, Abseilen oder Planung von Touren. Stimmen die Bedingungen, wird am Ende der Woche die Wildspitze, mit 3772 Metern der zweithöchste Berg Österreichs, bestiegen.

Abis jahrelange Erfahrung in den Bergen merkt man nicht nur daran, dass er sich mit Bergstiefeln und Steigeisen auf unebenen Wegen routinierter bewegt als andere mit Turnschuhen auf Asphalt. Man hört es auch an seinen Geschichten.

Einmal sei er dabei gewesen, als mitten in der Nacht zwei Bergsteiger zur Hütte gekommen seien und um Hilfe gebeten hätten, erzählt er. Ihr Freund sei in eine Gletscherspalte gerutscht, schon vor Stunden, und sie bekämen ihn nicht heraus. Als er mit einem anderen Bergführer am Unfallort ankam, war der Mann tot. "Erfroren", sagt Abi. "Der hat zur Hälfte im Wasser gesteckt."

Fotostrecke

18  Bilder
Gletscherkurs in den Ötztaler Alpen: Schnee und Eis

Auf dem Rückweg vom Gletscher zum Taschachhaus, dem DAV-Ausbildungsstützpunkt, bleibt Abi an einem Kreuz stehen. Ein Foto ist daran angebracht. "Ein guter Freund", sagt er. "Und ein sehr erfahrener Bergführer." Vor ein paar Jahren sei er mit einer Gruppe im Winter auf einer Skitour unterwegs gewesen und dabei verunglückt. Die Gruppenteilnehmer hätten nicht gewusst, was zu tun sei, und zu spät Hilfe geholt. Wir schweigen betreten.

Mit Abi unterwegs zu sein, vermittelt uns Sicherheit. Selbst als wir auf einer Tour zum Urkundsattel auf 3060 Metern in ein Unwetter geraten, bleibt er ruhig. "Auffi geht's, a bissl schneller laufen", sagt er, während uns der Hagel so heftig ins Gesicht schlägt, dass die Wangen brennen. Dass ihm etwas passieren könnte und wir auf uns alleine gestellt wären - undenkbar.

Beinahe alle Bergführer haben schon miterlebt, wie Menschen verunglückt sind, teils Freunde, oft Familienangehörige. Beim Abendessen im Taschachhaus erzählen sie die Geschichten mit einer gewissen Leichtigkeit. Das gehöre eben zum Job dazu.

Taschachhaus
Taschachhaus
Das Taschachhaus (2434m) ist der Ausbildungsstützpunkt des Deutschen Alpenvereins (DAV) in den Ötztaler Alpen. Am Fuße der 3768 Meter hohen Wildspitze und in unmittelbarer Nähe des Taschachferners ist die Hütte Ausgangsort für verschiedene Kurse, wie etwa Expeditionsvorbereitungen, Eisklettern oder Spaltenbergung. Im Sommer und im Winter können zahlreiche, teils anspruchsvolle Touren durchgeführt werden.
Info/Kontakt
www.taschachhaus.com
Tel: +43 664 1384465
Anreise
Mit der Bahn bis zum Bahnhof Imst/Pitztal. Von dort mit dem Bus ins Pitztal. Das Hotel Gundolf kümmert sich um den Rucksacktransport. Es gibt verschiedene Zustiegsmöglichkeiten, über die das Taschachhaus in etwa drei bis vier Stunden Gehzeit erreicht werden kann.
Kurssuche
Alpenvereine und private Anbieter bieten organisierte Touren, Aus- und Fortbildungen am Taschachhaus an.
www.alpenverein-muenchen-oberland.de
www.dav-summit-club.de
www.hauser-exkursionen.de
www.alpinewelten.com

Punkt halb sieben bilden sich auf der gemütlichen Hütte lange Schlangen vor dem Salatbuffet. Eine riesige Schüssel Suppe kommt auf jeden Tisch, Bier wird ausgeschenkt. Die Atmosphäre ist ausgelassen und redselig. Es ist das Ende unserer Woche, und wir bestellen eine Runde Schnaps, um anzustoßen.

Als ich Abi vor sieben Tagen erzählt habe, dass ich auf den Mont Blanc will, war er sehr skeptisch. Ich solle erst einmal ein paar mehr Dreitausender besteigen, hatte er mir geraten. Der Mont Blanc sei "nicht ohne". Abi kennt den Berg, er war selbst schon mehr als 70-mal auf dem Gipfel. Seine Worte sind hängen geblieben. Immer wieder überkamen mich im Laufe der Woche Zweifel.

