Mein Weg auf den Mont Blanc "Beim Klettern will man fallen, beim Bergsteigen nicht"

Die größte Hürde beim Bergsteigen? Der eigene Kopf. Katherine Rydlink will den Mont Blanc besteigen und braucht dafür gute Nerven. Eine Multimedia-Serie über Vorbereitungen einer Tour auf Europas höchsten Berg.

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"Na, komm, einfach springen!" Ein Blick zu Thomas Küpper, der zehn Meter unter mir steht und heraufgrinst, ein Blick zur letzten Expressschlinge einen guten halben Meter unter meinem Fuß. Mein rechtes Bein beginnt zu zittern, die Hände werden feucht, der Puls steigt. "Schisser", schimpfe ich mich selbst - und lasse mich fallen.

Zwei, drei Meter weiter unten stoße ich mich mit den Beinen von dem Felsen ab, der völlig zurecht den Kosenamen "senkrechter Kartoffelacker" trägt. Küpper schwebt am anderen Ende des Seils ein paar Meter über dem Boden. Er ist mir entgegengesprungen, um den Sturz abzufedern. "Und? War schlimm?", fragt er, immer noch grinsend. "War nicht schlimm", antworte ich beschämt. Meine Angst war wieder einmal unbegründet.

Küpper ist Expeditionsarzt. Jahrelang war er Bergretter im Wallis, forschte im Himalaya und in Teilen Afrikas, inzwischen lehrt der 52-Jährige an der Universität in Aachen im Institut für Arbeits- und Sozialmedizin. In Nideggen in der Eifel erklärt er mir rund 300 Meter über dem Meeresspiegel, welche Gefahren große Höhen mit sich bringen - und wie wichtig es ist, sich auch mental darauf vorzubereiten.

Zur Person
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    Katherine Rydlink, geb. 1988, arbeitet seit drei Jahren bei SPIEGEL ONLINE. Sie kommt aus Würzburg. Erst im flachen Norddeutschland hat sie ihre Liebe zum Klettern entdeckt. Auf einem Viertausender stand sie noch nie. Einen Versuch ist es trotzdem wert, denkt sie, und will in diesem Sommer den Mont Blanc besteigen. Drei Monate hat sie für die Vorbereitung.

"Sportklettern und Bergsteigen haben vieles gemeinsam", sagt er. Das Vertrauen in den Kletterpartner und das Material etwa, das Hantieren mit Sicherungsgerät und Knoten, die Berge. Eines aber nicht: "Beim Klettern will man fallen, um bis an seine Grenzen gehen zu können - beim Bergsteigen will man das Fallen tunlichst vermeiden", sagt Küpper. Denn das könne der letzte Sturz sein. "Und genau dieses Risiko kann einen oft an seine psychischen Grenzen bringen."

Neben der offensichtlichen Gefahr des Abstürzens wird ein Risiko im Hochgebirge oft unterschätzt: die Höhe selbst. "Ab 2500 Metern geht es los", sagt Küpper. Der Sauerstoffpartialdruck falle immer weiter, der Körper stehe wegen des Sauerstoffmangels unter Stress.

"Die ersten Anzeichen von Höhenkrankheit sind Kopfschmerzen und Schwindel", sagt er. "Häufig auch Konzentrationsschwächen." Die Belastbarkeit sinke in der Höhe, sowohl körperlich als auch mental. "Verschlimmern sich die Symptome, kommen etwa Verwirrtheit oder Herzrasen hinzu, sollte man sofort absteigen", sagt er. Im Ernstfall drohten Lungen- oder Hirnödem.