Mit Schnaps in der Hand frage ich Abi, ob er glaubt, dass ich das schaffen kann. "Jetz' hab i di ja a Woche kennen g'lernt", sagt er. Er habe sich ein Bild davon machen können, wie ich mich auf Steigeisen bewege, wie ich mich in Gefahrensituationen verhalte und wie ich klettere. Abi erhebt sein Glas. "Also i geb' dir grünes Licht für'n Mont Blanc."

In den kommenden Wochen zeigt Katherine Rydlink bei SPIEGEL ONLINE in einer sechsteiligen Serie, wie sie sich auf die Hochtour auf den Mont Blanc vorbereitet - vom notwendigen Training, Gletscherkursen bis zur richtigen Ausrüstung - und den Aufstieg wagt.

Hier lesen Sie die ersten Teile:

Teil 1 - Der Mont Blanc und ich: Warum mich Schweiß und Angst glücklich machen

Teil 2 - Gefahren: "Beim Klettern will man fallen, beim Bergsteigen nicht"

Teil 3 - Training: Atemlos in der Höhenkammer

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insgesamt 8 Beiträge
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rossma 20.08.2017
1. Berg bezwingen?
Einen Berg bezwingt man nicht. Man bezwingt höchstens seinen inneren Schweinehund. Ansonsten viel Erfolg bei der MB Besteigung. Was ich mich allerdings frage: wieso wird aus dieser Besteigung eine solche Wissenschaft gemacht? Das hat nichts mehr mit Dem ursprünglichen Bergsteigen zu tun und spiegelt m.M. Nach unsere "Ich breche jetzt mal aus dem Hamsterrad aus und muss der Welt zeigen das ich auf einen namhaften Berg laufen kann Gesellschaft) zu tun. Genau wie die Mount Everest Touris, wo wahrscheinlich niemand alleine raufkommen würde. Wieso setzt man sich nicht erstmal realistische Ziele und besteigt Berge, die im eigenen Bereich des möglichen liegen und wozu man keinen Bergführer benötigt (wie im Text beschrieben, wenn dem Bergführer was passiert, dann ist schnell Schluss mit lustig). Ich für meinen Teil steigere mich von Jahr zu Jahr mit meinen Touren, habe auch teilweise Kurse des DAV etc genossen, einfach weil ein gewisses Basiswissen vorhanden sein muss. Die Touren steigere ich dann je nach Erfahrungsgrsd und erlebe die Berge so sicherlich intensiver, auch wenn der MB noch ein Fernziel ist, weil es weitaus schönere Berge und Ziele gibt, die noch nicht so überlaufen sind.
El pato clavado 20.08.2017
2. Muss das sein ?
sehr geehrte Frau Rydlink, habe Sie den SPIEGEL nicht gelesen, der ausführlich über die bedrohten Alpen berichtete ?
ge1234 20.08.2017
3. Grünes Licht!
Zitat: "Er habe sich ein Bild davon machen können, wie ich mich auf Steigeisen bewege, wie ich mich in Gefahrensituationen verhalte und wie ich klettere". Ich glaub eher, er weiß, dass sein Bergführerkollege sie im Zweifel hinter sich her zum Gipfel zieht und schleift!
mustlaffa-allahwail 20.08.2017
4. Spalten am MB?
der Normalweg auf den MB erfordert eine gute Kondition und man muss mit der merklich dünneren Luft, die man ab etwa 3500m wahrnimmt, klarkommen. Technisch ist der Normalweg sehr einfach. Gefahr besteht bei der Querung zweier steiler Rinnen durch Steinschlag. Aber Gletscherspalten...? Oben am Dome de Gouter ist es sehr flach, da gibt es weit und breit keine Spalten. Man könnte dort Fußball spielen! Und verirren kann man sich auch nicht- immer der gelben Spur nach, oder der Urinpolonese auf den Gipfel folgen.
matteo51 20.08.2017
5. oh je...
..mir schwant etwas: ist das etwa eine PR-Aktion für den Summit Club/DAV? Das wäre ja ziemlich das letzte....unter dem Deckmäntelchen von Journalismus so ein abgestandenes Thema...au weia, wenn so wäre...
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