Wissenswertes zur Höhenkrankheit
Höhenkrankheit
Die Höhenkrankheit (Acute Mountain Sickness, AMS) ist eine Reaktion des Körpers auf Höhen über 2500 Metern. Dort nehmen Sauerstoffgehalt und Luftdruck rapide ab. Wenn der Körper nicht genug Zeit hat, sich auf die geringe Sauerstoffversorgung einzustellen, können schwerwiegende Symptome die Besteigung behindern. Der Mensch ist allerdings dazu fähig, sich an gewisse Höhen anzupassen. Diese sogenannte Akklimatisierung ist vor allem für mehrtägige Wanderungen in große Höhen obligatorisch. In der sogenannten Todeszone ab etwa 7000 Metern aber kann sich der Körper nicht mehr regenerieren.
Symptome
- schwerer Kopfschmerz
- schnelle Atmung / Atemlosigkeit / Atemnot bei Anstrengung
- Leistungsabfall / Müdigkeit
- Herzrasen und schneller Puls
- Schlaflosigkeit
- Appetitlosigkeit
- Übelkeit mit Erbrechen
- Schwindel / Gangunsicherheit / Benommenheit / Konzentrationsschwäche
- reduzierte Harnmenge / Ausscheidung von dunklem Harn
- Druck auf der Brust
Risiken
Missachtet man die Symptome der Höhenkrankheit, kann das schwerwiegende Folgen haben: Ignorieren Bergsteiger die Alarmsignale des Körpers, riskieren sie zum einen schwere Bergunfälle. Zum anderen drohen Höhenlungenödem oder Höhenhirnödem, also das Einlagern von Wasser in Lunge oder Gehirn. Diese können schnell zu einer lebensbedrohlichen Situation führen.
Vorbeugung
Der Körper kann sich an Höhen bis zu 5500 Metern meist gut anpassen. Ab einem längeren Aufenthalt auf mehr als 2500 Metern ist eine ausreichende Akklimatisierung zwingend erforderlich. Durch Aufenthalt und Eingehtouren in Höhen ab 3000 Metern bildet der Körper Erythrozyten und erhöht Atem- und Herzfrequenz. Die Akklimatisierung ist dabei individuell verschieden und unabhängig von der körperlichen Fitness. Wichtig dabei ist es, langsam aufzusteigen. Die Faustregeln: Nicht mehr als 300 bis 500 Höhenmeter pro Tag ("not too high too fast"), die Schlafhöhe sollte unter der maximalen Tageshöhe liegen, viel trinken.
Behandlung
Lassen die Symptome der Höhenkrankheit nicht nach, muss sofort zügig abgestiegen werden. Dabei sollte man den Oberkörper möglichst aufrecht lagern. Medikamente können bei der Behandlung der Symptome helfen, doch ist Vorsicht geboten: Denn sie lindern zwar die Symptome, führen aber auch dazu, die Anzeichen von Höhenkrankheit zu unterschätzen. In extremen Höhen greifen Bergsteiger oft zu künstlichem Sauerstoff.
Info
Österreichische Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin: www.alpinmedizin.org
Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin: www.bexmed.de

Wichtig sei es deshalb, sich vor einer Hochtour gut zu akklimatisieren. Der menschliche Körper könne sich an gewisse Höhen anpassen. "Ohne Akklimatisierung geht gar nichts. Und die ist völlig unabhängig von der körperlichen Fitness, jeder verträgt die Höhe anders", sagt Küpper.

Die Herausforderungen am Mont Blanc

Auch am Mont Blanc kann die Höhe Bergsteigern schwer zu schaffen machen. "Gerade auf dem letzten Abschnitt zwischen Goûter-Hütte und Gipfel haben manche mit Übelkeit und Erbrechen zu kämpfen", sagt Bergführer Stephan Schanderl. Rund zehnmal pro Jahr ist der 42-Jährige auf dem Mont Blanc, er führt Gruppen für den DAV Summit Club, die Bergschule des Deutschen Alpenvereins.

Der Mont Blanc
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Normalweg (Klicken für mehr Informationen)
Der Normalweg, oder auch "Goûter"-Route, ist die einfachste und meistbegangene Route auf den Mont Blanc. Von Chamonix aus fährt man mit der Seilbahn zur Station Nid d'Aigle (2372m) und steigt von dort auf zum Refuge de la Tête Rousse (3167 m). Auf dem Weg zum Refuge du Goûter (3835m) durchquert man die gefährlichste Stelle des Normalwegs: Das Grand Couloir, wegen der Steinschlaggefahr auch "Todeskorridor" genannt. Über das Vallotbiwak (4362m) und den schmalen Bossesgrat geht es zum Gipfel.

Schanderl erlebt regelmäßig, wie sich unerfahrene Alpinisten auf den Weg machen - und sich unfreiwillig in lebensgefährliche Situationen begeben. "Ich habe schon Leute im Grand Couloir ihre Trinkflaschen auffüllen sehen, während ich im Dauerlauf vorbeigejoggt bin", sagt er.

Dabei sei es überlebenswichtig, so zügig wie möglich durch die Rinne zu gehen, sagt Schanderl. Nicht jedem sei das bewusst. Aber der rund 100 Meter lange Streckenabschnitt auf dem Normalweg ist eine der gefährlichsten Stellen am Mont Blanc und wird auch "Todeskorridor" genannt.

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15  Bilder
Mont Blanc: Der höchste Berg der Alpen

Dort kommt es besonders häufig zu unberechenbarem Steinschlag - große Gesteinsbrocken reißen Bergsteiger in die Tiefe. "Man gewöhnt sich nie wirklich daran, das Couloir durchqueren zu müssen", sagt der Bergführer. "Es fühlt sich auch nach so vielen Jahren an wie in einem Schützengraben."

Häufig ist es tatsächlich die Unwissenheit einiger Alpinisten, die zu schweren Unglücken führt - oft ist es auch Pech. Gefahren wie Lawinen, Gletscherspalten oder extremes Wetter lassen sich nicht immer kalkulieren.

Dennoch ist es wichtig, sich schon vorab gut über den Berg und seine Herausforderungen zu informieren: in Infobroschüren, durch Erfahrungsberichte im Netz und auch vor Ort im "Office de Haute Montagne", dem Anlaufpunkt für Bergsteiger in Chamonix. Dort sind Wettervorhersagen, Hinweise über die Situation am Berg und Rat zu einzelnen Routenverläufen verfügbar.

Informationen und Notfallrufnummern
Planung
Alpine Auskunftsstelle in Chamonix:
Office de Haute Montagne (OHM), Tel: 0033 (0) 450-53 22 08
www.chamoniarde.com

Hochgebirgspolizei Chamonix:
Tel: 0033 (0) 450 55 3372

Wetter:
chamonix-meteo.com/chamonix-mont-blanc/weather/

Aktuelle Bedingungen:
www.chamoniarde.com/en/mountain-topics/mountain-conditions#

Begehungsberichte:
https://www.camptocamp.org
www.chamoniarde.com/en/mountain-topics/climbing-report-book#
www.gipfelbuch.ch/gipfelbuch/verhaeltnisse
Im Notfall
- Europaweiter Notruf: 112
- Zentraler Notruf Frankreich: 15
- PGHM Chamonix - Zentrale Bergrettung: 0033 450 53 16 89
Alpines Notsignal
- Hör-/oder sichtbares Zeichen/Rufen, sechsmal innerhalb einer Minute
- Signal jeweils nach einer Minute wiederholen
- Antwortzeichen erfolgt dreimal pro Minute

Nach einem Telefonat mit dem DAV Summit Club als Ansprechpartner für Bergtouren weltweit bin auch ich ein bisschen schlauer: Ich solle einen Gletscherkurs machen, sagte man mir, um mich technisch auf den Mont Blanc vorzubereiten. Spaltenbergung stünde ebenso auf dem Programm wie das Gehen auf Steigeisen.

Und die Sache mit der Akklimatisierung? Wird schwierig in Hamburg, doch glücklicherweise ist es nicht unmöglich: Ich kann in einer Höhenkammer trainieren - einem Raum, in dem eine Höhe von bis zu 4500 Metern simuliert werden kann.

Bleibt noch die mentale Vorbereitung. Beim Sportklettern lerne ich, mit Angst umzugehen. Manchmal klappt das mehr, manchmal weniger gut. Was ich auch gelernt habe: Je mehr ich meinen eigenen Fähigkeiten und meinem Kletterpartner vertraue, je mehr Routine und Erfahrung ich sammle und je besser ich mich auf einzelne Touren vorbereite, desto ruhiger bin ich.

In den kommenden Wochen zeigt Katherine Rydlink bei SPIEGEL ONLINE in einer sechsteiligen Serie, wie sie sich auf die Hochtour auf den Mont Blanc vorbereitet - vom notwendigen Training, Gletscherkursen bis zur richtigen Ausrüstung - und den Aufstieg wagt.

Teil 1 der Serie finden Sie hier.

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